Deutschrap war nie erfolgreicher als zur jetzigen Zeit. Er dominiert die Charts, die Ticketverkäufe, sogar die Line-Ups jener Festivals, die das Wort „Rock“ in ihrem Namen tragen. Autotune, Cash und das kriminell geprägte Leben im Kiez. Schlagworte, die nicht zu KUMMER passen, man auf „KIOX“ vergeblich sucht.


Ein Artikel von Anna Fliege – Die Geschichte von Felix Kummer ist eine andere. Im Sommer 1989 im damaligen Karl-Marx-Stadt geboren, erinnert er sich nicht bewusst in die Wiedervereinigung, kennt die Bilder des Mauerfalls nur aus Fernsehn und Erzählungen. Mit den Nachwehen der DDR hingegen wuchs er im umgetauften Chemnitz auf, erlebte die gesellschaftliche Spaltung von Ost und West, die Vorurteile, das nicht abebben wollende Rechtsrumdenken der Bürger*Innen.

Er wächst mit seinen drei Geschwistern in einer Künstlerfamilie auf (Zeit Online hat ein tolles Portrait über die Familie Kummer geschrieben: „Der Kraftklub„) , die ihm von der Geburt an in die richtige Richtung weist, ihn zu dem macht, was er heute ist. Neben der politischen Einstellung prägt ihn etwas anderes seit jungen Jahren: Deutschrap. Der „Arschficksong“ von Sido führte zu familieninternen Streitgesprächen, 2007 tauchen seine ersten eigenen Rapsongs unter dem Pseudonym Bernd Bass auf.

Drei Jahre später gründet er mit seinen Freunden und Bruder Till schließlich die Band Kraftklub, 2012 erscheint das Debütalbum „Mit K“ und landet prompt auf Platz 1 der deutschen Albumcharts. So ergeht es ihnen auch mit den zwei folgenden Alben, schnell werden sie zu einer der wichtigsten deutschen Bands der Dekade. Ihre Mischung aus den Rap-Strophen von Felix, der sich den Künstler-Nachnamen Brummer gibt und den Indie-Refrains von Gitarrist Karl treffen den Nerv der Jugend und prägen sie auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden.

In den vergangenen Jahren taucht Felix immer wieder unter verschiedenen Alias auf Tracks anderer Künstler*Innen auf. „Wann kommt endlich mal eine Soloplatte von Felix Brummer?“ fragen sich meine Freunde und ich und der Rest des Landes. Die Antwort ist: JETZT.



Das ist viel Vorgeschichte. Viele Details, die wichtig sind, um „KIOX“ zu verstehen. Der Albumtitel erinnert an den gleichnamigen Plattenladen, den sein Vater Jan Kummer einmal in Chemnitz betrieb. Eine große Geste, eine liebevolle Anekdote.

Das ist nicht die Musik, die du suchst, nicht die Musik, die du brauchst. Weder Rap über Businessmoves noch Motivation, kein ‚Steh wieder auf‘“ beginnt KUMMER sein Debütalbum. Keine falschen Hoffnungen schüren, mit der Wahrheit gerade raus: „…ich mach‘ Rap wieder weich, ich mach‘ Rap wieder traurig.“ Keine Bosstransformation, kein Modus Mio, kein Sexismus.

KIOX“ entwickelt sich zu einem überraschend ernsten, reflektierten Album. Es sind Tracks wie „9010„, „Alle Jahre wieder“ und „Schiff„, die mal mehr, mal weniger metaphorisch vom Aufwachsen und Leben in einer Stadt wie Chemnitz erzählen. „Wir verrotten hier im Zwischendeck zwischen wütenden Kartoffeln und ’nem Haufen Crystal Meth„. Düster und irgendwie aussichtslos, resigniert.

Dabei ist es Felix Kummer, der sich in den letzten Jahren laut und stark gemacht hat für ein Umdenken. Der sich in Songs, auf Bühnen und in Interviews schamlos positioniert, sich mit dem sächsischen Ministerpräsident anlegt, innerhalb weniger Tage das #wirsindmehr-Konzert auf die Beine stellt und sich nicht abhalten lässt, nur weil es im diesjährigen Verfassungsschutz-Bericht steht.



Erwachsen werden. Noch so ein roter Faden auf der kobaltblauen Platte. Die bisherigen Kraftklub-Alben wurden getragen von durchzechten Partynächten, wilden Tourgeschichten und einer verantwortungsvollen Sorgenlosigkeit, die auch mein Leben in der Postadoleszenz wegweisend prägten.

Doch wir sind erwachsener geworden – Felix und ich. „Was ist wenn die beste Phase meines Lebens schon vorbei ist? Wer weiß, vielleicht hab ich eine Quarterlife Crisis“ heißt es in „Der Rest meines Lebens (ft. Max Raabe)„. Ehe man sich versucht, heiraten Freunde, sie gründen Familien und ziehen aus der Stadt, gemütliche Abende statt hemmungslose Besäufnisse im Klub werden zum neuen Standard.

