Der Samstag ist bekanntlich der beste Tag zum Ausschlafen – denkste. Nicht beim Kosmonaut Festival. Diejenigen, die dachten, die letztjährige Weckaktion der Kraftklub-Bande hätte nicht übertroffen werden können, wurde an diesem Samstagmorgen um 07:30 auf Campingplatz 1 eines Besseren belehrt. Niemand geringes als die Geheimen Headliner CASPER und MARTERIA standen Punkt halb 8 mit ihrer dicken, „1982“-gebrandeten Karre mitten auf dem Campingplatz und präsentierten neben „Champion Sound“ auch einige Klassiker in einer solchen Lautstärke, dass niemand davon nicht aufwachen konnte.

So bleibt bis zur Öffnung des Festivalgeländes also genügend Zeit, sich am Frühstückszelt auf einen tatsächlich leckeren Kaffee zu treffen, bevor man wieder den festivaltypischen Kaltgetränken verfällt. Für ein Campingplatz-Frühstück ist dieses äußerst lecker und weiterzuempfehlen. Neben liebevoll belegten Brötchen, Crossaints und Müsli werden hier zu dem typischen Filterkaffee sogar Kaffeespezialitäten und O-Saft serviert.

In der prallen Mittagssonne wächst die Schlange vor dem Gelände immer weiter, die meisten haben sich ihr Badehandtuch unter den Arm geklemmt. Die Stimmung ist ausgelassen fröhlich, der Himmel strahlend blau – dieses Festival könnte noch wochenlang so weitergehen.

Die Band Nummer 1 auf meinem heutigen Zettel heißt SIND, kommt aus Berlin und veröffentlichten mit „Irgendwas Mit Liebe“ eins der besten Alben dieses Jahres (meiner Meinung nach). Die Vorfreude, diese Songs endlich einmal live zu hören, ist enorm und wird mit dem halbstündigen Set nicht gemindert. Das Fünferpack erfreut sich mindestens genauso an die große Scharr an Menschen, die mindestens „Alpina Weiß“ auswendig mitsingen können, wenn nicht sogar die komplette Setlist. Ein Schmankerl gibt es zum Schluss, denn Gitarisst Hannes erobert das Mirko und legt eine astreine Eros Ramazotti-Perfomance auf’s Parkett. Ein paar Leute sind verwirrt, andere schockt nach dem gestrigen Abend überhaupt nichts mehr.

Nach SIND geht es schnurrstracks runter zum See, um sich mit dem kanadischen Wahlberliner SAM VANCE-LAW auf eine traumhafte Mittagsverabredung zu treffen. Sein Album „Homotopia“ hat einige Hits im Petto, die live noch einmal viel schöner sind. Wer das hier verpasst, ist ziemlich blöd.

MILLIARDEN sind schon am frühen Nachmittag der reinste Publikumsmagnet, ihre Fanbase scheint auf dem Kosmonaut riesig zu sein, zumindest bestätigen laute Sprechchöre und die Textsicherheit dies. Die Band, die gerade ihr zweites Album „Berlin“ rausgebracht hat, weiß genau, wie man die Massen in Bewegung bringt. Geiler, rotziger Indierock mit schönen Lyrics und die kleine Prise Extravaganz. Gegen Ende wollen sie den Rekord im Massen-Zungenkuss aufstellen und verpassen den Eintrag ins Guiness Buch nur um eine Zungenspitze.

Ein heißer Geheimtipp sind nun VSK – das Verbale Style Kollektiv, dessen Mitglieder man teilweise reinzufällig von K.I.Z. kennen könnte. Ja, genau, Tarek, Maxim und Nico sind da. Doch statt als Headliner auf der großen Bühne zu stehen, rappen die Berliner auf der kleinsten Bühne des Festivals mitten am Tage gemeinsam mit Rapfreunden und bringen Freude in die Gesichter der Besucher, die sich nicht hinters Licht führen ließen.

