Who run the world?

Nach dem ersten Tag auf dem Melt Festival lässt sich festlegen, dass das hier kein 0815-Musikfestival ist, das man an jeder Ecke bekommt. Nein, das Melt ist so viel mehr. So besonders, so speziell, so schön! Ein weiterer Punkt, der in diesem Falle leider ebenfalls eine Ausnahme im Festivalkosmos ist: die hohe Frauenquote im Line-Up. Schon gestern wurde die Headlinerband von einer Frau angeführt und auch morgen wird zumindest 1/3 des Headliners weiblich sein. Der heutige Tag könnte als perfektes Paradebeispiel für ein abwechslungsreiches, starkes Line-Up voller fabelhafter nationaler und internationaler Künstlerinnen stehen, ohne es dabei gezwungen aussehen zu lassen.

Den Startschuss gibt das Berliner Power-Duo von GURR, die irgendwo zwischen Indie und Garagerock für grenzlos gute Laune sorgen. Das Kleid glitzert, die Ansagen sind frech, es wird gecrowdsurft und bei „Hot Summer“ sogar eine liebevoll einstudierte Perfomance geboten. Gleich im Anschluss daran freut man sich auf ALMA, später tanzt man verträumt zu HUNDREDS aus Hamburg.

Derweil ist auch die MeltSelektor Stage in der Dämmerung durch starke Frauen besetzt. Dank IAMDDB wissen wir schließlich, wie gut Trap und Jazz zueinander finden können, die Lady aus Manchester reißt nach und nach alles ab. Abgelöst wird sie von keiner geringeren als SEVDALIZA, die keine Genregrenzen kennt und sich zu ihrer Hybrid-Mischung aus Trap, R&B, Dream Pop und weiteren Elementen so eindrucksvoll bewegen kann, dass man sich schnell dazu verleiten lässt, selbst hemmungslos zu tanzen.

Die Nacht wird zum einen durch die mystische FEVER RAY als Headlinerin auf der Melt Stage eingeläutet, parralel bespielt die österreichsiche MAVI PHOENIX mit ihrer charmanten Art die Superdry Sounds-Bühne. Ein weiterer Juwel im Line-Up steht in den späten Abendstunden auf der kleinen Foreststage: Die Queen of Techno, NINA KRAVIZ, lässt Herzen einige BPM höher schlagen. Von wegen, es gibt nicht genügend talentierte Frauen im Business. Das Melt Festival hat gerade heute bewiesen, wie groß die Auswahl ist und wie gut die Acts vom Publikum angenommen werden.

And the longer we go, calling out

Doch auch dem ein oder andere männliche Act soll und darf heute Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die jungen Supertalente REX ORANGE COUNTY, der irgendwie wahnsinnig sympathisch ist, und MOSES SUMNEY treten auf der ModeSelektor Stage auf und bieten den perfekten Soundtrack, um noch eine kleine Runde im See zu drehen. Bei den Bilderbuchtemperaturen, die an der 30 Grad-Grenze kratzen, ist der Gremminer See die perfekte Abkühlung. Man schwimmt, balanciert über die Steine am Ufer, tanzt ausgelassen zur Musik und genießt das Leben, als gäbe es keinen Montag. Ist das noch Festival oder schon Erholungsurlaub? Die Mischung aus beidem gefällt dem Publikum anscheinend äußerst gut!

Zum persönlichen, unerwarteten Tageshighlight werden allerdings WHOMADEWHO. Die dänische Band bringt die unterschiedlichen Genres, die auf diesem Festival vertreten sind, in einer Show zusammen. Indie-Elemente treffen auf Elektro, sanfte Lyrics auf aufkochende Beats. Hier kann man nicht einfach nur stehen und zu schauen, hier muss mitgetanzt werden. Wer die Band aus Kopenhagen wie ich zum ersten Mal sieht, ist baff von ihrer Liveperfomance. Wer die Freude schon einmal erleben durfte, kehrt fest entschlossen zurück. Zum Ende des Sets stagedived Sänger Tomas Høffding elegant über den in Euphorie tanzenden Mob.

Nach einer kurzen Verschaufpause und der Möglichkeit, an einem der zahlreichen Essensstände fündig zu werden (die zwar leider etwas teurer, dafür aber auch tatsächlich lecker sind), freut man sich an der Melt Stage auf ODESZA. Ein Electro-Duo aus Seattle, das gerade durch ihr letztes Album „A Moment Apart“ Aufsehen erregte und in keiner Playlist fehlen darf. Nun ist es ja häufig so, dass DJs auf die Bühne kommen, zwei-drei Knöpfe drücken und sich dann selbst feiern, als wären sie Gott persönlich. Wer sowas nicht mag, ist bei Odesza ziemlich gut aufgehoben. Zur Unterstützung stehen ihnen zwei Trompeter zur Seite, währen Harrison Mills und Clayton Knight selbst ein wahrliches Workout hinlegen. Die beiden legen neben ihren normalen DJ-Tätigkeiten eine Drumperformance auf die Bühne, die sich gewaschen hat. Wow!

Wer noch fit ist oder clevererweise einen kleinen Nap eingeplant hat, kann sich mitten in der Nacht auf ein besonderes DJ-Set freuen: MODESELEKTOR B2B APPARAT. Bevor es in den wohlverdienten Schlaf geht, genehmigen sich einige noch einen Sprung in den See, was gibt es auch Schöneres bei Sonnenaufgang?


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Dominik Huttner