Die ausverkaufte Mercedes-Benz Arena streckt kollektiv die Arme Richtung Hallendecke, als Mumford & Sons in ihrer Mitte den vorletzten und bekanntesten Song der Band zum Besten geben. „And I will wait, I will wait for youuuu“! Die strahlenden Gesichter, die man im Halbdunkeln erahnen kann, sprechen für ein erfolgreiches Konzert. 

Ein Artikel von Anna Fliege – Warten mussten die Fans von Londons erfolgreichster Indie-Folk-Export tatsächlich länger. Zuletzt besuchten Mumford & Sons die Hauptstadt im Rahmen des Lollapalooza 2017, ihr letztes richtiges Konzert spielten sie auf der „Wilder Mind„-Tour 2015 an zwei aufeinanderfolgenden Tagen an der ausverkauften Waldbühne. Mit Album Nummer 4, „Delta„, sind sie wieder zurück und spielen am östlichen Ufer der Spree in der ausverkauften Mercedes-Benz Arena vor rund 17.000 begeisterten Fans. Es ist das neunte Konzert in der deutschen Hauptstadt verrät Marcus Mumford in einer seiner Ansagen.

Was dieses Konzert von den bisherigen abhebt, ist ohne Frage die Bühne inmitten der Arena, statt klassisch vor Kopf. Doch verzichten die sympathischen Briten hierbei auf moderne, selbstdrehende Bühnen und halten ihr Set-Up lieber analog. Das macht das Konzerterlebnis fast schon intim und kann man bei solch einer Kapazität noch von Bodenständigkeit sprechen? Funktionieren tut dies, weil Instrumente und Mikrofone in mehrfacher Ausführung auf der Bühne vorhanden sind und vor, nach und inmitten Songs fröhlich die Seiten gewechselt werden – nach knapp 50 „Delta Tour„-Konzerten im letzten halben Jahr klappt diese Rotation sicherlich im Schlaf. Und wer schon einmal auf einem Mumford & Sons-Konzert war, weiß, dass Marcus Mumford nicht nur zwischen verschiedenen Gitarren und nun auch Mirkofonen wechselt, sondern auch gerne einmal den Platz am Schlagzeug für sich beansprucht. 

Doch bevor die Gastgeber des heutigen Abends selbst die Bühne betreten, lassen sie ihrer Supportband Gang of Youths den Vortritt. Die Fünferbande stammt aus Sydney und könnte eure neue Lieblingsband werden. Sie klingen ein bisschen wie das Ergebnis einer Affäre von The National und The Killers und dabei doch ganz eigen. Was dem Publikum in Erinnerung bleiben wird? Dass Frontmann David Le’aupepe für die Bühne geboren ist. Seine Ansagen sind nicht schüchtern, sein Auftreten äußerst selbstsicher. Der Australier, der aus der Ferne auch Jon Snow mit Gitarre sein könnte, stellt sich schnell als bester Tänzer der Stadt heraus. Das macht er auf der Bühne wahnsinnig gut und auch vor einer kleinen Einlage inmitten des Publikums scheut er sich nicht.



Kurz vor 21 Uhr erlischt die große Saalbeleuchtung. Doch der frenetische Jubel der Fans, die sich um die große Bühne versammelt haben, reicht aus, um zu wissen, dass die Band gerade dabei ist, diese zu betreten. Mit „Guiding Light„, der Leading Single des neusten Albums, starten Mumford & Sons in einen unvergesslichen Abend.

