Sieht man sich die Liste deutscher Musikauszeichnungen an, wird man schnell ins Deutschland des 19. Jahrhunderts zurückversetzt. An Preisen für Jazz, klassische Musik, Pianisten und Komponisten mangelt es nicht, dafür aber offensichtlich an einem Interesse für aktuelle Entwicklungen von Musik aus dem 21. Jahrhundert, in dem wir uns nun mal befinden.

Ein Artikel von Maren Schüller – Den VIVA Comet gibt es seit 2012 nicht mehr, beim New Faces Award wurde die Kategorie für talentierte Musiker nach kurzer Zeit eingestellt, die Goldene Stimmgabel wurde zuletzt verliehen als Tokio Hotel angesagt waren und die Person, die die Wikipedia-Auflistung der deutschen Musik-Auszeichnungen geschrieben hat, hielt es sogar für wichtig, den von Kaiser Wilhelm II im Jahre 1895 gestifteten Ehren-Wanderpreis für deutsche Männergesangvereine zu erwähnen.

Der MTV Europe Music Award zählt irgendwie nicht, weil er, naja, halt nicht deutsch ist, zwar so circa alle 4 Jahre auch mal hier stattfindet, dann aber von us-amerikanischen Künstlern moderiert wird, die us-amerikanische Künstler mit Preisen versorgen.

Die coolste Variante ist vermutlich noch die 1LIVE Krone, die allerdings mit ständig wiederkehrenden Gewinnern wie Cro, Kraftklub und Casper nicht wirklich aufregend ist. Das liegt vermutlich an dem System der Preisverleihung: Künstler werden nominiert und dann online von den Hörern von 1LIVE gevotet – die größte Fanbase gewinnt.

Mittlerweile ist sogar der Echo, die wichtigste Musik-Auszeichnung Deutschlands, weg. Nachdem letztes Jahr Farid Bang und Kollegah trotz antisemitischer Texte der Preis verliehen wurde, und der Echo nicht auf der Meinung von Experten, sondern auf Verkaufszahlen basiert, fragt man sich, wo denn noch die Kunst und das Schaffen eines Mehrwerts geehrt wird.

Ballermann-Award – die letzte Hoffnung?

Naja, könnte man sagen, aber es gibt doch den Ballermann Award! Jedes Jahr werden damit aufs Neue (nicht) herausragende Künstler wie Mickie Krause, Tim Toupet und Michael Wendler preisgekrönt. Wo ist das Problem?

Der Ballermann Award ist natürlich ein schlechter Witz. Vielleicht gibt es ja eine Jury mit Experten der Schlagerwissenschaften, die sich jedes Jahr auf Mallorca, dem bekanntlich 17. Bundesland Deutschlands, treffen, zusammen einen Eimer Sangria trinken und sich Sieger aussuchen, wer weiß. Aber das ist definitiv nicht das, was die deutsche Popkultur braucht. Nachdem ich mich ein wenig mit der Preisverleihungssituation befasst habe, frage ich mich, was denn daran so schwer ist, etwas auf die Beine zu stellen, bei dem niemand zu kurz kommt.

Zum Glück ist das nicht alles. Es gibt wohl auch andere Menschen da draußen, die mit der Situation unzufrieden sind, und sich gedacht haben: Wir machen das jetzt mal anders!



Eine Alternative gibt es bereits seit 2012: den popNRW Preis. Verliehen wird er vom NRWKULTURsekretariat und Landesmusikrat und unterstützt Nachwuchsbands und junge KünstlerInnen dabei, größer zu werden. Die regionale Szene soll bundesweit und eventuell sogar international sichtbar werden. Das Erfrischende: Sofern man nicht sowieso schon zur Szene gehört oder sich super gut auskennt, hat man von den meisten Nominierten bisher noch nichts gehört. Das mag vielleicht erst mal abschrecken – macht die Sache jedoch um einiges interessanter.

Diesen Mai im Gloria Theater in Köln wurde also dieser (zumindest für NRWLer) hoffnungsgebende Preis zum achten Mal verliehen. Schon bevor die Türen zum Saal geöffnet wurden, sammelten sich im Gang die Leute und spekulierten wild herum. Zwei nominierte Namen fielen besonders oft: Amilli undSerious Klein.

