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Marteria & Casper & „1982“: Weil sie es können

Marteria & Casper & „1982“: Weil sie es können

Stell dir vor, deine beiden Lieblingsrapper machen überraschend nach Jahren des Hoffens und Verwerfens wirklich ein Collabo-Album – nicht nur einen Song, sondern ein ganzes Album. Der eine, der stadionreifen Rap macht und der andere, der am morgigen Tage („Wenn ich, will spiel ich morgen Ostseestadion„) ein ganzes Stadion füllen wird – als erster deutscher Rapper der Geschichte.

Zwei, die Rap (wieder) alltagstauglich gemacht haben. Kein Rap von der Straße oder aus dem Hörsaal, sondern mitten aus dem Leben. Hier werden keine Mütter gefickt, sondern selbst zu Fans. Sie sind die Stimme der unsicheren Jugend – Marten Laciny und Benjamin Griffey, Marteria & Casper.

1982“ ist ein großes Konzeptalbum. Doch nicht eins von der Sorte, die uns die beiden Künstler im letzten Jahrzehnt solo präsentiert haben – hier geht es nicht um eine Grundstimmung, sondern um die Geschichten. Von Song zu Song stürzt man sich in die unterschiedlichsten Beatnuancen, der ständige Stilbruch ein roter Faden. Und auch, wenn kein Song dem anderen ähnelt, sind die Übergänge überraschend passend, musikalisch als auch thematisch.

Vielleicht ist es deshalb ein geniales Album, weil es nicht mit jedem Song jedem gefallen mag und will, dafür in seinen Einzelteilen Musikfreunde der unterschiedlichsten Subgenres beglückt. Weg vom verkopften Gesamtkonzept, hin zu einem experimentellen Abwechslungsreichtum.

Hier geht es um Vorstadt statt Vorstrafen, um Laster und Liebe, um die Geschichte zweier Freunde, die es irgendwann geschafft haben, ihre Träume zu verwirklichen und heute Kollegen in den obersten Reihen der Festival-Line-Ups, Chartplatzierungen und Erfolgsgeschichten des deutschen Raps sind. Doch wird im Verlauf des Albums deutlich, dass den Rostocker und den Bielefelder viel mehr verbindet als das Geburtsjahr, der Job und die Tatsache, dass ihre Karrieren erst mit Ende 20 ins Rollen kamen – und seitdem nicht mehr zu stoppen sind.

1982“ ist eine Hommage an das Heimatdorf, an die Anfänge, an die Jugend, ans Scheitern und wieder Aufstehen, an die Wegbegleiter, an die Freundschaft, an das Team. Es steckt voller Dankbarkeit an die Menschen im Hintergrund, an die Fans vor der Bühne und auch ein bisschen an sich selbst. Die Ablehnung eines unkontrollierten Höhenflugs und die wiederkehrende Message, dass Deutschrap viel mehr ist und kann, als nur Deutschrap sein und es nicht um irgendeine Imagepolitur geht. Das spiegelt sich in der Auswahl der Producer wider, offensichtlicher noch in den ausgewählten Featuregästen und schlussendlich in jeder Zeile.

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Casper sagte in der aktuellen Juice-Titelstory (N° 188), er empfinde „1982“ „als einen Zwischenhalt; mal kurz rechts ranfahren.“ und ja, blickt man aus diesem Winkel auf das Ergebnis der vergleichsweise kurzen, aber intensiven Arbeit, so macht es Sinn. Denn eigentlich geht es gar nicht darum, das größte, erfolgreichste, phänomenalste Album der Musikgeschichte zu droppen. Es geht nicht um eine kommerzielle Finanzspritze oder die Rettung aus der Krise. Marteria & Casper haben ein Album gemacht, weil sie es können, nicht, weil sie es müssen.



MARTERIA & CASPER live
„Champion Sound Open Airs 2019“

31.05.2019: Hannover, Expo Plaza
20.07.2019: Dresden, Filmnächte am Elbufer
03.08.2019: Berlin, Waldbühne
09.08.2019: Hamburg, Trabrennbahn
31.08.2019: Essen, Baldeney See


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Christian Hedel

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