Noch sitzen auf den Rängen die meisten Gäste, während unten bereits fröhlich getanzt wird. Doch das ändert sich schlagartig, als schon nach dem Opener die allen bekannten Gitarrentakte von „Little Lion Man“ ertönen. Und so steht nun die ganze Mercedes-Benz Arena und singt gemeinsam mit Marcus Mumford:

„But it was not your fault but mine
And it was your heart on the line
I really fucked it up this time
Didn’t I, my dear?“



Es folgt eine bunt gemischte, lange Setlist aus Mitsing-Garanten der vier Alben „Sigh No More„, „Babel„, „Wilder Mind“ und „Delta„. Die Band ist gut gelaunt, die Fans sind es ebenfalls. Glatte 10 Jahre nach Veröffentlichung ihres Debütalbums sind Mumford & Sons zwar wahre Routiniere geworden und doch ist das Lächeln, das die vier Bandmitglieder hin und wieder überrumpelt, wenn aus dem Publikum besonders laut und euphorisch mitgesungen wird, echt.

Möglichkeiten dafür gibt es viele, textsicher sind hier fast alle. Zum „Wilder Mind„-Song „Ditmas“ begibt sich Marcus Mumford traditionell nach der ersten Hälfte in den umherspringenden Pulk aus Konzertbesuchern, so auch heute. Zuerst unten vor der Bühne, bis er sich den Weg zu einem der Ränge bahnt, dort die Treppen hoch- und einige Blocks später wieder herunterkommt, um dann auf der anderen Seite der Bühne wieder ins Fanmeer abzutauchen – und dabei natürlich die komplette Zeit zu singen. Das ist für einen halben Song ziemlich sportlich! „But this is all I ever was and this is all you came across those years ago„.

Doch ehe man sich versieht, ist über die Hälfte des Konzertes bereits Geschichte. „The Wolf“ läutet den letzten Track vor einer ausgiebigen Zugabe ein. Der Song explodiert förmlich und es ist nur allzu schön, wie Mumford leidenschaftlich die Textzeilen ins Mirko schreit. Hätte man Pyro einsetzen wollen, hier wäre genau der richtige Moment dafür gewesen.



Was dann als erster Teil der Zugabe folgt, überfordert den ein oder anderen Konzertbesucher prompt. Marcus Mumford, Ted Dwane, Winston Marshall und Ben Lovett positionieren sich um ein einziges, niedriges Mikrofon herum und bitten die Arena um Stille. Die Gänsehaut hält die komplette Länge der nächsten drei Songs, „Wild Heart„, „Only Love“ und „Forever„, an und meistens schaffen die Menschen neben einem sogar, wirklich ruhig zu sein. Dann kann man die Augen schließen und den Vieren lauschen, dabei kurz vergessen, mit welch großer Menschenmasse man sich hier in einem Raum befindet. Ein Moment für’s Marmeladenglas.

Schließlich erlösen Mumford & Sons ihre Fans und werden mit tosendem Applaus belohnt. Genau der richtige Zeitpunkt, Gang of Youths für einen gemeinsamen Song noch einmal auf die zentrierte Bühne zu holen. Zusammen covern die Bands mit einer atemberaubenden Energie den The Middle East-Song „Blood“ und glatt wünscht man sich, es gäbe diese Version zum immer wieder anhören. Das charakteristische Xylophon darf dabei selbstredend nicht fehlen.

Wenig später neigt sich der Abend (leider) dem Ende. Dem aufmerksamen Fan wird aufgefallen sein, dass die Band noch ein großes Ass im Ärmel haben. Noch einmal stehen alle Anwesenden in der Arena von ihren Sitzplätzen auf, als die ersten Töne zu „I Will Wait“ erklingen. Jetzt wird ungeniert mitgegröhlt, es ist doch viel zu einladend, um sich das entgehen zu lassen. Das Glück ist greifbar und nach gut 100 Minuten noch nicht aufgebraucht.

Mit „Delta“ und Konfettiregen schließen Mumford & Sons um 22:30 Uhr das neunte Berlin-Konzert ihrer Karriere ab.



MUMFORD & SONS live

13.05.2019 – Frankfurt, Festhalle
15.05.2019 – Köln, LANXESS Arena
22.06.2019 – Scheeßel, Hurricane Festival
23.06.2019 – Neuhausen Ob Eck, Southside Festival


Autorin & Photocredit: Anna Fliege