Und während er hier noch feststellt, den „Club der 27“ verpasst zu haben, schlägt die Stimmung im darauffolgenden Track schlagartig um. „26“ handelt von einem verstorbenen Freund, dessen Geburtstag auch Jahre später noch bei Social Media angekündigt wird. „Alles verändert sich, nur dein Profil bleibt gleich„. Es ist der krasse Kontrast, der so schwer im Magen liegt. Ein Song, der an „Michael X“ von Casper erinnert, der einem unweigerlich immer wieder die Tränen in die Augenwinkel treibt, sobald man sich mit der Situation identifizieren kann.

Und weil der Kloß im Hals noch nicht groß genug ist, legt „Es tut wieder weh“ nahtlos weiter nach. Es ist der wohl persönlichste Song in der Karriere von Felix Kummer. Unerwartet diese Ehrlichkeit, erschreckend diese Offenheit: „Ich zitter‘ nicht mehr, kein Angstschweiß, doch die Angst vor der Angst bleibt„. Und auch der Albumabschluss „Ganz genau jetzt“ ist düster, nachdenklich, hat nichts mit dem dauerhaft witzig-ironischen Kraftklub-Felix am Hut.



Aber „KIOX“ ist ein facettenreiches Werk. Und wenn Felix für’s Songwriting zuständig war, darf eines nicht fehlen. Denn ein Händchen für unkonventionelle Liebeslieder hatte er schon immer. Weg vom Kloß im Hals, hin zum Kribbeln in der Magengrube. Mit „Bei Dir“ und „Okay“ liefert er gleich zwei Tracks mit hohem Zitierpotential. Zeilen, die uns unabdingbar an gewisse Menschen denken lassen. Kleine Momente mit Lyrics konnotieren lassen. Uns blöd grinsen lassen. „Ich bin ein Misanthrop, ich hasse alle Menschen gleich. Aber vielleicht, nur ganz vielleicht, bist du okay.

So ganz ohne Provokation kommt auch“KIOX“ nicht aus. „Nicht die Musik“ ist ein idealer Start für dieses Album, später folgen „Wie viel ist dein Outfit wert“ und „Aber nein (ft. LGoony & KeKe)„. Schnelle Trapbeats, knallharte Kritik an der Peergroup ohne unangenehm zu werden, clevere Punchlines en masse. „Es ist Donnerstag, die Stadt hat ein’n Termin. Der Teufel trägt Prada und jeder Trottel trägt Surpreme„. Tracks, die live die Klubs und im nächsten Jahr auch großen Hallen in Moshpits und liebevolle Tumulte verwandeln werden.



Ein KUMMER-Soloalbum habe ich mir jahrelang ausgemalt, vorgestellt, gewünscht. Als es dann plötzlich Wirklichkeit werden sollte, gab ich mich kritisch, mit meiner Euphorie zurückhaltend. „Was wäre wenn…„. Aber nein, die Zweifel hat er erst mit den Singles und schließlich mit den kompletten Album in eine Nichtigkeit verwandelt. Mit brillianten Produzenten wie BLVTH und den Drunken Masters hat KUMMER ein Album geschaffen, das es zu feiern lohnt.

Ein Album, das Deutschrap-Deutschland gefehlt hat. Welches das Genre in eine andere Richtung lenken könnte (oder zumindest einen Teil davon). KUMMER zeigt mit „KIOX„, dass er über die Kraftklub-Grenzen hinausgehen kann – und es auch muss. Er legt Polohemd und die ikonischen roten Hosenträger ab, ja sogar seinen Namen. Für sich selbst und die Musik. Seine Ehrlichkeit, seine realen Probleme dienen als Spiegel für die, die seit Jahren seinen Weg begleiten und verfolgen. Für mich. Für dich. Mit einer Vielfältigkeit, die so viele Debütalben missen. Und einer solchen Genialität in Text und Ton, die ein Newcomer niemals stemmen könnte.


KIOX TOUR 2019 / 2020

26.11.2019 Zürich (CH), Klub Komplex
28.11.2019 München, Freiheiz
29.11.2019 Köln, Gloria
30.11.2019 FFM, Batschkapp
01.12.2019 Ludwigsburg, Scala
03.12.2019 Wien (AT), WUK
04.12.2019 Dresden, Tante Ju
07.12.2019 Hamburg, Gruenspan
08.12.2019 Leipzig, Conne Island
11.12.2019 Berlin, Kesselhaus

13.03.2020 Wiesbaden, Schlachthof
14.03.2020 Würzburg, Posthalle
16.03.2020 Wien (AT), Arena
17.03.2020 München, Tonhalle
19.03.2020 Hannover, Capitol
20.03.2020 Düsseldorf, Stahlwerk
21.03.2020 Münster, Skaters Palace
23.03.2020 Stuttgart, Im Wizemann
24.03.2020 Köln, Palladium
25.03.2020 Berlin, Tempodrom
27.03.2020 Bremen, Pier2
28.03.2020 Dresden, Alter Schlachthof


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Hotel Rocco