Das sächsische Chemnitz, das an 51 Wochenenden des Jahres eher dafür bekannt ist, unspektakulär zu sein, steht am Freitagmorgen bereits um 9 Uhr Kopf. Scharen von vollbepackten Freundesgruppen, bewaffnet mit Zelten und zu schweren Rucksäcken, trudeln am Hauptbahnhof der Stadt ein. Laut und rüpelhaft, wie man es vielleicht von anderen Festivals kennt, ist es nicht. Nein, ganz im Gegenteil liegt eine wunderschöne Friedlichkeit in der Luft, die das KOSMONAUT FESTIVAL bis zur letzten Minute seiner 6. Ausgabe nicht verlieren wird.

Ab in das SPACESHUTTLE, Take-Off zum Stausee Rabenstein. Der Vormittag wird mit Bändchen-Vergabe, Zeltplatzsuche und der ersten Runde Flunkyball verbracht, bevor es gegen Mittag in die hauseigene FLUNKYBALL ARENA geht. Eingeweiht wird diese von Team KRAFTKLUB vs. Team FEINE SAHNE FISCHFILET. Ein Träumchen!

Bereits am Mittwoch anreisen durften 10 Gruppen, bestehend aus 10 Leuten, die beim „Kamp mit K“ gewonnen hatten und nach Lust und Laune ihre Quadratmeter bebauen durften. Gesellschaft leistet ihnen FYNN KLIEMANN, der mit seinem YouTube-Channel „Kliemannsland“ Klicks in Millionenhöhe generiert und auf dem Campingplatz ein beindruckendes Camp erbaut hat, inklusive Seifenblasenmaschine!

Als um 13 Uhr das Kosmonaut-Gelände zum 1. Mal seine Tore öffnet, ist der Ansturm groß, die Freude größer. Ab der allerersten Sekunde wird klar: hier steckt Liebe drin. So wahnsinnig viel Liebe für Details, für das Feeling, für die Kleinigkeiten, für das Wohl aller. Am Fuße des großen Hügels, an welchem das Kosmonaut Festival stattfindet, liegt der Stausee, der bereits nach wenigen Minuten mit in Badesachen gekleideten Festivalbesucher gesprenkelt ist.

Hier gibt es so viel zu sehen, so viel zu entdecken, so viel zu tun, dass man fast vergessen könnte, das hier ja ’ne Menge großartiger Bands & Künstler spielt. YUKNO aus Österreich eröffnen die Atominobühne im hinteren Bereich des Geländes, wenig später stehen hier RIKAS aus Stuttgart. Während YUNGBLUD die große Hauptbühne am See eröffnet, genehmige ich mir ein Handbrot beim TEIGONAUT. Ja, hier ist wirklich alles auf das Kosmonaut-Thema abgestimmt und verdammt, ist das schön!

Eins der vielen musikalischen Highlights bietet die Band HER um Victor Solf. Die Mischung aus astreiner Soulpop-Musik und der „Gänsehaut am ganzen Körper“-Stimme des Frontmanns ziehen den Zuschauer in Windeseile in seinen Bann. Victors breites Lächeln lässt sich nicht übersehen und überträgt sich automatisch auf die Stimmung der Besucher. Eine ungeahnte Energie entsteht dort oben auf der Bühne, so hätte ich mir ein HER-Konzert gar nicht vorgestellt. Auf die Frage, wie viel Zeit der Stagetime übrig sei, antwortet Victor scherzend im gebrochenen Deutsch „ich brauche noch fünf Minuten“ – der Startschuss für ihren Erfolgshit „5 Minutes„. Wow, wow, wow!

Ebenso wow sind immer und immer wieder die Auftritte von FABER, der mit seinem Lächeln und den frivolen Texten tanzbaren Singer-Songwriter-Indie-Worldmusic-Krams für’s Herz macht.  Der Schweizer hat sich in den letzten Jahren, grad im letzten mit seinem Debütalbum „Sei Ein Faber im Wind„, einen großen Namen gemacht, der mit einer großen Menge mitsingender Menschen gewürdigt wird. Und mit seinem Song „Tausendfrankenlang“ ist der Ohrwurm für’s gesamte Wochenende gesetzt.

Eine Neuerung in diesem Jahr ist zu meinem eigenen Vergnügen die WORTBÜHNE, auf welcher man mit etwas Glück seine liebsten Podcast-Menschen nicht nur hören, sondern auch sehen kann. Pünktlich zum Start des Slots von IM AUTOKINO, dem kompetensten Filmpodcast der Nation, geführt von Max „Rockstah“ Nachtsheim  und Chris „Grissy“ Nanoo. Der Andrang  ist riesig, entspannt fläzt man sich in Begleitung der letzten Sonnenstrahlen an den kleinen Großstadtstrand. Bis zum 1. gemeinsamen Lacher dauert es nicht lang, aber was anderes wäre auch nicht zu erwarten gewesen. Doch kommen die Aschaffenburger Herzchen nicht allein, nein, sie haben sich Megamultitalent Fynn Kliemann eingeladen. Sie sprechen über das kleine Kosmonaut-Kliemannsland, die Missgeschicke beim Videodreh zu „Zuhause“ und allerlei anderen Dingen.

