Trinksport & Abkühlung

Sonntags ausschlafen zu können war nie schöner als jetzt. Noch einmal alle Energie sammeln, um den letzten und dritten großen Festivaltag in Ferropolis tanzend zu meistern. Bevor das Gelände um 16 Uhr die Tore zum Finale (welch doppeldeutiger Sinn, gibt es an der MeltSelektor Stage doch heute ein großes Public Viewing zum Fußball-WM-Finale) öffnet, stehen uns viele andere Möglichkeiten zur Verfügung, den Tag früher oder später zu starten. Wie wäre es mit BIER YOGA? Sponsor WARSTEINER, der auch eine kleine Musikbühne auf dem Campingplatz platziert hat, läd zum alternativen Frühsport ein. Klingt traumhaft, oder?

Die Alternative heißt: See. Neben dem Strand auf dem Festivalgelände bietet auch der große Campingplatz Zugang zum Ferropolissee. Dort angekommen fühlt es sich ein bisschen an wie Last Minute-Pauschalurlaub. Das komplett überfüllte Stückchen Ufer bietet nicht sonderlich viel Platz, sich gemütlich in die Sonne zu legen. Aber erst einmal im Wasser angekommen, ist die Masse an Menschen auch schon wieder fast vergessen. Wir drehen ein paar Ründchen um die vielen aufblasbaren Einhörner, die mit Menschen bespickt ruhig umhertreiben.
Auf dem Rückweg kommen wir an einer Hüpfburg vorbei, nebenan gibt es getreu dem Zero Waste-Bewegung einen kleinen Supermarkt mit Lebensmitteln, die zwar das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, jedoch immer noch frisch und lecker sind.

Urlaub in Italien

Endlich am Gelände angekommen nehmen uns PARCELS mit auf eine Zeitreise. Vor ihrem silbernen Vorhang stehen die Australier und sehen aus, als würden die Beatles von damals heute auf dem Melt spielen. Dazu gibt es Elektropop, der die Szenerie aus strahlend blauem Hochsommerwetter, gut gelaunten Menschen, den ettlichen Diskokugeln und der Sorgenlosigkeit, die über Ferropolis liegt, grandios untermalt.

Dass das Melt ein utopisches Stückchen Erde ist, wissen wir bereits. Dass hier sogar PUBLIC VIEWING gesittet, friedlich und ohne Pöbeleien auskommt, seit heute auch. Gespannt gucken Hunderte auf die LED-Wand der MeltSelektor Stage, bei Toren jubelt man besonnen, ansonsten ist es ungewöhnlich ruhig für ein Fußballspiel. Wäre es überall so, wie auf dem Melt, die Welt wäre ein besserer Ort.

Nach dem Fußball ist vor EROBIQUE! Der Kult-Entertainer bringt die Melt-Menschen am frühen Abend zum ein oder anderen Tänzchen an der MeltSelektor-Bühne und wer es bis hierher ohne einen Ohrwurm geschafft hat, bekommt nun einen verpasst. „Urlaub, Urlaub in Italien…„.

Da unser aller geliebtes INTRO-Magazin bald in die ewigen Jagdgründe eingehen wird, bietet sich an diesem Sonntag die allerletzte Chance, eine Runde bei der INTRO AUTOSCOOTER DISCO zu drehen. Ein seltenes Schauspiel bietet sich dort, wenn erwachsene Menschen zwanglos lachen, sich gegenseitig die Wege abscheiden und den Spaß ihres Lebens haben. Dazu gibt es rund um die Uhr beste Musik.

Die dänischen LITTLE DRAGON schreien quasi nur so nach einem Slot beim Melt und dieses Jahr ist endlich einmal wieder so weit. Sängerin Yukimi und ihre drei Kumpanen liefern mit ihrem betörenden Synthiepop-Sound für die Stadt aus Stahl. Jeder tanzt hier in seinem eigenen Stil & Tempo, alles fügt sich trotz der großen Vielfalt perfekt zusammen.

Bevor es zum großen Finale auf der Melt Stage kommt, bekommen wir mit BADBADNOTGOOD eine außergewöhnliche Performance geboten. Vier junge Kerle aus Kanada, die Jazz machen? Ohne Gesang? Zur besten Zeit auf der größten Bühne? Tja, beim Melt Festival funktioniert das hervorragend. Wahnsinnig talentiert zeigt die Band, die bereits mit den ganz großen HipHop-Größen a la Kendrick Lamar und Tyler, The Creator kooperiert haben, wie geil und frisch Jazz eigentlich sein kann und sich obendrein auch noch mit Rap verbinden lässt. In dem einstündigen Set lassen sich uns in eine Traumwelt abtauchen, ungelenk zu den Jazz-Beats tanzen und alle Sorgen ausblenden. Ein Konzert, das den ein oder anderen musikalischen Horizont erweitert.

I see you

Hach, THE XX. Nun, was schreibt man über das Konzert seiner Lieblingsband, ohne dabei wahnsinnig kitschig zu werden? Nur allzu schnell ist spürbar, wie wohl sich das Londoner Trio auf der Bühne des Festivals fühlt. Die als eigentlich eher introvertiert geltende Band steht selbstbewusst und freudestrahlend vor der großen Publikumsscharr. Die Stimmen von Romy und Oliver bilden eine Gänsehaut-Symbiose, die von Jamie xx zusätzlich in liebevoller Kleinarbeit musikalisch unterlegt werden. Der Produzent mixt, spielt Drums und Klavier und manchmal fragt man sich, wie er das mit nur zwei Armen überhaupt hinbekommt. Eine magische Harmonie umgibt das Konzert. Wir bekommen Tracks aller drei Alben zu hören, singen mit, erfreuen uns an Live-Remixen von Jamie xx, wischen uns hier und da mal eine Träne aus dem Augenwinkel. Was die Indie-Pop-Band da performance-mäßig auf’s Parkett legt, ist mehr als headlinerwürdig und könnte dieses Festivalwochenende nicht besser abschließen. Nach der Zugabe, die aus dem legendären „Intro“ und dem herzzerreißenden „Angels“ besteht, liegt ein Frieden über Ferropolis, den man in Marmeladengläser füllen und für immer konservieren möchte.

Zum letzten großen Tanz des Wochenendes läd schließlich MURA MASA ein und so langsam aber sicher müssen wir uns darauf einstellen, morgen wieder in die glitzerlose Gegenwart zurückzukehren. Melt Festival, du warst schöner, als es Worte je beschreiben könnten. Wir sehen uns im nächsten Jahr wieder!


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Dominik Huttner