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New Fall Festival 2018 – popNRW Abend: „Es ist gottverdammte Musik!“

New Fall Festival 2018 – popNRW Abend: „Es ist gottverdammte Musik!“

Am gestrigen Freitagabend fand im Rahmen des New Fall Festivals in Düsseldorf der diesjährige popNRW Abend statt. Das Weltkunstzimmer, eine kleine Hinterhoflocation mit industriellem Charme, wurde somit zur Herberge für Musikfans aller Genres.


Ein Artikel von Maren Schüller – Es ist ein bisschen so, als würde jemand eine Kellerparty bei sich zuhause schmeißen: Am Eingang gibt es kein großes Ticketprozedere, zum Rauchen darf man immer wieder rausgehen, eine Garderobe gibt es nicht. Der Konzertraum besticht mit einer kleinen Portion Schäbigkeit und der obligatorischen Keller-Discokugel, sodass direkt eine gelassene Stimmung verbreitet wird. Dass hier auf Grenzen zwischen Künstler und Publikum keinen Wert gelegt wird, merkt man spätestens, als Moglii, einer der Acts des Abends, sich mitten im Raum zu Bekannten gesellt.

Ein bisschen Weltuntergang, ein bisschen Rebellion

Nachdem der Moderator die Acts angekündigt und so auf eine sympathische Art den Abend eingeleitet hat, betritt die Band „International Music“ mit einer Viertelstunde Verspätung die Bühne. „International Music“, das sind drei Jungs aus Essen, die dieses Jahr beim popNRW Preis als bester Newcomer ausgezeichnet wurden.

Heute Abend zeigen sie dem Publikum ihr Debütalbum „Die besten Jahre sind vorbei“. Verzerrte, rotzige Sequenzen treffen mit träumerischen Zupfmelodien zusammen und schaffen ein nachdenkliches, düsteres Krautrock-Album

Sie spielen mit Worten und verdrehen die Lieblingswahrheiten der Gesellschaft. Texte wie „Das Restaurant war wunderschön gelegen / Aber wunderschön war mir nicht genug / Mama, warum / Bekomm ichs immer so / Wie ich es bestellt hab?“ zeigen ihre Kritik am eigenen Lebensziel. Zwischen Widersprüchen und versteckten Botschaften scheint eines ganz klar durch: Diese Band hat eine eigene Haltung. Das ist nicht einfach Rock. Das ist durchdachter Rock.

Vom Krautrock zum elektronischen Dschungel

Nach einer kurzen Umbaupause wurde die Bühne kurzerhand in eine tropische Atmosphäre verwandelt. Pflanzen, Lichterketten und eine bunte Lichtershow verleihen ihr die nötige Atmosphäre, um den in Düsseldorf beheimateten Simon Ebener Holscher alias Moglii in seinem Live-Set dekorativ zu unterstützen. Der 25 jährige Musikstudent produziert, singt, spielt Klavier und entwickelt dabei einen einzigartigen futuristischen Popsound, der sich leicht zu internationalen Größen wie Mura Masa oder Flume zuordnen lässt.

Das Weltkunstzimmer hat sich mittlerweile deutlich gefüllt, und Moglii schafft es bereits mit seinem ersten Song „Tonic Water“ die Menge zum Tanzen zu bringen. Er übernimmt dabei den Part von Sängerin Novaa, bedient gleichzeitig mit seinem neongrün leuchtendem Drumstick sein Samplepad und lässt seinen ganzen Körper zur Musik treiben. Auch bei dem etwas RnB lastigeren Song „Truth“ gelingt ihm die Verbindung zu seinem speziellen Pop großartig. Zwischenzeitlich bekommt Moglii Unterstützung von der Sängerin Fanny. Zusammen performen sie, als würden sie den ganzen lieben langen Tag nichts anderes tun, und bringen so noch eine gute Portion mehr Energie auf die Bühne.

Sympathischerweise legt er zwischen den Songs eine Pause ein, um dem Publikum einfach mal zu erkären, wie seine Live-Performance eigentlich funktioniert – danach wird direkt weitergetanzt. Es ist unübersehbar, wie viel Ahnung und Erfahrung der Solokünstler bereits gesammelt hat. Aber auch unendlich viel Musikwissen wird nur zu guter Musik, wenn man es wie Moglii im Blut hat.

Im Wald der Weisheiten mit Goldroger

Der Dortmunder Rapper, Gewinner des diesjährigen popNRW Preis als Outstanding Artist, betritt die Bühne um 22.15 Uhr und hat sowohl einen Gitarristen als auch seinen Producer Dienst & Schulter im Schlepptau. Er ist vor allem für seine fabelhafte Sprachgewandtheit und die unendlichen Referenzen zu einflussreichen Dichtern und Denkern wie Thomas Mann und René Descartes bekannt.

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Goldroger startet seinen Auftritt scheinbar chronologisch mit „MK Ultra“, dem ersten Song seines aktuellen Albums „Avrakadavra“, der jedoch durch die E-Gitarre stark verfremdet und dadurch umso aufregender wird. Bei „Sieben Meilen“ findet die E-Gitarre ihren Höhepunkt als wunderbare Ergänzung zu einem wunderbaren Lied. Es ist schön zu sehen, dass auch detaillierte Ausarbeitungen sich im Live-Set wiederfinden.

Als letzter Act des Abends spielt er nun in einem gut gefüllten Raum voller Menschen, die ihre Liebe zur Musik dadurch beweisen, dass sie sich von allen drei unterschiedlichen Acts begeistern lassen. Trotz der Tatsache, dass das Publikum heute Abend auch wegen International Music oder Moglii gekommen ist, scheint der ganze Raum von Goldrogers Können absolut überzeugt zu sein. Seine tiefsinnigen Texte werden zu großen Teilen nicht ignoriert, sondern gehört und anerkannt. Bei Festivals ist das keine Selbstverständlichkeit – und gerade daran merkt man, wie intim und offen die Atmosphäre dieses Abends ist.



Autorin & Photocredit: Maren Schüller

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