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Matt Berninger & „Serpentine Prison“: safe and happy

Matt Berninger & „Serpentine Prison“: safe and happy

Matt Berninger ist eine Koryphäe des Indie-Rocks. Mit The National erobert er seit über zwei Jahrzehnten erfolgreich die Herzen unzähliger Musikliebhaber*innen rund um den Globus. Eine mittlerweile legendäre Band, die auf einem Level spielt, auf dem man sich keine Sorgen um Ticketverkäufe und Festival-Headliner-Slots machen braucht.

Warum zum Geier veröffentlicht der Typ mit den teils fragwürdigen Tanzmoves dann im Jahr 2020 ein verdammtes Soloalbum?“ fragen sich in diesen Tagen viele. Und ich gebe zu, dass ich trotz unantastbarem The National-Fangirl-Daseins hinterfragt habe, was es mit „Serpentine Prison“ auf sich hat. Also habe ich gehört und gelesen, recherchiert und resümiert.

Auf seiner Homepage schreibt Berninger: „When I was a kid, my dad’s favorite record was Willie Nelson’s Stardust„. Der Texaner Willie Nelson ist einer der bedeutsamsten und progressivsten Country-Artists Amerikas – darauf kommen wir später noch einmal zurück. Weiter heißt es: „I have a really great dad, and that record has a tenderness and optimism that must have worked its way into the fabric of my soul because„, und hier fühlte ich mich im Hinblick auf meine Liebe zu The National ziemlich gut verstanden, „every time I hear it, I feel safe and happy„.

Der damalige Produzent von „Stardust“ war Booker T. Jones. Und jetzt dürft ihr drei Mal raten, wer hinter Produktion von „Serpentine Prison“ steckt. Aber genug Backgroundinfo.

Denn eine unausweichliche Frage steht im Raum: „Wer ist Matt Berninger ohne The National? Und hört man da überhaupt einen Unterschied?„. Nun, die Vorabsingles machten ehrlicherweise den Anschein, als könne man letztere Frage mit einem entschiedenen „nein“ beantworten. Auf kompletter Albumlänge wird das Bild allerdings klarer.

Auf den 10 Tracks klingt Matt Berninger an vielen Stellen enger gefasst. Werden die Songs ausufernder, bedient er sich nur selten den typischen The National-E-Gitarren, so könnte man Tracks wie „Distant Axis“ und „One More Second“ noch am ehesten mit der Band in Verbindung bringen. Der Einstieg ins Album ist äußerst bequemlich gestaltet und wer nur mal kurz reinhört und nicht bis zur Mitte des Albums kommt, könnte glatt behaupten, es wäre zwar ziemlich schön, aber einfallslos.

Und dann kommt „Loved So Little„. Hier geht es los. Neue Genre-Ideen, mit denen sich Berningers unverwechselbar tiefe Bariton-Stimme umgibt. Einschläge von Country und Folk lassen den Künstler aus Ohio glatt den Südstaaten-Flair versprühen. Ganz groß und trotzdem voll von dieser offensiven Intimität, die zerbrechlicher und ehrlicher wirkt. Ein Ode an Willie Nelson, an „Stardust“, an die väterlichen Erinnerungen.

Als Feature-Gast lädt er sich die wunderbare Gail Ann Dorsey ein, die als David Bowies Bassistin weltberühmt wurde und auf dem letzten The National-Album „I Am Easy To Find“ schon eine prominente Stimme war. „Silver Springs“ enthält Melancholie, wie sie nur Berninger kreieren kann, im Engtanz mit Dorseys Stimme und der Weiterführung des Country-Gedankens.

Ich liebe nichts mehr als so richtig schön dramatische Songs, von denen The National zum Glück eine ganze Menge in der Diskografie haben. Auf „Serpentine Prison“ bringt das sich aufbauende Klavierstück „Take Me Out Of Town“ allmählich ein ganzes Bläserensemble an den Start. Hin und wieder erwischt man sich bei dem Gedanken, man könnte hier und da neine Gitarre oder andere Instrumente noch ein bisschen intensiver unterbringen.

All For Nothing“ bewegt sich in der gleichen Ecke, hier wird die euphorische Traurigkeit aber endlich so richtig ausgeschlachtet, mit einem instrumentellen Feuerwerk, inmitten dessen sich Berningers Stimme vertraut und heimisch anfühlt.

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Das als Epilog gedachte „Serpentine Prison“ holt die Country-Folk-Idee noch einmal richtig ab, und auch, wenn es an seiner Position ziemlich sinnig ist, wäre der Track als Albumopener nicht verkehrt gewesen, um zu signalisieren: Hey, hier kommt was.

In der The National-internen Kategorie „Highlight des Jahres“ führt Aaron Dessner mit der Produktion von Taylor Swift’s „folklore“-Album zwar unangefochten, ein bitter benötigtes Feel Good-Geschenk von Matt Berninger nehme ich trotzdem liebend gern an.

Serpentine Prison“ ist ein Album für verregnete Sonntage, an denen man das Bett nicht verlassen mag und heizungswarme Abende mit Kopfschmerz-Rotwein und Käsehäppchen. Ein Album zum safe and happy-fühlen.

Auf seiner Website schreibt er abschließend: „This record isn’t about my dad, but it is for him„. Ach Matt, ich hab dich lieb!

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