Evakuierung statt Eskalation. Sturm statt Stormzy. Der zweite Tag des Melt! fing heiß an. Stundenlang knallte uns die Sonne ins Gesicht, der Bikini war bereits angezogen und der Plan, eine Runde im See zu drehen, eigentlich in Stein gemeißelt. Der restliche Abend war perfekt durchgeplant – doch dann kam alles anders.


Ein Artikel von Anna Fliege – Wir stecken gerade mitten im BLVTH-Set, der für die erkrankten Agar Agar zur Primetime am Gremmin Beach einspringt, da wird sein Auftritt für eine wichtige Nachricht unterbrochen: Sturmwarnung, aufziehende Gewitter, Starkregen. Und das so lange, dass die Auftritte von Bilderbuch und Stormzy auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben werden müssen. Und nu?

Der Himmel färbt sich demweil schwarz und immer schwärzer, wir quetschen uns in den nächsten Shuttle, draußen beginnt die Welt unterzugehen. Ich fühle mich wie in einem dieser mittelguten Netflix-Filme, die genauso beginnen und in einem Paralleluniversum oder mit einer Apokalypse enden. Doch zum Glück können wir uns noch in unser Auto retten, bevor es richtig losgeht. Pavillons liegen in Schutt und Asche, Zelte fliegen weg, Menschen rennen, der Himmel ist von den Blitzen taghell. Nach etwas mehr als zwei Stunden ist der Spuk vorüber, die Acts können doch noch spielen.


Die Stimmung

Nun könnte man meinen, die Stimmung wäre nach so einem Wetterumschwung im Keller – ha, denkste! Auf dem Weg zurück zum Gelände kommen wir an den Sanitäranlagen vorbei, wo gerade die Party des Jahrhunderts steigt. Improvisiertes Strobolicht, dröhnende Musik aus mitgebrachten Boxen und eine feiernde Partymeute. Melt! Menschen 1:0 Gewitter.

Die Veranstalter sind besorgt wie bemüht, bieten Sturmgeschädigten Schlafplätze an und haben mit der Evakuierung alles richtig gemacht. Und weil man, wie Bilderbuch-Frontmann Maurice so schön feststellt, in 2 Stunden allerhand trinken kann, ist die Stimmung beim weiterlaufenden Programm noch ein bisschen besser als sie eh schön gewesen wäre.

Das Wetter

Bis zum frühen Abend kratzte die Temperatur an der 30°C-Marke, ein leichter Wind machte den Hochsommer erträglich. Bis aus der Ferne pechschwarze Wolken aufzogen. Der Wettergott meinte es nicht gut mit Gräfenhainichen, orkanartige Windböen stellten die Camp-Konstruktionen der Besucher auf einen kompromisslosen Härtetest.

Nach Überstehen des Unwetters bleibt die Nacht seltsam schwül, man kann sich nicht entscheiden, ob es jetzt schon kalt genug ist für einen Pulli oder man ihn sich 2 Minuten später doch wieder vom Leib reißen muss. Kurz vor 3, Stormzy ist gerade in den letzten Zügen seines Aufritts, beginnt es wieder leicht zu nieseln, doch diesmal ist es beruhigend und förderlich beim Einschlafen.

Die Konzerte

Mein Konzerttag war perfekt geplant: Ein bisschen Tua und Yung Lean schauen, rüber zum spontan eingesprungenen BLVTH, der mich im letzten Jahr schon begeisterte und auf Produzentenseite DIE Zukunft des gegenwärtigen Deutschraps sein wird. Die außergewöhnliche Performance von Bilderbuch schauen, schnell rüber zu slowthai laufen, nur um pünktlich für Headliner Stormzy wieder vor der großen Bühne zu stehen. Sollten die Kräfte es noch zulassen, waren Octavian und Duckwrth weitere Kandidaten auf meinem Timetable. Sehr raplastig, aber geil! Durch den durchgewirbelten neuen Timetable spielte so ziemlich alles ab Bilderbuch parallel und es mussten Prioritäten gesetzt werden.

