Kein Pop-Phänomen hat seit 2009 für soviel Aufsehen gesorgt wie Lady Gaga. Sei es das Kleid aus Fleisch, ihre treue Fangemeinde (die ‘Little Monster’) oder ihr einst weltweit meist gefolgter Twitteraccount. Jeder verbindet Ereignisse, die um oder mit Lady Gaga Ende der 2000ern geschehen sind. Die meisten haben wenig mit ihrer Musik zu tun, trotzdem können Leute die heute Mitte, Ende der Zwanziger sind mindestens einen oder mehrere ihrer Songs nennen. Entweder katapultieren einen die Songs direkt in die Vergangenheit oder zur letzten Pride-Parade zurück. Als bisexuelle Frau und Aktivistin für LGBTQI-Rechte, ist Lady Gaga eine gefeierte Ikone in der Community, Born This Way wird als Hymne angenommen.


Ein Artikel von Carla RosochaLady Gaga wagte sich dieser Wochen mit ihrem sechsten Album ‘Chromatica’ auf die Bildfläche der Popmusikerinnen zurück. Dabei war sie eigentlich gar nicht weg. Zwischen dem vorherigen Album Joanne (2016) und Chromatica liegen vier Jahre. Die wurden gefüllt mit einer Netflix-Dokumentation zur emotionalen Produktion und Promotion des vorherigen Albums, der Auftritt in A Star Is Born – damit die Oscar-Nominierung als beste Schauspielerin und der Oscar-Gewinn für den besten Song: ‘Shallow’, den sie gemeinsam mit Bradley Cooper letztes Jahr gefühlt unzählige Male bewegend performt hat, unter anderem bei der Oscar-Gala selbst. In Chromatica, ihre eigens kreierten Welt, gibt es aber, anders als in der A Star Is Born Produktion oder Joanne, keine einzige Ballade. Gaga beliefert ihre Fans mit 13 (minus den 3 Interludes) Dance-Pop-Tracks.

Die Tracklist wurde schon vor dem Release versehentlich von der amerikanischen Supermarktkette Target geleaked. Dabei sind die Features bereits zum Vorschein gekommen: Ariana Grande, die sich in letzter Zeit an so einigen Songs beteiligt und Blackpink, die koreanische K-POP-Supergroup, die 2017 an Dua Lipas ‘Kiss and Make Up’ mitgewirkt haben. Die beiden sind wohl keine Überraschung. Aber und das ist ein großes Aber, es gibt es ein Feature, an das vorher wohl kaum einer gedacht hätte: Für den Song ‘Sine From Above’ rekrutierte sie mit Elton John (!) eine englische Musiklegende.

Das Album findet an dem Schauplatz Chromatica statt, einem imaginären, futuristischen Land aus der Feder Lady Gagas. Es besteht aus drei Teilen, die jeweils durch Interludes abgetrennt sind. Die Interludes erinnern an Filmmusik, bestehen überwiegend aus Streichinstrumenten und stehen stark im Kontrast zu den Liedern auf dem Album, die alle an extravagante Dance-Pop-Musik aus den 00er Jahren erinnern. Dazu tragen zu einem großen Anteil die Producer BloodPop bei, die für viele der Songs die Beats gemacht haben, Man findet aber auch Größen wie den schwedische DJ Axwell oder Skrillex in den Credits. Das gibt auch eine Idee, auf was man sich da einlässt.

Nach dem Intro meldet sich die Amerikanerin auf dem Song Alice das erste Mal stimmlich. Der Track ist langweilig und die Alice im Wunderland-Metapher ist ausgelutscht. Das Album startet nicht vielversprechend.



Doch dann folgt die erste Singleauskopplung Stupid Love. Für das Album wurde an den Features nicht gespart, dafür aber an Produktionskosten für das Video dieser Single: Gefilmt auf einem iPhone 11 Pro (sponsored by Apple, natürlich), sieht man Lady Gaga, zwar in extravaganten Outfits, allerdings nur durch verschiedene Greenscreen-Landschaften tanzen. Aber: Stupid Love ist nicht zurückzuhalten, von Sekunde eins gibt der schnelle Beat einen tanzbaren Song her, der mit Sicherheit in den Clubs dieser Welt gespielt werden wird – sobald sie wieder aufhaben.

Rain On Me, ist der Track, auf dem Ariana Grande featured. Wenn zwei Popmusikerinnen, deren Songs nicht nur vereinzelt großen (pop)kulturellen Einfluss hatten und haben, sind die Hoffnungen und Erwartungen hoch. Ich war von Anfang an Fan von der Geschichte hinter dem Feature – das beide auf unterschiedlichste Weise eine schwierige Zeit in ihren Leben durchgemacht haben und sich zusammentun, um gemeinsam darüber zu singen, I’d rather be dry, but at least I’m alive. Nach mehrmaligem Hören kommt der Song auch an.



Wenn die Königinnen des K-Pops auf die Königin der Pop-Musik treffen, dann verwenden sie denselben Backdrop wie Swish Swish von Katy Perry. Ich kann dem Song nicht sehr viel abgewinnen, trotzdem kann man ihn sich mal anhören.

Wieso vier Leute an dem Text für Fun Tonight schreiben mussten, kann man nicht gut nachvollziehen. Love the paparazzis, Love the fame, even though you know it causes me pain? Für mich der gescheiterte Versuch, ein Lied zum tanzweinen, à la Robyn – Dancing On My Own nachzustellen. Das hat bei Rain On Me um einiges besser geklappt.

911 und Plastic Doll sind erwähnenswert als hörenswerte, gelungene Songs. Es sind die letzten Songs bevor man es dann endlich zu Sine From Above mit Elton John geschafft hat. Der Song lässt Elton John selber eher als den englischen Heino dastehen, als die Pop-Legende, die er ist. Es ist zwar spannend, ihn auf so einem, fast Trance-artigen Song zu finden, es wirkt nur nicht glaubhaft. Das Lied erinnert an Teenager-Zeiten, und daran, als man auf der Dorfkirmes cool am Auto-Scooter stand und Becks Lemon getrunken hat.



Abschließend folgt dann Babylon. Der Song ist im Grunde Vogue von Madonna. Es fällt mir schwer mich von dem Gedanken zu trennen, dass dieser Song auf dem Album ist, weil Lady Gaga der queeren Community noch etwas bieten wollte. Da als Außenstehende dazu aber nur schwer was sagen kann, überlasse ich jedem diese Bewertung selbst.

Chromatica ist interessant, mutig, gewohnt extravagant und nicht so unscheinbar wie Joanne es war. Trotzdem sind viele der Dance-Parts leider trashig und fallen aus der Reihe. Das Potenzial der Features ist auch nicht ausgenutzt. Entgegen vielen Kritikern kann ich dem Album nicht viel abgewinnen. Mich freut, dass Lady Gaga den Schritt zurück auf die Bildfläche der tanzbaren Pop-Musik gewagt hat. Es wird ihr allerdings schwerfallen, andere Künstler- und Künstlerinnen an der Spitze abzulösen.


Autorin: Carla Rosocha / Photocredit: Brandon Bowen