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Mark Ronson & „Late Night Feelings“: Der Pop-Revolutionär

Mark Ronson & „Late Night Feelings“: Der Pop-Revolutionär

Es wäre mehr als abgedroschen, den 43-Jährigen Briten als „Produzenten, dem die Frauen vertrauen“ zu bezeichnen. Denn Mark Ronson ist weit mehr als nur zuverlässiger Vertreter seines Geschlechts und Berufzweigs. Es kommt nicht von irgendwo, dass der Musiker für 73 Awards nominiert und mit 23 davon ausgezeichnet wurde. Darunter ein Oscar, ein Golden Globe und sieben Grammys. Mit „Late Night Feelings“ veröffentlicht Ronson nun sein erstes Studioalbum seit vier Jahren – und revolutioniert damit die gegenwärtige Popmusik.


Ein Artikel von Anna Fliege – Die glitzernde Diskokugel in Form eines gebrochenen Herzens. Traurig sein, aber trotzdem tanzen. „Late Night Feelings“ ist der perfekte Soundtrack für unperfekte Zeiten. Ist der rosaroten Brille erst einmal ein Bügel abgebrochen, weil sich jemand aus Versehen draufgesetzt hat oder in tausend Teile zersprungen, braucht es ein musikalisches Pflaster.

Im Zeitalter, in dem der nächste makellose Radiohit mathematisch berechnet werden kann und Künstler sich in dieses gemachte Nest niederlassen können, kommt Mark Ronson fast als Paradiesvogel daher. Dabei ist er der Mann, der hinter einigen der wichtigsten Tonträger dieses jungen Jahrtausends steckt. Sei es Amy Winehouses legendäres „Back To Black„-Album, das die Britin 2006 über Nacht zu einem Weltstar machte, der Bruno Mars-Überhit „Uptown Funk“ – einer der meistverkauftesten Songs aller Zeiten – oder ganz aktuell das Oscar- & Golden Globe-prämierte Duett „Shallow“ von Lady Gaga und Bradley Cooper, Titelsong zu ihrem gemeinsamen Film „A Star Is Born„. Und hört man sich Ronsons Diskografie an, wird man nicht nur einmal erschrocken rufen: „Das ist auch von dem?



NOTHING BREAKS LIKE A HEART

Das Jahr 2018 war fast vorbei, die Bestenlisten schon als fertiger Entwurf gespeichert, da tauchte Mark Ronson (mal wieder) in der Manege des Musikzirkusses auf. An seiner Seite Miley Cyrus, die nach einer ruhigeren Zeit plötzlich wieder im Mittelpunkt der Popmusik stand. „Nothing Breaks Like a Heart“ ist eine ungewöhnliche, tanzbare Mischung aus Streichern, Country, Pop und der Prise Ronson-Funk, die man in 99% seiner Songs wiederfindet. Ein Blick in die Credits macht zudem klar, wer an den unaufdringlichen, in den Füßen kribbelnden Beats Schuld tragen könnte: Dort ist Jamie xx als Co-Produzent verzeichnet.

Auch sonst brilliert „Late Night Feelings“ mit prominenten Gästen im Vorder- und Hintergrund. „Havana„-Megastar Camila Cabello schenkt „Find U Again“ ihre Stimme und ihren Flair, der Feinschliff des Songs stammt von Tame Impala-Kopf Kevin Parker, ein alter Freund und Kollege von Mark Ronson. Die glamouröse Kombi verzapft einen weiteren Dauer-Ohrwurm.

Die amerikanische Grammy-Gewinnerin YEBBA liefert sich auf dem Album mit „Knock Knock Knock„, der Single-Auskopplung „Don’t Leave Me Lonely“ und „When U Went Away“ gleich einen Hattrick. R&B-Legende Alicia Keys findet ebenso ihren Platz wie Indie-Folk-Liebling Angel Olsen und der blutjunge Ronsons Label-Schützling King Princess. In den Credits von „Why Hide„, ein Song von Beyoncé-Co-Writerin und -Produzentin Diana Gordon, findet sich mit Romy Madley Croft ein weiteres The xx-Mitglied, die bereits mit Ronson am Dua Lipa-Grammy-Hit „Electricity“ arbeite.