An Frisuren und Altersklassen war alles vertreten. Wie minimal der Anteil an bloßen Zuschauern im Gegensatz zu Nominierten ist, wurde mir erst klar, als bei der Preisverleihung mit einem Video alle Bands vorgestellt wurden und mir auffiel, dass ich so gut wie alle vor Einlass noch fröhlich plaudernd neben mir im Gang hatte stehen sehen. Einen Backstage-Bereich für die Nominierten gab es entweder nicht, oder er wurde einfach nicht genutzt. Auf dieser Veranstaltung gibt es weder den großen Hype, noch irgendeine Art von Abgehobenheit.

Und so wurde der Abend locker eröffnet mit Witzen und ernstgemeinten Worten.


„Wir sind alle mit Bands aufgewachsen, die uns inspiriert haben, wir können alle nicht ohne Musik leben. Wir brauchen euch!“


Während Anja Backhaus moderierte, richtete sie sich fast durchgehend an die KünstlerInnen, anstatt nur das Publikum zu bespaßen. „Ohne euch wäre Spotify leer. Aber ohne Spotify macht ihr ja immer noch Musik – ihr seid diejenigen, die sagen, wo es langgeht!

Damit es nicht nur ein Kampf um die meisten Albumverkäufe und die besten Platzierungen in Spotify-Playlists ist, besteht die Jury aus verschiedenen Branchenvertretern: FestivalmacherInnen, JournalistInnen, Kulturschaffende. Sie entscheiden, wer den popNRW Preis verliehen bekommt und sehen die Nominierten nicht als verkaufsstarke Produkte an, sondern zeigen ganz klar, dass sie den Nachwuchs in der Musikszene ernst nehmen.


„Zum Glück ist es auch in der Politik mittlerweile angekommen, dass Popmusik zur Kultur gehört!“


Engagement statt Show

Besonders, als es dann daran ging, die Preise zu verleihen, sah ich, dass die Menschlichkeit hier, an diesem Abend im Gloria-Theater, noch vorhanden ist. Die Band DRENS erzählte darüber, wie wichtig Spaß bei der Sache ist. Als die 18-jährige Sängerin Amilli wie vom Publikum vorhergesagt den Newcomer Preis absahnte und danach gefragt wurde, wie sie es finde wegen ihrer Heimat Bochum mit Herbert Grönemeyer verglichen zu werden, lautete ihre Antwort ganz frei heraus: „Eigentlich gut… Herbert Grönemeyer, beste!

Auf der Bühne beim Performen wirkte sie irgendwie stolz, irgendwie noch ungewohnt in ihrer Umgebung, aber irgendwie auch unglaublich lässig. Das war ein Moment, in dem ich besonders froh war, dabei zu sein. Dieser Auftritt war ehrlich, keine krass arrangierte Inzenierung mit hin und her blitzenden Lichtern. Amilli steht am Anfang ihrer Karriere und bekommt trotzdem eine Bühne für ihre Musik. Das ist der entscheidende Unterschied zu anderen deutschen Musikpreisverleihungen, bei denen man das Gefühl bekommt, Künstler werden erst nominiert, wenn sie im Radio schon totgespielt wurden.



Als dann auch noch der andere Preis, nämlich der für den Outstanding Artist, ebenfalls an den geheimen Favoriten Serious Klein verliehen wurde, und ich merkte, dass er die ganze Zeit direkt vor mir gesessen hatte, da hatte ich dann doch einen kleinen, aufgeregten Moment, als säße ein richtiger Star vor mir. Bei der Verleihung wurde nochmal als Grand Dessert eine unglaublich große Portion Sympathie draufgesetzt:

  1. Die Laudatoren, also diejenigen, die den Gewinner verkünden und den Preis übergeben, waren niemand geringeres als die beiden Herren vom Rap und Politik-Podcast Macchiavelli.
  2. Während seines Sieger-Auftritts verlangte Serious Klein immer wieder Applaus vom Publikum – aber nicht für sich, sondern für alle anderen nominierten KünstlerInnen.
  3. Als Anja Backhaus ihn danach fragte: „Du machst keinen Deutschrap und keinen amerikanischen Rap – wie nennt man das denn jetzt?“, da lautete seine Antwort einfach nur: „Musik.


Autorin & Photocredit: Maren Schüller