In „The Opera“ treffen wohlmöglich zwei der beachtenswertesten Akteure unserer Musiksphären aufeinander, denen die meisten von uns zu wenig Beachtung schenken – Hashtag underrated. Doch selbst, wenn Miss Platnum und Bazzazian vertraute Namen für den Einzelnen sind, ist das Ergebnis der Zusammenarbeit unerwartet sowie unberechenbar. Vorhang auf.


Ein Artikel von Anna Fliege – Ruth Maria Renner, geboren in Rumänien und aufwachsen in Berlin, ist so viel mehr als die Frau, die am Wahnsinnserfolg von „Lila Wolken“ 2012 beteiligt war. Es wird Zeit, Miss Platnum nicht ständig und immer wieder auf diese Kollaboration mit Marteria & Yasha zu reduzieren. Bereits 2007 tauchte sie mit „Chefa“ auf der Bildfläche auf, kooperierte hier unter anderem mit Peter Fox. Dieser landete ein Jahr später mit seinem einzigen Soloalbum eine Platte des Jahrhunderts und brachte Miss Platnum mit sich auf Tour – und dort direkt in mein Herz. „The Sweetest Hangover“ griff 2009 den vorherrschenden R&B-Zeitgeist mit selbstbewussten Beats und einer starken Stimme auf.

2019 kehrt Miss Platnum nach zwei aufeinanderfolgenden deutschsprachigen Alben („Glück und Benzin“ sowie „Ich war hier„)  zurück zur englischen Sprache. Nun ist es sicherlich Geschmacks- und Anssichtssache, welche Seite man präferiert. Ginge es nach mir, verleiht Englisch der Berlinerin mehr Kraft, mehr Standfestigkeit.

Als etablierter Produzent im deutschen Rapsektor liest man seinen Namen in Credits von Azad, Samy Deluxe, Kontra K oder auch Haftbefehl. Als schillerndes Exempel seiner Arbeit fällt immer wieder „Russisch Roulette„, das vielleicht beste Hafti-Album zum heutigen Tage (auf dem im Übrigen auch Miss Platnum anzutreffen ist). Bazzazian ist das Genie im Klappentext. Und auch als Teil des Produzentenkollektivs „Die Achse“ mischt er seit Jahren die Szene auf und ab.

The Opera“ schenkt sowohl Bazzazian als auch Miss Platnum eine Bühne, auf der es sich frei zu entfalten lohnt. Meine schnellen Notizen zeigen Worte wie „majestätisch„, „episch“ und „ästhetisch“ auf. Das unvorhersehbare Zusammenspiel aus klassischen und modernen Elementen, eine dramatische Auslegung des Ganzen, keine Scheu vor der Üppigkeit des Sounds. Miss Platnums Stimmgewalt, die sanft auf schwere Drumpad-Beats treffen.



Nie klangen Loops und die Nutzung von Autotune so elegant, so ästhetisch ineinander verflochten. Und so gewaltig der aus dem außergewöhnlichen Projekt entstandener Output ist, so sehr lohnt es sich, auf die Details Acht zu geben. Auf sanfte Klavierelemente oder etwa dem orientalischen Vibe in „Rainbow Jesus„. Auf die Bon Iver-„22, A Million„-Inspiration, der „Sparkle“ scheinbar zu Grunde liegt.

Es ist wahrlich schwer, die Grundstimmung des Albums zu fassen. Soundwände bauen sich auf und wieder ab, es ist nicht bedrückend oder befreiend, nicht niedergeschlagen oder fröhlich. Fast könnte man meinen, man befinde sich in einem eigens dafür geschaffenem Vakuum.

Roll down your window, now gimme your money“ – ein Ausbruch aus der Ernsthaftigkeit. „Lelele“ ist ein Song, der mit seiner Beatstruktur Ruths frühe Balkanvibes auf „Chefa“ und „The Sweetest Hangover“ ebenso ehrt wie er mit seinen choralen Elementen an gegenwärtige Popphänomene wie Ariana Grande und „God Is A Woman“ erinnert.

Und bricht „Lelele“ nur aus der Ernsthaftigkeit aus, so entkommt „Runnin‘“ allem, was wir bisher zu hören bekommen hatten. Ein Track, der seine Ordnung in der Zerstreutheit findet, der zwischen klaren Vocals und bizzaren Deep House-Elementen tänzelt.

Fresh Start“ trägt es schon in seinem Titel, doch auch musikalisch beendet der letzte Track die Geschichte von „The Opera“ nicht. Ein offenes Ende, ein neuer Beginn – so richtig festlegen möchte man sich nicht.

Das Licht geht an, ein schallender Beifall füllt den Saal. Verbeugungen mit ineinander verschränkten Händen und Blumenregen. Eine Vorstellung der Extraklasse, ein Spektakel in 9 Akten.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Phillip Kaminiak