Eine besonders schöne Geste aber ist der Closing-Song des Albums. Gesungen von Ilsey Juber, die an insgesamt 8 von 13 Songs des Albums als Co-Writer beteiligt ist. „Spinning“ ist das wach im Bett liegen nach einer durchtanzten Nacht. Wenn man sich nicht entscheiden kann, ob der Kopf nun übervoll oder gähnend leer ist. Das angenehm unangenehme Drehen, sobald man die Augen schließt. Die erlösende Taubheit auf der linken Brustseite.


Auf meinen Alben habe ich bislang meine Emotionen zwar nicht versteckt, aber auch nicht den Antrieb verspürt, sie auszudrücken oder davon zu erzählen, was ich durchgemacht habe. Auf diesem Album habe ich das zum ersten Mal getan. Ich fühle mich nicht unbehaglich oder entblößt – jeder weiß nun mal, was mir passiert ist.“ – Mark Ronson, Frankfurter Allgemeine (Juni 2019)


Ein weißer, westlicher Mann in seinen Vierzigern, der offen mit Emotionen, einer zerbrochenen Ehe und verletzten Gefühlen umgeht? Das Patriarchat hält den dünnen Atem an. Doch Ronson ist zum Glück niemand, der sich mit so etwas schmücken oder es sonderlich hervorheben muss. Auch hängt er nicht an die große Glocke, dass sein neues Album eine 100-prozentige Frauenquote besitzt. Es sei keine Absicht gewesen, „dass auf dem Album nur Frauen singen„, sagt er im Interview mit der FAZ. Er ist einer von den Guten.

„…AND DANCE YOUR HEARTBREAK AWAY“

Das Motto „Brich mir das Herz, ich mach dir ein Album“ war in der Vergangenheit absolut dramatisch besetzt – man denke da nur an Songs wie Mileys „Wrecking Ball„, „Someone Like You“ von Adele oder diverse Taylor Swift-Hits. „Late Night Feelings“ ist da weniger aufbrausend. Kein Album, mit dem man sich daheim von der Außenwelt isoliert die Augen aus dem Kopf heulen, aber auch nicht seinen Polo anzünden will. Eher eins, das ermutigt, endlich das Haus zu verlassen und wieder unter Leute zu gehen. Um Mitternacht herum in einem vollen Klub stehen und versuchen, nicht mitten auf der Tanzfläche in Tränen auszubrechen, weil ein Song alte Erinnerungen hervorruft.

Und dafür könnte es keinen besseren Titeltrack als „Late Night Feelings“ feat. Lykke Li geben. Die schwedische Sängerin, die seit „I Follow Rivers“ weltbekannt ist, trägt mit ihrer Stimme Melancholie und Hoffnung gleichermaßen durch das 4-minütige Stück, betäubt den Schmerz dabei temporär. Ein Pop-Song, der mit dem Einheitsbrei nichts am Hut hat, stattdessen durch clevere Arrangements und Mark Ronsons Feingefühl für’s Detail zum absoluten Suchtsong wird. Nach Ankündigung seines Albums schrieb Ronson in einem Brief auf seinem Instagram-Kanal passend dazu: „…listen to the title track with Likke Li and dance your heartbreak away.

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Er ist und bleibt das Genie im Hintergrund – selbst, wenn sein Name plakativ auf der Platte steht. Und doch sollte man sich stets ins Gedächtnis rufen, dass dieses Album nicht halb so gut, so rund und doch so abwechslungsreich wäre, wenn Mark Ronson nicht sein Talent, sein Herzblut und seinen persönlichen Schmerz hineingesteckt hätte. Ein Konzeptalbum, dass einem zum Glück nicht das Herz bricht, sondern gegenteilig darüber hinweghilft. Und eins, das aufzeigt, warum man auch die Beteiligten abseits der vordergründigen Stimme zelebrieren sollte.

Um es in ein kurzes, knappes Fazit zu verpacken: Mark Ronsons „Late Night Feelings“ ist wie Herzschmerz – zeitlos.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: RCA Records

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