Auch, wenn es bedeutet, dass die Festivalsaison in ihren letzten Zügen steckt, ist die Freude groß: Endlich wieder Lollapalooza! Man könnte es beinahe als Tradition ansehen, dass der Festivalableger aus den Staaten in seinem vierten Berlin-Jahr den vierten Standort belegt. Nach der logistischen Katastrophe im letzten Jahr, machte das Olympiastadion mit seiner Stadtnähe und den schon gegebenen Strukturen Hoffnung und, so viel kann nach Tag 1 gesagt sein, enttäuschte nicht.

Kollosal baut sich die multifunktionale Sportstätte auf dem großen Olympiagelände auf, geschmückt mit bunten Fahnen, umringt von unzähligen Essens- und Konzeptständen. Wie riesig das Gelände tatsächlich ist, merkt man bei der ersten Runde rund um das Stadion. Im Herzen des Gebäudes ist die Perry Stage beheimatet, in der Fans der EDM-Musik am Wochenende zur Musik der größten Stars der Szene tanzen dürfen. Auch, wenn das Olympiastadion riesig erscheinen mag, für alle findet es leider keinen Platz. Schon am späten Nachmittag leuchten immer wieder LED-Tafeln mit dem Unglück bringendem „Einlassstop“ auf. Das ist selbstverständlich vernünftig, man möchte für die Sicherheit Aller sorgen, doch traurige Gesichter gibt es natürlich trotzdem. Die Headliner Armin van Buuren und David Guetta, Namen, die man auch außerhalb der Filterbubble nur allzu gut kennt, füllen den gigantischen Raum vor der kleinen Bühne bis zum letzten Platz und lassen weitere unzählige Leute vor den Toren stehen. Von oben ergibt sich ein Bild, das unweigerlich für Gänsehaut sorgt.

Doch auch, wenn EDM ein deutliches Steckenpferd dieses Festivals ist, ist das längst nicht alles. Das Line-Up glänzt am heutigen Tage durch seine Diversität. Da wäre die Creme de la Creme der Deutschrap-Szene – Bonez MC & RAF Camora sind ein Publikumsmagnet für die jüngere Generation und lassen es sich nicht nehmen, zum Schluss auch noch 187 Straßenbande-Kumpel GZUZ auf die Bühne zu holen, das Spektakel ist perfekt. Ein paar Stunden später holt sich auf Casper musikalische Freunde wie Ahzumjot, Drangsal und natürlich – wie sollte es anders sein, so kurz nach der Veröffentlichung ihres gemeinsamen Albums „1982“ – Marteria höchstpersönlich. 75 Minuten spektakuläre Show, gespikt mit ernsten Ansagen und einer Authentizität und Freude, die Casper erst einmal jemand nachmachen muss. Als Headliner auf der Mainstage 2 stehen am späten Abend die Berliner K.I.Z. und beweisen problemlos, wieso gerade sie diesen Slot bekommen haben.

In die Kategorie „hab ich schon mal im Radio gehört“ fallen zum einen Years & Years, die bereits zum zweiten Mal beim Lolla Berlin spielen und mit Frontmann Olly eine für Festivalverhältnisse außergewöhnlich aufwendige, beeindruckende Show abliefern. Und auch Headliner The Weeknd dürfte auch der älteren Generation schon in der Küche oder im Auto begegnet sein, denn Abel Tesfaye aus Toronto ist mitunter einer der erfolgreichsten Künstler dieser Dekade. Wenn hier R&B auf Elektro trifft, kommt eine astreine Liveshow heraus, die für Kreischanfälle in den vorderen Reihen und hemmungslose Tanzeinlagen bis hinten hin sorgen. Mit der Buchung von The Weeknd beweist das Lollapalooza Berlin, was es so besonders macht: Ein Festival, das Acts eine Bühne bietet, die sie in der restlichen deutschen Festivallandschaft derzeit nicht erhalten.

Und das kommt gut an, verdammt gut. Rund 70.000 Gäste aus Nah und Fern feiern am ersten Tag des Festivals ausgelassen und friedlich von einem Highlight zum nächsten. Eins dieser vielen Highlights heißt The National, ein Urgestein der Indie-Rock-Szene und die musikalische Inkarnation von Melancholie. Doch wer denkt, The National seien eine Band, die live nach eingeschlafenen Füßen klingt, liegt meilenweit daneben. Das Quintett aus Ohio legt eine Liveperformance auf die Mainstage 2, die nicht nur bei uns für offene Münder sorgt. Und wie sich Matt Berningers Stimme über die wilden E-Gitarren legt, ist so wunderschön, dass man diesen Konzertmoment gar nicht gehen lassen möchte.

Wieder einmal beweist das Lollapalooza Berlin,  dass es ein Festival ist, auf das man mit seinen Freunden ebenso gut gehen kann wie mit seinen Eltern oder gleich der ganzen Familie. Und selbst die Abreise verläuft ohne größere Katastrophen, diesmal ist man darauf vorbereitet, setzt Sonderzüge ein und passt aufeinander auf.


Autorin & Photocredit: Anna Fliege