Sie sind Musikdeutschlands erfolgreichster Export des Jahrzehnts. Das erste Mal „Stolen Dance“ im Radio hören scheint eine halbe Ewigkeit zurückzuliegen. Clemens Rehbein und Philipp Dausch sind längst nicht mehr der außergewöhnliche Newcomer aus Kassel, sie sind heute weltweit gefeierte Superstars. Die letzten sieben Jahre haben viel mit den einstiegen Schulfreunden gemacht. Das hört man in „Mind The Moon“ mehr als je zuvor.

Ein Artikel von Anna FliegeMilky Chance, das ist für mich ein Gefühl von sommerlicher Unendlichkeit. Zumindest scheint es in jenen Momenten so. Wolkenlose Himmel, die sich in Rosa- und Hellblautönen färben und einen wunderschönen Sonnenuntergang ankündigen. Losgelöste Tanzschritte, ein Herzschlag im Takt der Beats. Nachdem „Sadnecessary“ und „Blossom“ genau nach diesen Attributen funktionierten, klingt „Mind The Moon“ weniger unbeschwert.

Der Vibe ist dunkler, eher ein Herbst- und Winteralbum. An vielen Stellen überrascht der neue Tonträger mit seiner reduzierten Geschwindigkeit, Beats bilden eher die Grundierung als das Rundumerlebnis. Man könnte es gereift nennen, wenn man mag. Ernster irgendwie, weniger verspielt als seine Vorgänger.

Ein Milky Chance-Album bleibt es dabei trotzdem. Clemens & Philipp verlieren ihre Strukturen, die 2013 bereits die Massen begeisterten, nicht. Kein Schema F, aber Schema Milky Chance.



Ihre Beobachtungen, Erinnerungen und Learnings des jahrelangen um den Globus reisen lassen die Folktronica-Pioniere unbekümmert einfließen. Von jedem der Kontinente lassen sich Elemente benennen, Einflüsse ergründen. Doch nicht nur in ihre Sounds verwoben, sondern ganz offensichtlich wird dies durch die zahlreichen, illustren Featuregäste.

Ihr Comeback feierten die Kasseler mit Australiens Ausnahmetalent und Loop-Genie Tash Sultana („Daydreaming“). In „Rush“ hören wir den belgisch-kongolesischen Künstler Témé Tan, lernen dank „Eden’s House“ Ladysmith Black Mambazo kennen, eine A-Capella-Formierung aus Südafrika.k



Als beständiger Milky Chance-Fan werde ich mit „Mind The Moon“ doch nicht auf Anhieb warm. Paradox dabei die Begründung: Fehlt mir auf der einen Seite die alte Euphorie, vermisse ich auf der anderen Seite eine gewisse Innovation.

Trotzdem gibt es Tracks, auf die ich immer wieder zurückskippe: Die zweite Singleauskopplung „The Game“, „We Didn’t Make It To The Moon“, „Oh Mama“ oder „Scarlet Paintings“. Spannend bleibt, wie das neue Material live klingt – denn da überwältigen Milky Chance doch mal um mal meine Erwartungen.



MILKY CHANCE live
30.01.2020: Köln, Palladium
31.01.2020: Stuttgart, Porsche Arena
11.02.2020: München, Zenith
12.02.2020: Leipzig, Haus Auensee
13.02.2020: Berlin, Tempodrom
27.02.2020: Zürich, Halle 662
28.02.2020: Wien, Gasometer
04.03.2020: Frankfurt am Main, Jahrhunderthalle
05.03.2020: Hamburg, Sporthalle


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Anthony Molina