Wenn ich musikalisch etwas über das Jahr 2018 gelernt habe, dann, dass große, etablierte Künstler der Indie-Szene nicht mehr in den Schubladen der letzten Dekade stecken wollen und können. Von anderen Genres übertrumpft, entwickelt sich die Szene anders, speziell, gegen den Strom, man könnte sagen: Experimentell. Das hört man an den neusten Veröffentlichungen von den Arctic Monkeys oder Ben Howard und ja, auch das neue Album von Mumford & Sons brennt zumindest teilweise die sicheren Brücken der größten Folkrock-Band unserer Zeit nieder.


Ein Artikel von Anna Fliege – Nun, wie ich bereits in der letzten Woche „Im Fokus“ preisgab, handelt es sich bei Mumford & Sons, niemand geringes als meine to die for-Lieblingsband – was eine Review nicht unbedingt erleichtert. Hätte ich diesen Artikel nach dem ersten Durchhören des Albums vor zwei Wochen geschrieben, er wäre nicht sonderlich positiv ausgefallen. Man könnte fast behaupten, dass ich enttäuscht war. Erwartungen, Vorstellungen, Wünsche – Dinge, die im Falle eines neuen Albums eines Lieblingskünstlers nur viel zu selten 100% befriedigt werden. Nun, einige Tage und viele Album-Schleifen weiter, kann ich sagen: „Delta“ wächst. Und man wächst mit.

Doch auf Anfang. Die Kontroverse um das Banjo-freie „Wilder Mind“ vor drei Jahren war groß, zudem getragen vom unfassbaren, Grammy-gekrönten Folkrock-Kassenschlagers „Babel“ einige Jahre zuvor. Nun kehrt das Instrument zurück – anders, moderner. Das Banjo ist auf fast jedem Song vertreten, doch nur selten hört man es klar und deutlich raus. Der Plan der Band ist aufgegangen.

Trying to use a banjo without it ever sounding like a banjo was actually quite an exciting ambition for this album“ – Winston Marshall (BBC, November 2018)

Sowieso ist „Delta“ neu, experimentell, springt über Schatten und Hürden und schließlich kopfüber ins Unbekannte. Besonders besticht es durch seine vielen Ebenen – so viele, dass man darin verloren gehen könnte. Ja, auch Mumford & Sons passiert dies fast, aber eben nur fast. Ein schmaler Grad, bei dem ein oder anderen Song kurz vor der Grenze zu etwas, das der Musikjournalismus „überproduziert“ schimpft. Keine Neuerfindung des Rades, für die Londoner Band dennoch ein großer, nein, riesiger Schritt. Die Tiefe der Songs spiegelt plötzlich, wie zweidimensional gerade der Vorgänger aus dem Jahre 2015 war.

Vielfalt ist eine Beschreibung, die „Delta“ wohl am ehesten kurz und knapp wiedergibt. Gründe dafür sind zum einen die Entwicklungen innerhalb der Band seit Album Nummer 3. Da wäre die EP „Johannesburg„, die den M&S-Klang mit Worldmusic mischte, da steckt die Zusammenarbeit von Gitarrist Winston Marshall mit dem österreichischen Elektro-Duo HVOB drin, und alles in allem das große, breite Interesse an der Kunstform Musik, die Mumford & Sons seit jeher begleitet.

Zum anderen ist es die Wahl eines neuen Produzenten, der fast namenhafter ist als die Band selbst: Paul Epworth. Der Brite zeigt sich beispielsweise für die prägenden Debütalben von Bloc Party und Florence + the Machine verantwortlich, Jahre später für Adeles ersten wirklich großen Hit „Rolling In The Deep“, ihren Gänsehaut-Bond-Song „Skyfall“ und schließlich „25“, eins der erfolgreichsten Alben aller Zeiten. Die Liste könnte endlos weitergeführt werden, ein Blick in die Referenzen Epworths sind äußerst interessant.

Erfahrung, eine unbändige Leidenschaft für Musik und einen der größten Produzenten unseres Jahrhunderts an der Hand ergeben ein außergewöhnliches Werk. „Delta“ ist viel, sehr viel. Viele Elemente, viele Ebenen, viele Ecken & Kanten, die man von den oft abgestempelten Mumford & Sons niemals erwartet hätte. Am Ende fasst das vierte Album die vergangen 10 Jahre in so vielen Weisen zusammen: Die Balance zwischen Dramatik und Sanftheit von „Sigh No More„, das Selbstbewusstsein von „Babel„, der Mut von „Wilder Mind“ und die Offenheit von „Johannesburg„.

