Now Reading
Moses Sumney & „Black in Deep Red, 2014“: Protest in drei Akten

Moses Sumney & „Black in Deep Red, 2014“: Protest in drei Akten

Die gesellschaftliche Kluft zwischen Schwarz und Weiß herrscht in den USA unstürzbar seit Beginn ihrer Geschichtsschreibung im Kolonialisierungszeitalter.

Bis zum Ende des Amerikanischen Bürgerkrieges 1865 durch Sklaverei geprägt, ist es heute die brachiale Polizeigewalt, die eine Hierarchie der Hautfarben herstellen will. Weiße Polizisten schießen am helligen Tage auf unbewaffnete schwarze Jugendliche – und kommen damit rechtlich nicht einmal großartig in Bedrängnis. So auch im Fall von Mike Brown, dem 18-Jährigen Afroamerikaner, der am 09. August 2014 im Bundestaat Missouri erschossen wird. Der Fall löst weltweite Protestwellen aus und schenkt auch dem priviligierten Durchschnitts-Europäer eine minimale Ahnung darüber, was in den USA grausamer Alltag ist.

Zu einem dieser Proteste geht auch der Künstler Moses Sumney, nachdem der im Mike Brown-Fall angeklagte Polizist kurz vor Thanksgiving freigesprochen wird. Die Umstände und seine eigene Wahrnehmung inspirieren den damals 24-Jährigen Moses Sumney zu der EP „Black in Deep Red, 2014“, die er wenig später schreibt.

Nun, vier Jahre später, veröffentlicht das musikalische Wunderkind seine Konzept-EP in einer Zeit, in der #BlackLivesMatter zwar irgendwo in den Köpfen der Menschen verankert, aus den Headlines der tagesaktuellen Mainstream-Medien jedoch verschwunden ist. Doch schon Childish Gambinos „This Is America“ zeigte erst vor wenigen Wochen kunstvoll, dass Rassismus im Land der unbegrenzten Möglichkeiten weiter zum Alltag dazugehört.

„Black in Deep Red, 2014“ beinhaltet drei Tracks. Der erste Akt, wenn man es so nennen mag, stellt Wunsch und Gegenwart der Machtverteilung Amerikas dar. Gesamplet stehen sich „power to the people“ und „the people of power“ gegenüber. Die black community gegen die konservative weiße Macht. Während Kanye West einst das Wort kraftvoll ohne weitere Interpunktion nutze, stellt Moses Sumney „Power?“ infrage, „wondering if power was a transferable device that could change hands through the vocalizing of unrest.“

Akt 2 konzentriert sich als starker Kontrast rein auf die musikalische Ebene. Der zu Beginn ruhige Song entwickelt sich über seine Länge zu einem Jazz-Spektakel, das unverkennbar Moses Sumneys Handschrift trägt. „Future music“ betitelt die Musikwelt sein Schaffen.

Das große Finale bildet der Track „Rank & File“, der bereits vor einer Woche samt symbolstarken Video veröffentlicht wurde. Einstufen und einordnen – das Schubladendenken der weißen Macht – ist das größte Problem und die daraus resultierende Gefahr für die afroamerikanische Gesellschaft, wenn der eigentliche „Freund und Helfer“ zur größten Bedrohung wird: „Say protect and serve us but murder’s not service“. Der musikalisch wie lyrisch starke Song gewinnt durch die vorangegangen Tracks nur noch einmal mehr an Bedeutung.

See Also

Der damalige Prostest war Moses erster…und auch letzter. Im Rahmen seiner EP sagte er: „I felt like a camouflaged outsider at the protest, like an anthropologist performing a study amongst his own kind.“ Diese Beobachtungen verewigte er auf einer EP, die nicht nur aus der rein musikalischen Ebene heraus für Gänsehaut und Denkanstöße sorgt, sondern durch ihre Message, ihre Ausstrahlung, ihre Komplexität.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Ibra Eke

Scroll To Top
Translate »