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Kings Of Leon & „When You See Yourself“: Die musikalische Comfort Zone

Kings Of Leon & „When You See Yourself“: Die musikalische Comfort Zone

Kings of Leon veröffentlichen das achte Album ihrer Karriere. Mit ihrem unverkennbaren Nashville-Indie-Rock bleibt die Followill-Familie ein Garant ihres Genres, die Kings Of Leon-DNA unverkennbar in jedem Track auffindbar.

Vier ½ Jahre ist es jetzt her, dass Kings Of Leon ihr letztes Album veröffentlicht haben. Seltsam genau erinnere ich mich an den Freitagmorgen im September 2016, ich war wenige Monate zuvor in meine erste eigene Wohnung gezogen. Am Wochenende zuvor hatte die Band das zweite Lollapalooza in Berlin geheadlined, die Euphorie war noch nicht abgeklungen.

Heute erscheint „When You See Yourself“. Die Wohnung ist dieselbe. Doch haben nicht nur die Wände ihre Farben und aufgehängten Kunstwerke gewechselt, auch das Leben in ihnen ist ein ganz anderes. Einstige Liebe ist erloschen, geblieben ist die „WALLS“-CD, die ich zum Valentinstag bekam (und wäre es nicht ausgerechnet ein Kings Of Leon-Album, die CD wäre vermutlich mit rausgeflogen). Alles ist anders, vier ½ Jahre eine lange Zeit, ich erkenne mich auf Fotos von damals optisch noch wieder, sehe große Veränderungen.

(Außerdem fällt mir auf, wie sehr ich Indie-Parties vermisse, auf denen spätestens in der zweiten Stunde alle glückstrunken ihre Arme und halbleeren Becks-Flaschen zu „Sex On Fire“ in den Diskohimmel reißen, als würden sie den totgespielten 00er-Indie-Hit zum ersten Mal zu Hören bekommen.)

Doch sobald ich das Album starte, setzt ein Gefühl von Vertrautheit ein. Nicht gebunden an Jahre, Menschen oder Wohnungen. Und trotzdem ist es eine Art „nach Hause kommen„, wenn du weißt, was ich meine. Ironischerweise heißt der Opener „When You See Yourself, Are You Far Away”, als hätte die Band gewusst, welche Gedankengänge und Erinnerungen sie in mir auslösen würden.

Kings Of Leon sind eine Band ohne doppelten Boden. Kein drastischer Imagewechsel zu jeder Albumphase. Ohne jegliche Versuchung, eine Prise EDM zwischen die Gitarrensaiten zu legen (mal ehrlich, lassen wir das doch einfach komplett sein) oder einem anderweitigen Midlife-Crisis-Trend zu verfallen. Ich denke über die ewigwährenden Kommentare der gespaltenen Kings Of Leon-Fanlager nach. Jene, die alles nach Album Nr. 3 kategorisch verteufeln und das auch 14 Jahre später noch in Online-Foren tippen, wenn Kings Of Leon mal wieder irgendwo ein Festival headlinen. Sie sind für mich ein ebenso essenzieller Bestandteil dieser Band wie die unverkennbare, unbrechbare Sound-DNA selbst.

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„When You See Yourself“ hat sie alle.
  • Die große Stadionhymne: „The Bandit“
  • Die „darüber freue ich mich auf der Setlist“-Tracks: „Golden Restless Age“ & „Stormy Weather“
  • Die ruhige, schwere Ballade: „100,000 People“
  • Diesen einen Song, der an einer Stelle ein bisschen im Herzen ziept: „A Wave“
  • Den „Keine Single“-Underdog-Favoriten: „Time in Disguise“
  • Die „Future Roadtrip-Playlist“-Kandidaten: „Claire and Eddie“ & „Echoing“

Ist „When You See Yourself“ originell? Nicht auf voller Länge, doch in den Details. Aber muss „When You See Yourself“ überhaupt originell sein? Nein. Denn seien wir ehrlich, es ist doch immer das Selbe: Verändert sich eine Band in die eine, andere oder eine ganz abwegige Richtung weiter, heißt es „früher waren sie besser„. Bleiben sie bei ihrem Handwerk und feilen Album für Album mehr daran, schimpfen die Nostalgiker plötzlich über die unprogressive Arbeit. Am Ende müssen wir uns aber damit abfinden, dass es verschiedene Typen von Bands gibt, die verschiedene Wege nehmen, auch mal nach Experimenten zurückkehren oder ihrem Bauchgefühl vertrauen.

Ich bin froh über eine Band wie Kings Of Leon, die ihre Rezeptur nicht auf den Kopf stellt, höchstens verfeinert – gerade so viel, dass es noch nicht zu offensichtlich ist. Damit einen Rückzugsort schaffen, wenn sich die Welt wieder zu schnell dreht oder wie momentan zum scheinbaren Stillstand kommt. Wir brauchen alle unsere musikalische Comfort Zone.

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