Highlight des Tages

Ich hätte mich über einen Auftritt von A$AP Rocky gefreut, keine Frage. Doch als am Mittwochabend Stormzy als Ersatz bekannt gegeben wurde, vergaß ich alles andere ziemlich schnell. Die Londoner Grime-Hoffnung steht seit Veröffentlichung des Debütalbums „Gang Signs & Prayers“ Anfang 2017 an erster Stelle meiner „muss ich dringend live sehen“-Liste.

Und was soll ich sagen, das Warten hat sich ausgezahlt. Stormzy bringt eine Energie mit auf die Bühne (und ernannte uns an diesem Abend zu seiner Energy Crew), die einen erst einmal umhaut. Kein Wunder, dass der 25-Jährige vor ein paar Wochen das Glastonbury headlinete. Er entschuldigt sich, dass er nicht A$AP ist und ist auch sonst so ehrlich, dankbar und sympathisch in seiner Art, dass der Auftritt noch viel mehr Spaß macht.

In völliger Extase rappt die Masse seine Hits „Shut Up“, „Big For Your Boots“ und den neuen „Vossi Bop“ mit. Mittendrin gibt es ein kleines Feuerwerk, es könnte kaum besser sein. Die Stunde vergeht wie im Fluge, dabei könnte es ewig so weitergehen. Nach dem letzten Track springt Stormzy runter zu seinen Fans, verteilt High Fives, herzliche Umarmungen und macht Fotos mit den euphorischen Menschen in den ersten Reihen. So viel Dankbarkeit und Herzlichkeit sollte es viel häufiger im Rap geben.

Überraschung des Tages

Wiens Extravaganza ist wieder zurück – Bilderbuch sind mittlerweile Stammgäste beim Melt!. Es ist bereits ihr viertes Mal und selbst, wenn ich bei den anderen drei Malen nicht anwesend war, würde ich glatt behaupten: Es ist diesmal ihr allerbestes Mal. Ich brauche zwei Hände, um abzählen zu können, wie oft ich Bilderbuch in den letzten Jahren schon live gesehen habe. Sie waren schon immer ein Highlight, schon immer etwas anders. Doch mittlerweile haben sich die Wiener von den denglisch-liebenden Buben mit dem knallgelben Lamborghini zu den Helden einer ganzen Generation hochgearbeitet.

Vier Alben in vier Jahren sprechen Bände. Die Bühne gleicht dem Archiv eines großen Theaters, man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll – und warum steht da überhaupt ein Kühlschrank mittendrin? Sänger Maurice trägt neuerdings sichtbaren Bart zu längerem dunkelblonden Jahr, sieht (mal wieder) aus wie ein ganz neuer Mensch und trägt mit einer Selbstverständlichkeit einen durchsichtiges Spitzen-Zweiteiler, in dem er, aber wirklich nur er, wahnsinnig gut aussieht. Das einstündige Set regt zu eskalativem Tanzen an, „Bungalow“, „Maschin“ und „LED Go“ werden zu kollektiven Mitsing-Orgien. Ich gebe Bilderbuch noch ein Album, dann überlässt das Melt! ihnen den wohlverdienten Headliner-Slot.

Ohrwurm des Tages

Pop meets Ferropolis. Selbst, wenn das Melt!-Publikum es vorher niemals zugegeben hätte: den Text von Ed Sheerans „Shape Of You“ kennen wir alle auswendig, mindestens den Refrain. Stormzy, der bereits vor zwei Jahren auf dem offiziellen Remix des Welthits zu hören war, weiß das. Während er seinen Part rappt, lässt er Eds Zeilen mit einem breiten Grinsen im Gesicht von der versammelten Meute vor der Bühne gröhlen. Das hätte sich beim Melt! bis zu diesem Zeitpunkt wohl auch niemand träumen lassen.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Lisa Schulz