Wohl namhaft als als die bekannteste Merkel-Parodistin der Ära Merkel, begibt sich Antonia von Romatowski als Digitha Lia auf einen „Dauerlauf“ der anderen Art und veröffenlicht damit heute ihre neue Single samt retroanmutendem Video.

Die digitale Welt als Schwerpunkt in Bild und Ton, handelt der in Stakkato- und NDW soundmäßige Track über Situationen aus dem Alltag, die uns alle täglich begegnen und (über-)fordern. Im digitalen Zeitalter, mit seinen narzisstischen Verlockungen, müssen die Menschen lernen, damit zu leben, dass es kein Problem ist, wenn ihnen mal ein Zacken aus der Krone bricht! Der Alltag muss wie in sportlicher Disziplin durchgehalten werden.

„Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen. Bricht auch mal ein Zacken raus, kein Problem, weitergeh`n.“



Es gab einmal zu Beginn der New Wave Ära, ein zukunftsweisendes Album in Deutschland, das hieß „Monarchie und Alltag“ und war von der Band Fehlfarben. Es war etwas schwermütig, und zugleich hellsichtig und hochauffahrend, und es wollte auf ironische Weise sagen, dass der Alltag in Deutschland im Jahr 1980 immer noch so schwerfällig und stur organisiert wird, wie in der wilhelminischen Epoche, zu Zeiten von Kaiser Wilhelm 2., der bekanntlich auch König von Preußen war.

Jetzt, vierzig Jahre später, gibt es diesen sehr wichtigen Song von Antonia von Romatowski, der heißt „Dauerlauf.“ Und auch hier geht alles voran, und gleichzeitig lebt auch der König noch. Nur, dass wir alle jetzt König und Königin sind. Mit der Nebenwirkung, dass wir alle ständig unsere Krone richten müssen. Die Sängerin und Songschreibein sagt:“ In den Strophen geht es um Situationen, die uns alle täglich begegnen und (über-)fordern, so dass wir immer wieder „hinfallen“ und „aufstehen“ müssen.“ Also heißt es, im atemberaubenden Stakkato-Refrain mit NDW-Appeal: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen. Bricht auch mal ein Zacken raus, kein Problem, weitergeh`n.“

Wie die Menschen früher – als die Verhältnisse (fast so wie in einer Monarchie) noch autoritärer waren – lernen mussten, auch mal neben der Ordnung zu stehen; aus der Ordnung herauszufallen, so müssen sie heute, im digitalen Zeitalter, mit seinen narzisstischen Verlockungen, lernen, damit zu leben, dass es kein Problem ist, wenn einem mal ein Zacken aus der Krone bricht!

Die durchaus auch militärische Disziplin, die dieses Leben in Digitalhausen immer noch mit sich bringt, hat Antonia von Romatowskis zackiger Song, schon im Titel formuliert. Es geht um einen „Dauerlauf“ – der Alltag muss wie in sportlicher Disziplin durchgehalten werden, – und das ist so zeitgemäß beobachtet, wie es sonst nur noch Rap-Texte vermögen, Denn es gibt ja längst neben all den vielen kleinen fehlerhaften Königinnen und Königen, die wir sind, einen neuen echten König, der uns alle übertrumpft: Es ist unser Handy und die ganze digitale Revolution, die durch und durch unser Leben bestimmen, all die Tools, die uns weiter ziehen, durch ein Leben voller digital vermittelter Ereignisse: „Krone liegt im Matsch, was soll der Quatsch, heb sie wieder auf, und weiter geht der Dauerlauf.“ Und wenn die Technik ausfällt beginnt der Horror: „Montag Morgen, acht Uhr drei, hab verpennt, Kind flennt, renitent, Zeit rennt, konsequent…Montag Mittag zehn vor zwölf, grade so im Büro, surf so Riesenknall- Stromausfall! Und ich check, leck mich fett, Arbeit von drei Wochen weg, fahr die Kiste wieder hoch, starre in ein schwarzes Loch“ Eine gute Beobachtung ist auch, dass, im Kurzschläferland Deutschland, und überall sonst auf der Welt auch, alles am Arsch ist, wenn der Wecker mal streikt oder, warum auch immer, einfach so nicht klingelt.

