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Maggie Rogers & „Heard It In A Past Life“: Viel mehr als Männer-Tränen

Maggie Rogers & „Heard It In A Past Life“: Viel mehr als Männer-Tränen

Die aus Maryland stammende Maggie Rogers zieht 2013 nach New York, um an der Tisch School of the Arts Songwriting und Produktion zu studieren. Drei Jahre später wird die damals 22-Jährige zu einer viralen Sensation. Zu verdanken hat sie dies einem Kamerateam und Pharell Williams, den sie mit ihrem Song „Alaska“ beinahe zum Weinen bringt. Dass die junge Künstlerin allerdings viel mehr ausmacht, als die Tränen eines reichen Mannes, stellt ihr Major-Debüt „Heard It In A Past Life“ endgültig unter Beweis.


Ein Artikel von Anna Fliege – Maggie Rogers ist Mitte 20. Sie hat keinen Masterplan vom Leben, kein picture perfect-Instagram Life, fühlt sich überfordert und ist die beste Freundin, die man selbst gerne wäre. Dem Höhenflug konnte sie in den vergangenen Jahren glücklicherweise trotzen. Dabei hätte es allerhand Möglichkeiten gegeben, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und „Heard It In The Past Life“ trägt eine große Message mit sich – für uns ebenso wie für Maggie selbst: Den Appell, sich selbst nicht zu verlieren. Und wenn dies doch einmal passiert, wieder zu sich zurück finden. So singt sie im Closing Song „Back In My Body“:

„Oh, I lost you in the morning, don’t live anywhere
I found myself when I was going everywhere
This time, I know I’m fighting
This time, I know I’m
 back in my body.“

Ihre emotionalen Geschichten und ehrlichen Geständnisse untermalt sie mit einer einzigartigen Mischung aus Pop, Folk und Electronica. Empowerment auf 12 Songs, ohne es sich plakativ auf die Fahne schreiben zu müssen. Mit einer Selbstreflexion, die man sich selbst schnellstmöglich aneignen möchte. Ja, Maggie Rogers ist eine Frau, die man sich nur all zu gerne zum Vorbild nimmt. Die in jedem ihrer dutzend Songs mindestens einen guten Rat für dich bereithält – und dabei gerne Schwächen zeigt. Der ultimative Girl Crush mit ihrem ganz eigenen Sinn für’s Leben.

Mit ihrem Album schafft sie einen Wohlfühlraum. Der Song „Burning„, dessen Zeilen man in die Nacht hinausschreien möchte. Zu dem man in Jogginghose und Messy Bunny genauso unbedacht durch die Küche tanzen kann wie zur ersten Singleauskopplung „Give A Little“ oder „Overnight„.

Man kann, wie ich, „The Knife“ mit seiner starken Bassline und der hörbaren Elektro-Finesse zu seinem neuen Lieblingssong krönen. Zum Klavierstück „Past Life“ weinen und mit „Fallingwater“ Gänsehaut bekommen, um dann mit „Retrograte“ wieder ins gedankenverlorene Tanzen zu verfallen.

Light On„, ein Track so mutig wie anmutig. Und obwohl man im Jahre 2019 den Begriff Seelen-Striptease nur noch selten liest, wäre er an dieser Stelle zutreffend. Zur Veröffentlichung der Single schrieb Maggie auf ihren Social Media-Kanälen:

this is a song about gratitude. it’s the most vulnerable ive ever felt in a song. it’s about how overwhelmed + scared i was during all that change, but mostly about all the light you gave me when I couldn’t always find it for myself.“ – Maggie Rogers (via Twitter, Oktober 2018)

Diese offene Verletzbarkeit, die Schlichtheit, das verzichten auf übermäßige vertuschende Metaphern – all das macht Maggie zu einer Ausnahmekünstlerin. Gepaart mit ihrer musikalischen Expertise, ihrer Arbeitsphilosophie und einer Stimme, die von Sekunde 1 an unter die Haut und direkt mitten ins Herz geht, steht sie heute am Anfang etwas sehr Großem.

Weil man sich mit ihr identifizieren kann. Sich verstanden fühlt. Weil es manchmal genau das ist, was man gerade hören muss, um nicht den Halt zu verlieren. Texte wie die aus „Say It„, die sich als Mantra für das eigene Leben eignen: „I cannot fall in love with you / I cannot feel this way so soon„.

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Oder „On + Off“ – ein Song, der bereits auf Maggies EP „Now That The Light Is Fading“ vertreten war und hier zum Glück noch einmal seinen zweiten Frühling feiert. Und mittendrin wäre da ja noch „Alaska„. Stets präsent die Songzeile, bei der jede junge Frau ohne groß darüber nachzudenken zustimmt: „Cut my hair so I could rock back and forth without thinking of you„. Längst vergessen allerdings, welch anfängliches Erfolgserlebnis der Song mit sich trägt. Und die Gewissheit, dass beim nächsten Album keiner mehr den Namen Pharell in den Mund nehmen wird.

Heard It In A Past Life“ ist ein Befreiungsschlag für die aufstrebende Künstlerin. Und ein persönlicher, wenn man ihn gerade braucht. Gepresst in 12 Songs und knapp 40 Minuten. Einen Album zum Heulen, Schreien und Tanzen. Zum Durchatmen und wieder Aufstehen. Zum Wegrennen und zu sich selbst Zurückkehren.  Man könnte behaupten, dass Maggie Rogers gerade den Traum Vieler lebt – doch dahinter steckt eine hart arbeitende junge Frau, die sich just in diesem Moment ihren ganz eigenen Platz im großen Musikzirkus erkämpft.



MAGGIE ROGERS live

27.02.2019 – Köln, Gloria Theater
28.02.2019 – Berlin, Kesselhaus
02.03.2019 – Frankfurt, Zoom
04.03.2019 – Hamburg, Mojo Club


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Olivia Bee

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