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London Grammar & „Californian Soil“: Eine Intervention gegen misogyne Ideologien

London Grammar & „Californian Soil“: Eine Intervention gegen misogyne Ideologien

Sie gehören mittlerweile zum Aushängeschild der britischen Musikszene, doch so rosig, wie es scheint, ist es doch nicht immer.

London Grammar melden sich mit ihrem drittem Album „Californian Soil“ (via Island/Universal Music) zurück. Obwohl sich ja bei ihnen ja schon immer viel um Hannah Reid gedreht hat, ist es dieses Mal doch von besonderer Bedeutung.

Zur Feier des Tages haben London Grammar nun auch ein ganz besonderes Event angekündigt: Am kommenden Sonntag (18. April) um 20 Uhr deutscher Zeit wird die Band „Californian Soil“ erstmals in voller Länge als Live-Show auf die Bühne bringen. Das Konzert wird auf YouTube gestreamt, ihr könnt euch unter diesem Link jetzt bereits einen Reminder setzen.

Ein Artikel von Nina Paul – Mehr als drei Jahre sind seit ihrem zweiten Album „Truth Is A Beautiful Thing“ vergangen. Die Zeit haben Hannah Reid, Dominic Major und Dan Rothman kreativ genutzt und hatten so mittlerweile mehrere Voboten von “Californian Soil” veröffentlicht.

2013 eroberten London Grammar die britische Musikszene im Sturm. Ihr Debütalbum “If You Wait” verkaufte sich in der Folge über zwei Millionen Mal und bescherte Hannah Reid (Gesang), Dan Rothman (Gitarre) und Dot Major (Drums, Electronics) einen Ivor-Novello- und zwei AIM-Awards, eine Brit-Nominierung sowie die begehrte iTunes’ Album Of The Year-Auszeichnung. Mit mehr als 1,5 Millionen verkauften Alben weltweit wurden London Grammar zu einem der gefragtesten internationalen Newcomer-Acts. „Strong“ und „If You Wait“ haben in Deutschland zudem jeweils Gold-Status erreicht.

Nun schreiben wir das Jahr 2021 und eigentlich sollte man denken, dass wir nun doch voller Gleichberechtigung leben und Wertigkeiten nicht mehr vom Geschlecht abhängen sollten. Doch leider weit gefehlt, der Schein trügt mehr als erheblich.

Wie muss es da für eine Frau in der heutigen Musikszene denn dann sein? Egal ob frisch im Geschäft oder „alter Hase“, jeder wird mächtig unter Druck gesetzt, sodass oft die eigene Meinung und Sein auf der Strecke bleibt. Hannah Reid kann da eigenes von berichten und erlebte, wie schwer es doch noch immer ist als Frau in der knallharten Musikindustrie seinen eigenen Fuß zu fassen.

Auf „Californian Soil“ kann man so 12 Tracks finden, die im Sound ruhig, vertraulich und keine neuen London Grammar hervorbringen. Dieses Album lebt aber auch mehr von seiner starken Aussage und somit hat jeder einzelne Song metaphorisch was von einem Wasserfall, der den ganzen Körper in sich einimmt.
Der Titeltrack war auch sogleich der Startschuß für die Ankündigung des neuen Albums und zeigte direkt, dass sich in der Band was verändert hatte. Hannah Reid übernahm etwas stärker das Steuer und ließ ihre eigenen Erfahrungen und Gefühle das neue Werk bestimmen. So erzählte sie in einem Interview mit NME: „This record is about gaining possession of my own life. You imagine success will be amazing. Then you see it from the inside and ask, ‚Why am I not controlling this thing? Why am I not allowed to be in control of it? And does that connect, in any way to being a woman? If so, how can I do that differently?“

Verspielte Simplizität, der durch die Texte und Emotionen an Komplexität gewinnt, bestimmt so das neue Album der Briten. So gibt es Pianoklänge („Talking“ und dem balladigen „All my love“), die am Ende trotz der Schwere der Thematik wie eine Befreiung klingen. Eine Befreiung von den ganzen misogynen Erfahrungen, eine Befreiung das endlich mal laut zu sagen und nicht immer in sich hineinzufressen.

„Frauenfeindlichkeit ist primitiv“, weshalb es so schwer ist, sich zu ändern. Aber es ist auch ängstlich. Es geht darum, das Ding in dir abzulehnen, das verletzlich oder weiblich ist. Trotzdem hat jeder das Ding.“ (Hannah Reid)

Sebstbestimmung und Selbstkontrolle sind so eine Hauptthematik von „Californian Soil“. Und genau mit dem Namensgeber des Albums und „America“ schließt sie auch mit den falschen Vorstellungen des großen „amerikanischen“ Traums und den ganzen Fassaden dahinter ab. Überhaupt ist das Album eine Befreiung von vielem für Hannah Reid, nicht nur vom vergifteten Musikgeschäft, sondern auch von Beziehungen („Lord it´s a feeling„) und gibt so auch wieder mehr Kraft für positive Dinge im Leben („Baby it´s you„).

„America is about my journey of letting go of the past, and learning how to write music again following a difficult time with my health. I use the idea of the American dream to wave goodbye to the things that I didn’t need anymore.”

Überraschend poppig zeigte sich als Vorabsingle „How Does It Feel”, was aber auch eine ganz bewusste Entscheidung seitens Hannah Reid war: “I’ve always loved pop music. Some of my favourite writers and singers are female, many who are younger than me but who are absolutely smashing the pop world with amazing songs. This song started off as an experiment, and ended up being one of my favourites on the record. Along with our alternative side, this creates a light and shade on our album that I’ve always wanted to achieve.”

Wer dieses Mal die große Hymne auf dem Album sucht, der wird sie wohl nicht finden, aber diese wird auch nicht wirklich vermisst, denn auf „Californian Soil“ zählt mehr das Gefühl und die Aussage.

Am Ende kommen so fast 45 Minuten zusammen, die ein rundes Bild ergeben und thematisch für viele Menschen und ihren eigenen Erfahrungen stehen. „Californian Soil“ ist das Album der Hannah Reid, etwas feministisch, direkt, aber immer noch voller Hoffnung. London Grammar haben sich als Band ganz bewusst für ein immerwährendes aktuelles Thema entschieden und haben dies in ganzer Bravour und Finesse umgesetzt.

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