Um diesen Dauerlauf zu formulieren, braucht es schon eine herausragende und witzige Künstlerin. Die Musikerin Antonia von Romatowski gilt als die bekannteste Merkel-Parodistin der Ära Merkel (über die ja auch manche sagen sie regiere wie eine Monarchin). Deshalb hat sich die aus Funk und Fernsehen bekannte Parodistin Merkels und anderer hochrangiger Politikerinnen für das Video zu dem Song – wiederum eine Kunstfigur ausgedacht!

Ihr Name: DIGITHA LIA, eine Mischung aus „Digital“ und „Thalia“, der griechischen Muse der komischen Dichtung und Unterhaltung.

Und wie auch schon die frühere Monarchie entfremdet die Digitalisierung die Menschen voneinander, weil sie auf eine anderes Ziel gerichtet sind, als den direkten menschlichen Kontakt: auf´s Handy!!

„Deshalb haben meine Film-Tochter und ich keinen Kontakt,“ erzählt die Lady hinter DIGITHA LIA. Und weiter:“ Wie oft sehe ich an Bushaltestellen, im Wartezimmer, auf der Straße, Menschen, die auf ihr Handy starren, obwohl man sich so nett mit dem Menschen neben sich beschäftigen könnte. Ich über nicht wirklich Kritik an der Digitalisierung. Sie ist ja an sich was sehr Feines. Nur der unbewusste Umgang kann uns Menschen in die Isolation treiben.“

Sie sagt, unterbewusst hatte sie das Thema Digitalisierung sowieso schon im Song mit drin, aber eben nicht offensichtlich. Das wollte sie dann auf der Bildebene erzählen. Das Schöne ist aber, dass der Song auch ohne Video funktioniert. Man kann sich dann die ganz eigenen Bilder dazu vorstellen!

Vor 15 Jahren gab es schon einmal so einen Hit, der es in puncto Beschreibungsdichte der Gegenwart mit Fehlfarben aufnehmen konnte: der Überhit „Guten Tag“ von Wir Sind Helden. Der Song, der im großen Stil auf die Kaputtheiten des alle überfordernden Warensystems hinwies. Wo die Sängerin ihr Leben zurückwill. DIGITHA LIA hingegen kennt nur ein Leben: das im Handy!

Dass so ein schneller flackernder Popsong am Ende der zehner Jahre ganz ohne Band, aber mit viel Computer, entstehen kann – getextet und komponiert von einer begnadeten Songschreiberin ( die ihr Debut-Album Elefant im Raum selbstredend auf der Gitarre und dem Klavier geschrieben hat) und dann mit dem Produzenten Phil Vetter zusammen aufgenommen und gemeinsam arrangiert wurde, ist einer der Gründe warum ich persönlich froh bin über die Dauerläufe, die Digitalhausen hervorbringen kann!

„Dauerlauf“ von Antonia von Romatowski alias DIGITHA LIA ist auch eine Art und Weise, ganz bescheiden dieses Jahrzehnt zu krönen, das uns alle zu isolierten Wesen an Computern gemacht und auf diese Weise doch zusammengebracht hat. Weil wir es uns, frei nach Sascha Lobo, eben nicht mehr aussuchen können, ob wir unseren König Smartphone dabei haben, oder nicht. Statt Beschleunigung wünscht sich dieser Song, tief im Inneren, eine Entschleunigung, und genau deshalb freut man sich beim Hören und Videogucken, dass er so schön schnell ist. Soll keiner sagen, dass uns die neuen Verhältnisse schwermütig machen oder langweilen. Immerhin sind wir selbstbewusst und empowered genug sie auszuhalten!


Text: Kerstin Grether