Ein kurzer Locationwechsel verspricht, eines der deutschen Hoffnungsträger der Stunde (#drangsal4esc2019) live erleben zu können: DRANGSAL. Mit „Zores“ veröffentlichte er ein wahnsinnig gutes Album und beweist am heutigen Tage, wie gut die Songs live funktionieren. Hinzu kommen einige „Harieschaim„-Songs und die besondere Art von Max Gruber. Ein Liveact, den man sich 2018 keineswegs entgehen lassen darf.

Langsam aber sicher nähern wir uns dem Höhepunkt. Doch vor dem eigentlich Höhepunkt in Form des geheimen Headliners stielt eine andere Band dem außergewöhnlichen Format glatt die Show. Unsere liebsten Punkrocker, die wichtigste Band der aktuellen Zeit, die liebenswürdigen Menschen, kurz um: FEINE SAHNE FISCHFILET. Konzerte der Rostocker machen wahnsinnigen Spaß, sind aber ebenso emotional und Message-geladen. Man tanzt, gröhlt seine Lieblingspassagen mit den Fäusten in die Luft gestreckt mit und findet gemeinsam Menschen scheiße, die Rassismus, Sexismus, Homophobie und den anderen Kram gut finden. Sänger Monchi ist glatt der sympathischste Mensch der Welt, sein ehrliches Lächeln, das ihm beim Anblick der feiernden Meute immer wieder über die Lippen huscht, macht die Sache nicht „besser“. Es macht so viel Spaß – und zwar für alle Parteien – dass die Band glatt einige Minuten überzieht. Wie Monchi so schön scherzt: „Glaubt ihr, jetzt ist’s schon zu Ende? Quatsch, der geheime Headliner sind wir auch noch!„. Ganz ehrlich? Damit hätte ich mich zufrieden gegeben.

Stattdessen müssen die Jungs dann wirklich irgendwann runter von der Bühne, um den geheimnisvollen Auftritt des geheimnisvollen GEHEIMEN HEADLINERS vorzubereiten. Ein undurchsichtiger schwarzer Vorhang lässt nicht hinter die Fassade luken, die Gerüchte sind heiß, doch was dann passiert – tja, damit hätte wirklich niemand gerechnet. Die fünf Kraftklub-Jungs kündigen eine „ganz besondere Ausgabe der Geheimen Headliners“ an und als der Vorhang fällt, atmet für einige Sekunden niemand. Ungläubig starren die Menschen Rapper RIN an, der zwar echt erfolgreich, aber niemals Headliner sein würde. Nach 4 Songs, darunter die Rin-Klassiker „Blackout“ und „Bros“, verlässt er die Bühne. Sein Backbanner fällt und gibt die Bühne frei für….BAUSA. Okaaaay, was passiert hier? Auch der „Was du Liebe nennst“-Rapper verlässt nach 4 Songs die Bühne. Der Backdrop fällt wieder und dann steht plötzlich HAIYTI auf der Bühne. Niemand blickt durch, keiner weiß, was als nächstes passiert. Abgelöst wird die Hamburger Rapperin nach ihrem Quartett aus Songs von…was, CRO?! Als der Pandamaskenmann seinen 5. Song anstimmt, ist man sich einig, er wäre der geheime Headliner, aber…nach dem 6. Song verlässt auch er die Bühne.

Wieder fällt ein Vorhang, keiner kommt mehr klar. Zwei Wimpernschläge später stehen MARTERIA und CASPER auf der Bühne und kündigen mal eben so ohne Vorwarnung ihr gemeinsames Album „1982“ an, mit dem wirklich niemand mehr gerechnet hätte. Schon gar nicht hier, schon gar nicht heute. Sie performen „Champion Sound„, die erste Singleauskopplung mit einer Leichtigkeit, während sich so einige Besucher vor lauter Überraschung und Verwirrung und aller anderen Emotionen die Seele aus dem Leib kreischen. Ein traumhaftes Feuerwerk setzt dem ganzen die Krone auf, dann ist es vorbei. Stille. So recht kann sich niemand gerade rühren. Was war das denn? Wer hatte denn diese Idee? Wie konnte man die Kosmonaut-Menschen SO hinter’s Licht führen?

Nach dem großen Schock sammelt sich das Kosmonaut noch bis 3 Uhr bei den Partybrüdern von den DRUNKEN MASTERS. Ihre Kumpels FELLY (der mit dem „Ibrahimovic“-Song) und BLVTH (ein junger Künstler, den man sich schnellstens anhören sollte) sind auch am Start, springen neben dem DJ-Pult herum und lassen es sich nehmen, den ein oder anderen Song zu performen.

Irgendwann klettert man dann ins Zelt, ohne eine Vorahnung davon zu haben, dass die Nacht alsbald unterbrochen werden wird…


Autorin & Photocredit: Anna Fliege