Der Übergang zwischen Teenagerzeit und Erwachsensein wird an vielen Ecken und Enden einfach ignoriert. Dabei sind es doch gerade die Jahre, die uns formen, uns leiten und lehren. Seien es berufliche, private oder romantische Erfahrungen, die Sicht auf sich selbst oder die Welt: Das hier sind die Try & Error-Jahre.


Ein Artikel von Anna Fliege – Daraus gezogene Lektionen speichern wir ab, im Herz und Hirn, für’s Bauchgefühl und den Lebenslauf. Die 23-Jährige Lxandra geht einen Schritt weiter. Mit „Another Lesson Learned“ hält sie ihre Coming Of Age-Geschichte als mit Spannung erwartete Debüt-EP fest.

“The EP is about coming of age and realizing shit. Every song is about a lesson learned.”

Skandinavische Pop-Verspieltheit trifft auf den Elektro-getriebenen Charakter Berlins. Gemeinsam verpacken beide Elemente Gedanken, Erfahrungen und Meinungen einer jungen, aufstrebenden Frau.

Lxandra hat die letzten 1 1/2 Jahre damit verbracht, die Aufmerksamkeit der Musikbranche immer wieder auf sich zu ziehen. Sie macht sich über zwei Sommer hinweg bei wichtigen europäischen Festivals wie dem EuroSonic, Great Escape, Flow Festival, Reeperbahn Festival und Lollapalooza Berlin einen Namen, begleitet Pop-Superstar Dua Lipa 2018 bei einigen UK-Dates.

Mit dem Absahnen des Music Moves Europe Talent Award in der Kategorie „Pop“ im Januar diesen Jahres während der ESNS 2019’s European Music Awards Night ist die Prophezeiung perfekt. Sie wird als eine der vielversprechendsten Talente der Stunde gehandelt, bestärkt dies mit den kommenden Single-Releases einwandfrei.



„I feel like this world can be a little bitch sometimes who says you’re not enough“

Auf einer 800 Seelen-Insel nahe der finnischen Hauptstadt Helsinki aufgewachsen, zog Lxandra der Musik zu Liebe nach Berlin. Doch kein Ort schützt vor gebrochenen Herzen, Enttäuschungen und späten Einsichten. Weder die Anonymität einer 3,7 Millionen-Metropole noch die scheinbare Sicherheit der Insel-Abgeschiedenheit.

Überraschend (und beneidenswert) reflektiert setzt sich die Finnin schon mit Anfang 20 mit genau diesen Themen auseinander und verwandelt sie in wärmende Pop-Balladen.

Flicker„, ihre allererste Veröffentlichung aus 2017, thematisiert eine sich zu Ende neigende Beziehung, den Zwiespalt zwischen Mut und Angst, den Wachstumsschmerz. Klaviertöne tänzeln zu sanften Beatkompositionen, darüber legt sich Lxandras tiefe, starke Stimme.

Dem Abschied folgt ein Appell. Zu „Swimming Pools“ sagt die Sängerin selbst: „Swimming pools is about being happy with what you have and showing a middle finger to the expectations of society, and a world that runs on money. It’s about remembering who you are and where you come from and always holding onto that. Be grateful for what you have, you have everything you need.“

Und auch, wenn ihre Messages reichlich reif klingen, ist „Too Young To Grow Old“ die kraftvolle Erinnerung daran, nicht zu verbittern. Atemraubend und energisch ist die Stimme der 23-Jährigen. Woher die häufigen Vergleiche zu Florence Welch, Adele oder dem finnischen Popstar ALMA kommen, ist schwer zu überhören.



„There’s no more lies to sell at night, not a victim of your love, my boy“

Wer wie ich auf höhere bpm-Zahlen steht, wird in „Dig Deep“ und „Dip My Heart in Confetti“ seine Lieblinge der EP finden. Nicht nur sind sie Anwärter für tagelange Ohrwürmer. Mit ihren Songtexten und kraftvollen Sounds entwickeln sie sich nur allzu schnell zu persönlichen Hymnen.

In „Dig Deep“ kämpft Lxandra für die endgültige Auflösung überholter, eingerosteter Frauenbilder in unserer Gesellschaft. Laut und frei sollen Frauen* sein dürfen, laut und frei möchte Lxandra selbst sein. Sie ruft dazu auf, mutig zu sein und schafft mit ihrer musikalischen Verarbeitung die perfekte, motivierende Grundlage dafür.

Ihre neuste Single „Dip My Heart in Confetti“ handelt von einer ähnlichen Unabhängigkeit. Stilistisch löst der Song Vintage-Vibes a lá dem 2008er-Song „Mercy“ von Duffy oder AdelesRumour Has It“ aus dem Jahr 2011 aus, signalisiert, dass Lxandra selbst eine dieser Kick-Ass-Women ist, die man sich gerne als Vorbild nimmt, deren Unterstützung man musikalisch immer wieder sucht und findet.

Dem Liebeskummer-Teufelskreis entkommen, rausgehen, weiterleben: „Gonna dip, my, dip my heart in Confetti (Oh, oh, oh, oh, oh) ‚cause I’m not missing you anyway“ ist der perfekte Refrain, den man angetrunken und erleichtert tanzend in die Nacht singen will.

Titeltrack „Another Lesson Learned“ schließt die emotionale EP mit einem Fazit ab: „I know I’m messed up but I’m not the only one. I’m tired of feeling like I’m in the wrong.“

Selten klang Coming Of Age so kraftvoll und zielgerichtet. Wir dürfen gebannt auf die nächsten Schritte warten und blicken, die Lxandra in den kommenden Wochen und Monaten gehen wird. Wer auf selbstbewusste, zukunftsgerichtete Popmusik mit Tiefgang steht, ist bei „Another Lesson Learned“ bestens aufgehoben.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Andre Pozusis