Der Sommer gibt am zweiten Tag der diesjährigen Lollapalooza-Ausgabe am Berliner Olympiastadion noch einmal alles. Für die allermeisten, egal ob Besucher oder Künstler, geht der Festivalsommer 2018 am heutigen Abend zu Ende, ein bisschen Wehmut liegt in der Luft, aber vor allen Dingen große Freude auf diesen Sonntag im September.

Schon um die Mittagszeit stehen hier sehenswerte Künstler auf den Bühnen, so auch Giant Rooks, die im letzten Jahr auftauchten und sofort unzählige Herzen für sich gewannen. Manch Gast trinkt schon ein Bier, viele der Leute genehmigen sich aber auch gerne erst einmal einen guten Kaffee, liegen auf der grünen Wiese und lauschen der jungen Band aus Hamm. Schöner könnte ein Sonntag nicht beginnen.

Samstag gab es ja bereits einige gute Rap-Acts, der Sonntag legt noch einmal nach. Shootingstar RIN versammelt um kurz nach 1 Uhr so viele Menschen vor der großen Mainstage, dass man fast nicht glauben kann, dass es wirklich erst Mittag ist. Es wird textsicher mitgerappt, Moshpit reiht sich an Moshpit, die gute Laune steigert sich immer weiter. Einige Stunden später steht Trettmann als Abschlussact auf der Alternative Stage, es ist sehr voll, die Stimmung zum Abschied großartig, bei Songs wie „New York“ und „Billy Holiday“ wird die Masse von Gänsehaut geflutet.

Stichwort Gänsehaut: Rag’n’Bone Man. Der „Human„-Sänger mit der gewaltigen Stimme zieht am Nachmittag das Publikum in seinen Bann, der ein oder andere wird von der Emotionalität des Konzertes überrumpelt, andere schließen die Augen und genießen den besonderen Moment. Währenddessen flanieren tausende Besucher über das weitläufige Gelände, erkunden den Food Court, genehmigen sich ein Glas im Weingarten oder stehen in der langen Schlange des Eisstandes an. Es gibt hier so viel zu entdecken, dass zwei Tage gar nicht ausreichend sind.

Doch zurück zu den Konzerten. Ähnlich wie The Weeknd am Vortag, ist auch Dua Lipa eine Künstlerin, die wir (leider) in keinem anderen Line-Up dieses Landes finden können. Der britische Superstar sorgt für Kreischanfälle in den ersten Reihen und legt zusammen mit ihren Tänzerinnen eine erstklassige Show auf die Bühne. Dass eine Künstlerin dieses Kalibers keineswegs herzlos ist, beweist ihre Reaktion auf einen medizinischen Notfall im Publikum, aufgrund dessen sie ihre Show für mehrere Minuten unterbricht und so ihre bodenständige Empathie zeigt. Davor und danach tanzen wir zu „IDGAF„, „One Kiss“ und „New Rules„, alle sind glücklich, so dürfte es immer sein.

Mit Jorja Smith zieht am späten Nachmittag der Soul auf der Alternative Stage ein. Ganz reduziert, mit einer Hand voll Musiker gibt es die geballte Ladung Gänsehaut. Eine Stimme wie Samt und gleichzeitig durchdringend und einnehmend. Magisch und anmutig ist es ein Leichtes für die Britin, das Publikum in Ihren Bann zu ziehen. Eine willkommene Abwechslung im sonst sehr tempolastigen Line-Up und die Gelegenheit eine der beeindruckendsten Stimmen der Gegenwart live zu erleben.

Wer mit den neusten Radiohits nicht unbedingt viel anfangen kann, bekommt mit Liam Gallagher und Freundeskreis nostalgische Momente. Der Oasis-Bruder und die legendäre Rap-Kombo um Max Herre verleihen dem Line-Up genau die Portion von „damals„, das ein Ü30-Publikum anzieht und einbezieht. Zwischen „A-N-N-A“ und „Life Forever“ sind viele glückliche Gesichter zu entdecken, die Texte sitzen immer noch, genau wie das Lächeln inmitten der Gesichter.

Besonders besonders wird es nach Sonnenuntergang an der Mainstage 1. Kraftwerk, die legendäre Musikgruppe aus Düsseldorf, spielt hier einen ihrer raren Auftritte. Schon am Vormittag werden Brillen verteilt, denn hierbei handelt es sich heute Abend nicht um ein normales Konzert, sondern um eine 3D-Show. Es ist für den Unbeteiligten ein abstruses Bild, wie tausende Menschen mit weißen Pappbrillen Richtung Bühne starren und nur die allerwenigsten tanzen. Ein Spektakel, wie man es nur allzu selten miterlebt. Derweil zieht es die EDM-Fans zu KYGO ins Stadion – man möchte nicht schon wieder den Headliner auf der Perry Stage von draußen hören. Drinnen gibt es neben Tanzeskalationen jede Menge Feuer und Feuerwerk – was ein Finale!

Die bombastischste Show des Wochenendes liefern allerdings vier Herren aus Las Vegas kurz vorher: Imagine Dragons tischen zum letzten Konzert ihrer 2-jährigen EVOLVE-Tour noch einmal richtig dick auf. Wer sich zu Beginn seines Gigs aus dem Bühnenboden hochfahren lässt und mit „Radioactive“ bereits beim ersten Ton 100% gibt, gehört ohne Frage ganz oben auf eine der Pole Positions im Timetable. Und so spektakulär die Show ist, so persönlich und berührend nah sind die wichtigen Worte von Sänger Dan Reynolds. Gehüllt in eine Regenbogen-Flagge spricht er sich für eine friedliche Gleichberechtigung aller aus, macht einige Songs später auf die Wichtigkeit vom Umgang mit Depressionen aufmerksam und ist im Ganzen so sympathisch und empathisch, wie man es sich von allen Künstlern wünschen würde. 90 Minuten mit jeder Menge Konfetti und Glücksmomenten runden den Festivalsommer wunderbar ab.

Lollapalooza, das war schön! Ein kleines Fazit zum Gesamtpaket folgt die Tage. Nur so viel ist gesagt: nächstes Jahr können wir uns gerne wieder am Olympiastadion treffen.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Dominik Huttner