Während OLLI SCHULZ zwischen seinen typischen Olli-Ansagen, die man aus „Fest & Flauschig“ kennt, und den besten Hits der letzten Alben springt, nehme ich die Möglichkeit wahr, eine POSTKARTE an die Daheimgebliebenen zu schreiben. Für 50 Cent erwirbt man eine mit Briefmarke versehrte Karte, die man am liebsten selbst behalten möchte. Schnell noch Grüße draufgekritzelt und ab geht die Post. Am gleichen Häuschen kann man sich für die nächste Runde BINGO vorbereiten und ja, hier kann man quasi alles irgendwie machen.

Chemnitzer Stadtkind und Lieblingsrapper aller Menschen, ob im Feuilleton oder daneben, ist TRETTMANN, der mit seiner One Man Show den Stausee Rabenstein zu einem HipHop-Arm-Meer werden lässt. Zwei Highlights abseits der vielen Hits? , Das kleine Felix Brummer-Feature für „Wie Du„, das nicht nur meinerseits für frenetisches Jubeln sorgt und der große Moshpit, der sich irgendwann einfach so entwickelt.

Noch nicht genug von Deutschrap? Dann sollte man für RAF CAMORA gleich hierbleiben. Doch lieber was Tanzbares? KAT FRANKIE! Ich entscheide mich hingegen erneut für die WORTBÜHNE, auf der ich das letzte Bisschen CREAMSPEAK mitkriege, bei der Sebastian und Max gerade die wichtigsten Fragen (Mischverhältnis bei Spezi und das Für und Wider bei Filz-Möbel-Klebepunkten) klären. Nach einer kleinen Pause ist es dann endlich soweit: PROSECCOLAUNE live. Marek Bäuerlein und Grissy Nanoo (ja, der von IM AUTOKINO von gestern) bringen den dritten Mann im Bunde, Stengers Daniel, der sich meist dezent als Produzent des Podcasts im Hintergrund hält, mit auf die Bühne. Jubel im Publikum! In einheitlichen rosa Hemden erzählen sie vom aufregenden Vorabend, an dem Marek öfters mal verloren ging, klären, ob man von Mon Cherie wirklich betrunken werden kann und erzählen ukulte Geschichten aus ihrem Leben. Schnell wird noch der beste Tankstellensnack gekührt, bevor Stengers Daniel zum großen Finale die schönste Sitz-Wall Of Death unseres Lebens anstimmt.

Eine ungeschriebene Regel lautet: Kein Festivalsommer ohne MILKY CHANCE. Ordnungsgemäß findet sich also das gesamte Kosmonaut Festival bei einem der letzten Konzerte zusammen. Während der Himmel langsam seine Farben wechselt und es dämmert, bekommt dieser Anblick der großen Bühne im Zusammenspiel mit dem glitzernden Stausee-Wasser und dem Spektakel rundum die Performance eine magische Aura. Tanzen, die Augen schließen, breites Lächeln, die Freiheit für ein paar letzte Stunden genießen, als das lässt sich irgendwo zwischen „Ego“ und „Stolen Dance“ perfekt umsetzen.

Den krönenden Abschluss der zwei harmonischsten, schönsten Tage dieses Jahres haben sich die Gastgeber für sich selbst aufgehoben. KRAFTKLUB reißen, natürlich nur im übertragenden Sinne, noch einmal alles ab. Besser könnte der Geburtstag von Frontmann Felix gar nicht sein, oder? Neben der bunten Mischung aus Songs aller drei Studioalben (und „Randale“ selbstredend), wird es immer wieder ziemlich emotional in Chemnitz. Dankesreden, der spürbare Stolz, schon zum 6. Mal ein solch tolles Festival auf die Beine gestellt zu haben, die viele Arbeit, die sich so sehr ausgezahlt hat. Die Fans der Karl-Marx-Städter, also quasi jeder hier, feiert jeden Song aus vollem Herzen und schlussendlich liegt man sich (wieder einmal) bei „Songs Für Liam“ gröhlend in den Armen.


Autorin & Photocredit: Anna Fliege