Das Land der Dichter und Denker – nun, mit einem Blick auf die aktuellen Chartstürmer kommen Zweifel auf, ob Deutschland diesen glamourösen Titel im Jahr 2019 noch immer halten kann (abgesehen vom ‚dicht‘ vielleicht). Zum Glück gibt es in diesem Chaos Patronen & Patroninnen wie Mine. „Klebstoff“ fungiert als sprachbegabtes Schutzschild.

Ein Artikel von Anna FliegeMine macht Kunst für’s Herz. Aber nicht auf so eine lapidare Art und Weise, nein. Ihre Worte zwängen sich durch den Brustkorb und setzen sich am Herzmuskel fest, machen es schwerer und leichter zur selben Zeit. Und dann verharrt es da für eine undefinierbare Weile. Es sticht und schmerzt, es wärmt und heilt, nie zu viel und nie zu wenig. Und wenn einmal die Worte fehlen, dann ist stets eine ihrer intelligenten, von Metaphern getränkten Zeilen in greifbarer Nähe, um Unbegreifliches zu begreifen.

Und Mines Album „Klebstoff“ ist kein Sekundenkleber, mit dem man Zerbrochenes wieder provisorisch zusammenflicken kann. Nichts, dass uns nur wenige Wimpernschläge Zeit lässt, langfristige Entscheidungen zu treffen, keine kurzweilige Angelegenheit. Nicht mit seinem Gesamtwerk und nicht mit seinem Titel. Mine selbst beschreibt es so:

„Ich finde das Bild interessant, dass jeder von uns mit Klebstoff umhüllt durch das Leben geht und alle Dinge, mit denen man in Kontakt kommt – positiv oder negativ – an einem kleben bleiben. Auch, wenn man das gar nicht will. Auch, wenn man schon längst woanders ist.“



Klebstoff“ handelt von Veränderungen und Realisationen, spricht aus, was man lange nicht aussprechen wollte. Und das ist was ein Mine Album so besonders macht die Mischung aus Ernsthaftigkeit, aus Verletzbarkeit und einer Art von Befreitheit. Das finden wir auf Mines drittem Soloalbum so stark wie noch nie zuvor. Manche mögen es intellektuellen Pop schimpfen, andere als lyrisches Rettung feiern – sagen wir einfach, es ist etwas dazwischen. Für jeden so, wie er es gerade braucht.

„Was ich mag, fass ich an, was ich fasse, leidet dran.
Klebstoff an meiner Hand, ich wünschte du wärst mir unbekannt.
Doch jetzt nehme ich dich mit, ob du es willst oder nicht.“

Es treffen ungewöhnliche Wortgebilde auf musikalische Arrangements, wie man sie einfach nicht erwartet. Hier ein bisschen Orchester, da ein bisschen minimalistisch im Einklang mit dicken Beats. Und wiederum an der anderen Stelle ein Dudelsack oder etwas, was zumindest danach klingt. Man fühlt sich verstanden oder fängt erst beim Hören an zu verstehen, das sind Songs wie der Titelgeber „Klebstoff“ oder „Vater„. Man tanzt zu „90 Grad„, „Spiegelbild“ mit AB Syndrom oder „SW„, um bei „Nichts“ schwer aufatmen zu müssen.

Da wäre der Song „Einfach So“ mit Giulia Becker (NEO MAGAZIN ROYALE), dessen Zeilen man sich auf zahllose T-Shirts und Poster drucken, die Line „Meine Schenkel berühren sich häufiger als deine Eltern“ am liebsten tätowieren lassen möchte. Ein Song, der auf so amüsante Weise ernst und wichtig ist, dass man das beim Mitsingen fast vergisst. „Du kommst nicht vorbei“ konkurriert aber schon wenig später um den Titel des Lieblingssongs.

Wer Fan oder sogar Ermöglicher des fabelhaften Crowdfunding-Projekts des Mine-Orchesterkonzertes war, wird mit den letzten Songs des Albums bereits bekannt sein. „Guter Gegner“ mit dem Grossstadtgeflüster-Trio und „Schwer bekömmlich“ mit Bartek (Die Orsons) und Haller, das im Studioformat noch um DISSY ergänzt wird. Hier treffen Streicher auf die zurückhaltende Gastgeberin, die lieber ihren Gästen die ersten Worte überlässt.

Klebstoff“ ist grandios! Und dabei sind es die kleinen Details, die beim ersten Durchhören vielleicht gar nicht auffallen würden. Die man erst beim zweiten oder beim 20. Mal wahrnimmt oder nie oder erst in ein paar Jahren, Das sind Wortspiele und Momente und Gefühle, die Mine so gut verpackt, dass sie nicht zu offensichtlich sind. Um dann zwei Zeilen weiter mit eine emotionalen Entblößung zu spielen.

Mine setzt ihre persönliche Messlatte mit jedem Album, jeder Veröffentlichung um ein vielfaches in die Höhe, um sich dann wie selbstverständlich zu übertreffen. Ich möchte meinen Hut ziehen, mich verbeugen, einen Knicks machen.



MINE live

02.05.2019 Köln – c/o Pop
03.05.2019 Mannheim – Alte Feuerwache
04.05.2019 Wiesbaden – Schlachthof
05.05.2019 Hannover – Musikzentrum
07.05.2019 Konstanz – Kulturladen
08.05.2019 Stuttgart – Club Cann
09.05.2019 Leipzig – Leipzig
10.05.2019 Berlin – Huxley’s Neue Welt (hochverlegt)
11.05.2019 Hamburg – Mojo
15.05.2019 Wien – Porgy Bess
16.05.2019 Nürnberg – Hirsch
17.05.2019 München – Ampere (ausverkauft)
18.05.2019 Zürich – Dynamo


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Simon Hegenberg