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Loyle Carner & „Not Waving, But Drowing“: Ein Album für die Bestenlisten

Loyle Carner & „Not Waving, But Drowing“: Ein Album für die Bestenlisten

Im Herbst des letzten Jahres ging ein Raunen durch die Reihen der Musikkritiker – Loyle Carner meldete sich erstmals seit seinem Mercury Prize nominierten Debüt “Yesterday’s Gone“ zurück. Sein erstes musikalisches Lebenszeichen nach 18 Monaten benannt nach dem weltberühmten Koch Yotam Ottolenghi. Es wurde gejubelt – zurecht. Heute, sechs Monate und zwei weitere Mega-Vorabsingles später liegt mit „Not Waving, But Drowing“ ein Meisterwerk in Albumlänge vor uns.

Ein Artikel von Anna Fliege – Zuhören, Worte auf sich wirken lassen, sie verinnerlichen. Sich nicht ablenken lassen, fokusiert sein, nicht 3 1/2 Dinge gleichzeitig amateurhaft jonglierend meistern wollen – all das ist im Jahr 2019 gar nicht mehr so einfach. Fast schon eine Tugend, die wir uns fast schon abgewöhnt haben. Jetzt holt uns Loyle Carner zum Glück ab, wieder runter, wieder auf den Punkt.

Carner bedient etwas, das im aktuellen Zeitgeist in Vergessenheit zu geraten droht. Er erzählt nicht aufgesetzt, aber in höchster Qualitätsstufe Geschichten, die das Leben schreibt, nicht der gesellschaftliche Zwang. Concious Rap par excellence. „Not Waving, But Drowing“ ist ein Wohlfühlalbum, ohne dabei in Faulheit zu verfallen. Das hier ist mehr als nur Musik. Das ist Gefühl, das ist Wärme, das ist ein Safe Space.



Loyle Carner umhüllt den Hörer mit seinen sanften Zeilen, die nicht selten von harten Zeiten erzählen. Anekdoten, begleitet von zarten Tastenanschlägen und jazzy Tunes. Authentizität wird zur Vokabel, die man immer wieder in den Raum werfen möchte – doch stumm bleibt, um Loyle, den Geschichtenerzähler, nicht zu unterbrechen. Außer vielleicht, um ihn vorzuschlagen, seine Worte auf Papier zu drucken. Um sie in den Händen halten zu können, sie nachzulesen, sie zu verewigen.

Nun wäre das Album an sich schon eines, das man am Ende des Jahres in Bestenlisten findet, das Recordstores stolz ausstellen oder mit Stickern versehen werden. Aber was ihm die metaphorische Kirsche aufsetzt, sind die sorgsam gewählten Features. Hier tauchen Namen wie Jorja Smith, Jordan Rakei, Sampha und Tom Misch auf, eine Liste der neuen Königsklasse, eine Zusammenkunft von jungen Genies. Die fügen sich so nahtlos in die Wahrheiten und Geständnisse von Carner ein, dass man glauben könnte, es müsse so, als gäbe es gar keine andere Möglichkeit. Da kann einem das Sampha-Feature „Desoleil“ schon einmal ungeniert Tränen in die Augen treiben.



Aber da ist noch etwas anderes, dass „Not Waving, But Drowning“ zu einem Ausnahmewerk macht. Es sind die kleinen Skits, die mit Audioaufnahmen untermalten Interlude-Segmente, die die Stimmung beeinflussen. Als würde man selbst daneben sitzen und das Album vorgespielt bekommen – im Auto, im Studio, bei Carner zuhause. Das Album hat etwas so Intimes, dass man es zuerst verleugnen möchte, um dann doch völlig davon eingenommen zu werden.

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Kaum zu glauben, dass Loyle Carner erst 24 Jahre alt ist. So alt wie ich, sogar noch ein paar Monate jünger. Und dabei klingt er so viel reifer, weiser, abgeklärter als ich. Wie er über seine Kindheit, seine emotionale Familiengeschichte und die verrückte multikulturelle Welt seiner Heimat Großbritannien erzählt. Der junge Mann aus dem Süden Londons ist auf allen Ebenen wahnsinnig beeindruckend. Es wird warm im Herz, wenn klar wird, wie er die Klammer des Albums mit einer Liebeserklärung an seine Mutter Jean öffnet und dann den letzten Track hört. Die selbe Melodie wie zu Beginn, doch jetzt wird nicht über Jean Coyle-Larner gesprochen, jetzt spricht sie selbst. Eine Liebeserklärung an ihren Sohn. Wie sie erzählt, ihre Worte auf die selbe Art wie ihr Kind so weise und gefühlvoll wählt.

Not Waving, But Drowing“ ist für die aufmerksamen Stunden im Leben. Und für die einsamen sicherlich auch. Wenn er an einer Stelle „trust me, trust me“ rappt, dann tut man es auch.



LOYLE CARNER live

16.05.19: Cassiopeia – Berlin (ausverkauft)
21.06.19: Modular Festival – Augsburg
08.08.19: Haldern Pop Festival – Haldern
17.08.19: Dockville – Hamburg


Autorin: Anna Fliege

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