Eigentlich hätte es dieses Konzert gar nicht geben dürfen – und doch war es das Beste, was uns passieren konnte. Am ersten von zwei Abenden bringen Deutschlands Lieblingsrapper Marteria und Casper mit ihrem gemeinsamen Album „1982“ die Oberhausener König-Pilsener-Arena zum Durchdrehen.


Ein Artikel von Anna Fliege – Die Tragödie am Essener Baldeney See Ende August beendete das „Champion Sound“-Open Air frühzeitig. Wenige Wochen später konnten traurige Fans, die mit dabei waren oder (so wie ich) an besagtem Tag nicht konnten, aufatmen: Gleich zwei Nachholtermine kündigten Casper und Marteria für Mitte November an. Diesmal geschützt in der KöPi-Arena. Hauptsache Ruhrgebiet.

Interessant ist die Zusammenkunft verschiedenster Menschen am Samstagabend. Da sind die Marteria-Fans, die Casper-Fans und jene, die beide Sympathisanten lieben. Bevor der Vorhang der großen Bühne mit seinem „1982“-Schriftzug fällt, erlebt das Ruhrpott-Publikum eine waschechte Premiere mit einem alten Bekannten. Tarek K.I.Z, der seit meiner Grundschulzeit mit Maxim und Nico als Rap-Kombo K.I.Z die Republik in Angst und Wissen versetzt, präsentiert zum ersten Mal live vor einem beachtlich großen Publikum sein Soloprojekt. Das Debütalbum „Golem“ wurde gerade erst auf Januar 2020 verschoben, Hörproben von Unveröffentlichtem gibt es für Oberhausen trotzdem. Und zwei K.I.Z-Klassiker obendrauf. Was ein Deal!



Und dann ist es endlich soweit. Eröffnet wird mit Albumopener „1982 (Als ob’s gestern war)„, zuerst schiebt sich Casper mit seiner Strophe hinter dem Vorhang hervor, kurze Zeit später tut es ihm Marteria von der anderen Bühnenseite gleich. Trotz zahlreicher Sitzplätze, die die Multifunktionshalle bietet, sitzt hier schon beim ersten Song der illustren Setlist niemand mehr. Wirklich NIEMAND. Beim Rausgehen höre ich 90 Minuten später jemanden darüber schwärmen und ich möchte ihm es nur allzu gerne nachmachen. 10 von 10 Punkten ans Publikum. Mit Sternchen!

Der Vorhang fällt, entblöst die steil einsteigende Bühne und ihre riesige LED, auf der wir heute noch einiges zu sehen bekommen. Die zwei Bühnen-Routiniers liefern ein Hitfeuerwerk ab, das sich gewaschen hat. Erst ein paar gemeinsame Songs, darunter auf ihre erste Single „Champion Sound„, die sie im letzten Jahr als Überraschungs-Headliner beim Kosmonaut Festival erstmals präsentierten.

Darauf folgen Solotracks wie „Endboss“ von Marteria und „Auf und davon“ von Casper. Für treue Fans entpuppt sich der Abend als musikalische Zeitreise durch die letzten 10 Jahre. 10 Jahre, in denen sowohl Marteria als auch Casper zu den erfolgreichsten Rappern Deutschlands wurden, Rap wieder salon- und radiotauglich machten. Natürlich spielen sie auch „So perfekt„, ihrem Erfolgsfeature aus dem Jahre 2011. Mein Herz zerspringt vor lauter Glück.



Es ist ein einzigartiger Mix aus der Energie, die von den beiden auf der Bühne ausgeht und jener, die das Publikum mit sich bringt. Hier herrscht vollkommende Eskalation, Glücksausbrüche soweit man sehen kann. Textsicherheit wird hier groß geschrieben und so überlassen uns die Gastgeber immer wieder das Wort. Und das klappt so fabelhaft, so selbstverständlich, dass ich dem Publikum gleich noch ein Sternchen vergeben möchte.

Der legendäre Monstertruck, der von Marten und Benjamin auch liebevoll „Monsti“ genannt wird, verwandelt sich zur B-Stage am anderen Ende der Arena. Jetzt sind auch die Hintensteher ihren Lieblingen ganz nah. Hier auf dem grünen Auto gibt es ein ganz besonderes Medley. „Alles verboten„? Na klar. „Mittelfinger hoch„? Klassiker. Der Materia-Part aus HaftbefehlsIch rolle mit meim Besten„? WAHNSINN! „Alles verboten 2.0″? Bitte als Single veröffentlichen, danke!

So langsam schwinden die Kräfte. Also bei mir, nicht bei den beiden. Die kehren auf die Hauptbühne zurück und widmen sich im nächsten thematischen Block mit Rebellion, Nazis in Vorstädten und Gutmenschen. In Jay-Z & Kanye-Manier spielen sie ihren Song „Adrenalin“ einfach nochmal. Aber mit getauschten Strophen, wie es dem textsicheren Fan direkt auffällt.



Die Zugabe kommt trotz ellenlanger Setlist viel zu schnell. Man möchte den Abend beim Aufhören aufhalten. Zwar ist Feine Sahne Fischfilet-Frontmann Monchi für seinen Feature-Part auf „Absturz“ nur vom Band zu hören, aber das singen hier alle so laut und aus vollem Herzen mit, dass Monchi sicher stolz auf Oberhausen ist. Noch einmal ordentlich zu „OMG“ und „Jambalaya“ eskalieren, dann ist es fast vorbei. „2018 (Gratulation)“ beendet den unvergesslichen Abend mit dicker Gänsehaut und dem ein oder anderen Tränchen im Augenwinkel.

Auch nach so vielen Jahren lösen Marteria und Casper einzigartige Gefühle aus, wenn sie auf der Bühne stehen. Ihre Zusammenarbeit auf „1982“ setzt dem Zwischenfazit die Kirsche auf. Es ist eine Ehre, die beiden in diesem Rahmen noch einmal live erleben zu können, bevor sich die Rapper in kreative Pausen zurückziehen und an ihren nächsten Soloalben arbeiten.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Dominik Huttner