Wenn Taylor Swift auf Die Ärzte, New Order und The Cure trifft, geblitzdingst wird und daraufhin plötzlich auf Deutsch singt, kommt dabei Mia Morgan heraus. Oder so ähnlich. Kassels neue Pop-Prinzessin und ihre Debüt-EP „Gruftpop“ sind die sanfte Revolution, die die Branche gerade bitter nötig hat.


Ein Artikel von Anna Fliege – Plötzlich war sie da. Einfach so. Mia Morgan ist im Internet (und privat sicherlich auch!) wahnsinnig witzig, ganz anders als man selbst und allem voran eine einzigartige Künstlerin, die mit ihrem Debüt den Grundstein für eine rosige, oder noch besser, gruftige Zukunft legt.

Mit „Gruftpop“ ist sie jetzt die musikalische beste Freundin, die man manchmal einfach dringend braucht. Denn der Anfang eines Endes tut weh, ist tränenreich und schirr endlos. Doch irgendwann hat man alle Kraft aus dem Körper geheult und entwickelt eine allmähliche, aufbrausende, zügellose Wut auf den Tränenverursacher.

Und dann kommt „Valentinstag„. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wütend, entschlossen und die Art von verzweifelt, die jeder kennt, der schon mal für eine x-beliebige Person sitzen gelassen wurde: „Sie ist besser als ich, denn sie hat was, das ich nicht hab, denn sie hat dich!“ Doch das Blatt wendet sich schnell.


„Es ist Valentinstag und ich will dir dein Herz brechen, ohoho.“


Aber irgendwann kommen sie wieder angekrochen, die Schlawiner. Doch statt standardmäßig einzuknicken, nachzugeben, weich zu werden, gibt Mia Morgan uns mit „Es Geht Dir Gut“ eine Marschrichtigung vor, die uns in eine bessere Zukunft führen soll. „Bitte sag mir nicht du liebst mich, du liebst mich doch gar nicht!“ und andere Halbwahrheiten werden aufgedeckt und addressiert. Die simple, aber groß(artig)e Message dahinter: Dump him!

Wem das an dieser Stelle musikalisch und artikulatorisch irgendwie bekannt vorkommt und hier Parallelen zu Drangsal zieht, liegt gar nicht so weit daneben. Zum einen verriet dieser bei der Support-Ankündigung seiner Frühjahrs-Tour vor ein paar Monaten: „Das erste Mal, als ich Mia Morgan sah, stand sie bei einem Drangsal-Konzert samt „Love Me Or Leave Me Alone“-Tattoo im Publikum…

Zum anderen, und das liegt schon fast in der daraus resultierenden Natur des Ganzen, ist für die Produktion niemand anderes als Max Rieger, Frontmann der Stuttgarter Punkband Die Nerven und unter anderem „Zores„-Co-Produzent, verantwortlich. Macht alles total Sinn, oder? Und wann endlich das Drangsal-Duett kommt, wollte ich wissen.



Weil alle guten Trennungs-Songs drei sind, rundet „Immer Immer Immer“ die Runde ab. Schnell nimmt der Song Fahrt auf, die vielen Facetten und Nuancen der Mia Morgan schillern auf „Gruftpop“ in ihren schönsten (Stimm-)Farben.

Wer jetzt nicht mehr an die große Liebe glaubt, kann aufatmen, denn zum kleinen großen Finale trifft das „Gothgirl“ auf ihren „Waveboy„. Ob ersterer Song nun eine Liebeserklärung an eine Person oder am Ende einfach an sich selbst ist, ist sicherlich Interpretationssache. Dass der Refrain aber ein hartnäckiger, wunderschöner Ohrwurm ist, steht außer Frage: „Ich will mit dir zusammen traurig sein…„. Das ist der Pop, den wir brauchen!

Ja und letzterer Song? Der ist ja schon legendär. Statt Billig-Trips auf miesen Techno-Parties und schlechtem Deutschrap gibt es eine rosarote Brille, 80s-Liebe, einen Bela B-Namedrop, Vintage Denim und Vinyl.


„Ich komm nicht auf deinen Rave, Boy. Ich laufe kopflos durch die Nacht mit meinem Waveboy und seinem Weißwein in der Hand.“


Mia Morgan steht mit ihrer musikalischen Karriere gerade erst am Anfang, wird dank kollegialer Liebe und Community-Support so schnell nicht mehr von der Bildfläche verschwinden.

Doch ist es am Ende nicht das Vitamin B, dass die junge Frau aus Kassel zu einer beachtenswerten Künstlerin macht. Es ist ihr Händchen für eindringliche, gutverdauliche aber anspruchsvolle Poptexte mit ständigen „fühl ich„-Momenten, für die hymnenartigen „ohohohs“ zwischendrin und einer Stimmvielfalt, die hier momentan ihres Gleichen sucht. Doch scheiß mal auf Vergleiche.

Denn Mia Morgan ist nicht nur Teil der neuaufblühenden Mindest-Frauenquote in deutschen Festival-Line-Ups. Nicht nur der ideale Beweis dafür, dass wir sehr wohl große, weibliche Talente in der Bundesrepublik finden können. Sondern auch die Erinnerung daran, wie wichtig Feminismus in der Musikbranche ist. Und bleiben wird.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Max Sand