Doch ist da noch etwas. Auf und mit „Delta“ gibt sich die Band ehrlicher denn je. Keyboarder Ben Lovett bezeichnet dies als “the four Ds: death, divorce, drugs and depression“ (Rolling Stone, November 2018). Dinge, die auch eine scheinbar so positive, unantasbare Band betreffen. Themen, mit denen man nicht rechnet, wenn man zu „I Will Wait“ und „Little Lion Man“ im Radio mitsingt.

Und doch sind diese Themen präsent, prägen Mumford, Marshall, Lovett und Dwane. In diversen Interviews sprechen die Briten offen über Ben Lovetts Scheidung, Marshalls Depressionen, Bassisten Ted Dwanes riskante Hirn-OP und Mumfords Berührung mit dem Tod, familiär und im Zuge der Grenfell Tower-Tragödie im letzten Jahr. Umstände und bittere Wahrheiten, die sie in und mit „Delta“ verarbeiten. Mal ganz offensichtlich, mal in wohligere Worte und Phrasen vergraben, doch immer da.

Mit einer Menge von 14 Songs haben es sich die Musiker nicht nehmen lassen, eine Hand voll Tracks zu integrieren, die, nunja, Gewöhnung bedürfen. Elektronische Beats, die man wohl eher bei Bands wie Bastille verorten würde? Ja, „Picture You„. Ein brachiales Stück ohne Mumfords raue Stimme, dafür mit einer Spoken Word Performance von Auszügen aus „Darkness Visible„, den düsteren Memoiren von William Styron, im gleichnamigen Song? Ohja.

Es wechselt zwischen Drumpad („Woman„) und Orchester („If I Say„). „Rose Of Sharon“ erinnert an die kollaborative EP ihrer Südafrika-Tour, „Forever“ ist der vielleicht klassischste Mumford & Sons-Song und Vorabsingle „Guiding Light“ eine ausgereiftere Neuinterpretierung ihres unique selling points. Das prägnante Banjo, die akzentuierten Gitarrenanschläge, das Ungebändigte, Mumfords immer inbrünstiger werdende Stimme.

I pushed very hard for ‚Guiding Light‘ to be our first single because of all the songs, I always felt like it opened it’s arms the widest and I think very welcoming…“ – Marcus Mumford (iHeart Radio, November 2018)

Das Album stilistisch gewohnt, wenn doch ungewohnt mutig. Hatte „Wilder Mind“ noch mit „Tompkins Square Park“ noch einen relativ langen instrumentalen Vorlauf, startet „42“ (der irgendwann einmal „See A Sign“ hieß) so straight mit Marcus Mumfords Stimme, dass ich mich beim ersten Hören kurz erschrocken habe. Noch viel mutiger ist jedoch das Ende von „Delta„, dessen gleichnamiger Song ein richtig Epos ist. Der Track, der aus zwei Songs zusammengesetzt wurde, erzählt seine ganz eigene Geschichte. 6:16 Minuten ist er lang und birgt allerhand Hoffnung, erinnert zu Beginn noch an „Monster“ aus dem letzten Album und entwickelt sich zu etwas viel Größerem.

Delta„, vierter Buchstabe im griechischen Alphabet und viertes Album der Band. Aber auch „Delta„, das Aufeinandertreffen von Fluss und Meer, von Ruhe auf Ungestümtheit, von Bekanntes auf Unbekanntes, von alt und neu, von Homogenität auf Heterogenität – eben wie das neue Mumford & Sons-Album.

The river is the gateway between the tranquillity and safety of the river and the wild unknown of the ocean. So that ties thematically into a lot of the lyrics – that transitional thing of facing up to life.“ – Ben Lovett  (BBC, November 2018)

Es ist ein Album, das Zeit benötigt, ebenso Offenheit und keine Angst vor dem Unbekannten. Mit „Delta“ zeigen sich Mumford & Sons gefestigt und wild zugleich und wachsen soundtechnisch endlich zu einem Selbstbewusstsein heran, das ihnen gebührt. Ein Album, das sich gut in den zahlreich ausverkauften Arenen der großen, morgen startenden Tour über den gesamten Globus machen wird.



MUMFORD & SONS live

01.05.2019 Olympiahalle München
11.05.2019 Mercedes-Benz Arena, Berlin
13.05.2019 Festhalle Frankfurt
15.05.2019 LANXESS arena, Köln


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Gavin Batty