Für viele ist er immer noch die Stimme ihrer Jugend, für Millenials längst ein Rockstar aus einer anderen Zeit. So vieles sich auch geändert hat, eins steht fest: Noel Gallagher ist immer noch da und hat nicht vor die großen Bühnen zu verlassen. Mit „Blue Moon Rising“ (via Sour Mash / Indigo) geht der Etappenlauf der EP’s von Noel Gallagher’s High Flying Birds jetzt weiter.


Ein Artikel von Maren Schüller – Noel Gallagher hat das Schicksal, dass man von ihm nur noch in Jahrzehnten sprechen kann. Vor knapp 20 Jahren mischte er mit seiner Band Oasis zuerst die britische, und dann auch die internationale Musikwelt nachhaltig auf. Seitdem gab es niemanden mehr, der Britpop so sehr geprägt hat. Diese Ära fand allerdings schon vor 11 Jahren mit der Auflösung der Band ihr Ende. Schluss mit Oasis hieß für Noel Gallagher jedoch nie Schluss mit der Musik – seit knapp 10 Jahren wird er auf den Bühnen dieser Welt stattdessen von der britischen Rockband The High Flying Birds begleitet, mit der er bereits drei Alben veröffentlicht hat.

Nach drei Jahren Stille um die Band meldete sie sich letztes Jahr mit den zwei kleinen EP’s „Black Star Dancing“ und „This Is The Place“ zurück. Die zwei Neuerscheinungen bieten jede Menge Stoff zum Diskutieren – während letztere Veröffentlichung sich größtenteils psychedelisch geprägt entfaltet, warf die erste EP „Black Star Dancing“ bei mir viele Fragen auf. Der Titelsong lässt sich wohl am ehesten als sehr regelkonformer Popsong beschreiben, der auch von jemandem Robbie Williams hätte gesungen werden können. Gleichzeitig macht Noel mit dem Einsatz von minimalistisch-funkigem Bass und leichter Clubatmosphäre einen großen Schritt Richtung Electro-Pop. Ich frage mich, will er, der Rockstar der Neunziger, da denn wirklich hin?

Wie altert man würdevoll im Popbusiness?

Danach ein Cut. Mit „Rattling Rose“ und „Sail On“ zerplatzt die Club-Blase so schnell wie sie aufgetaucht ist. Der zweite Song der EP ist völlig stimmig und arbeitet mit Trommeln und selbstbewusster Ruhe. Menschen in ihren Vierzigern könnten schön seicht ihre Hüften dazu schwingen. Und hier liegt das Problem. Mit „Sail On“, dem letzten Song der EP, wird schließlich das Ende dieser Ü40 Party eingeläutet. Es fällt mir sehr schwer, mir junge Leute in ihren Zwanzigern vorzustellen, die in derselben Konzertvenue stehen und den Abend ihres Lebens haben. Es scheint mir, als hätte Noel den Anschluss an die Jugend hiermit komplett verloren. Aber wie altert man würdevoll im Popbusiness?

Heute erblickt die dritte EP „Blue Moon Rising“ das Licht der Welt. Auch hier bildet ein leicht verträglicher Electropop-Beat das Gerüst des Titelsongs. Aber nicht nur das Gerüst, sondern auch alles weitere dieses Songs hat wohl am ehesten den gemeinsamen Nenner der leichten Verträglichkeit. Angerichtet wird die Musik mit einem Haufen vager und überzogener Texte:

Will I meet you down on the corner
Where our hopes and dreams were sold?
By the poet and the loner
On the streets we paved with gold“

Klingt nach einem sehr nachdenklichen Menschen, der eine sehr bedeutungsschwere Hymne an die Nostalgie schreiben möchte. Oder einfach nach angestrengtem Kitsch. Da hilft dann auch der Electropop-Schleier nur noch in der Hinsicht, dass „Blue Moon Rising“ es mit großer Wahrscheinlichkeit in die Rotationslisten der Radiosender schafft.

Mit angestrengtem Kitsch geht es im nächsten Song „Wandering Star“ direkt weiter – hier setzen Noel Gallagher’s High Flying Birds auf Glockentöne à la Coca Cola Weihnachtswerbung und Chorgesang. Frisch lässt sich das nicht nennen, man bekommt eigentlich einfach nur eine sehr große Portion Nostalgie mit viel Theater drumherum serviert.

Der letzte Song der EP, „Come On Outside“, lässt dann tatsächlich starke Oasis Vibes aufkommen, indem Noel die gekannten und geliebten Melodien-Stränge nutzt, die ihm einfach zugeschnitten sind. Leider setzt der 52-jährige auch hier auf sehr bedeutungsschwere Unklarheit. Kann man den Text als Aufruf zum Zusammenkommen für die Musik lesen, oder soll hier etwa Mental Health thematisiert werden? In Falle von letzterem, dann ist „Come on, it’s alright“ der wohl sinnloseste Ratschlag überhaupt.

Die drei Songs der neuen EP „Blue Moon Rising“ sind ein Hin und Her. Zwischen elektronischen Beats, kitschigen Glockenschlägen und Oasis-Melodien helfen die sehr unklar gehaltenen Texte auch nicht bei der Orientierung in Noel Gallaghers neustem Soundkosmos weiter. Vervollständigt werden alle drei EP’s allerdings erst mit jeweils zwei Remixes der Titelsongs. Denn Club-Beats sind cooler als Gitarren, das erkennt auch ein Britpop-Urgestein, das in den letzten 20 Jahren eigentlich nirgends ohne seine sechs Saiten aufgekreuzt ist. Fairerweise muss man sagen, dass eine gewisse Club-Atmosphäre unterschwellig schon immer Noels Songs beeinflusst hat. Mit den drei neuen EP’s fühlt es sich allerdings an, als wolle er das nochmal ganz klar heraushängen lassen, um in einer Zeit, in der eine neue Clubkultur längst aufgeblüht ist, immer noch mitmachen zu dürfen. Sonderlich kreativ ist das nicht, und viel geben die Remixes auch nicht her. Auch hier fällt es mir wieder sehr schwer, mir dazu tanzende und feiernde Jugendliche vorzustellen – die Gallagher-Altersklasse aber tanzt vor meinem inneren Auge auch nicht.

Noel Gallagher, a synonym for Dad Rock“

Ich fühle mich mit ihm nicht mehr auf einer Augenhöhe, möchte ihn am liebsten siezen. Versuchte Club-Atmosphäre trifft auf Lagerfeuer-Singalongs, als würde der ewige Britpop Superstar seine Autorität in jeglichen Genre-Gewässern untermalen wollen.

Aber Herr Gallagher, für wen sind diese Remixes?

Diese letzten drei Neuveröffentlichungen von Noel Gallagher’s High Flying Birds lassen mich mit vielen Fragen und gemischten Gefühlen zurück. Nicht, weil die EP’s inhaltlich viel zu bieten haben, sondern weil der gesamte Auftritt sich im Großen und Ganzen fragwürdig anfühlt. Man kann nicht sagen, dass hier einfach schlechte Musik produziert wurde, im Gegenteil, jeder Song ist in sich stimmig. Aber die Substanz fehlt. Und die Energie. Und die Ideen.
Herr Gallagher zeigt sich konzentriert darauf, weiter im Rennen zu bleiben, stellt Innovation in den Hintergrund und orientiert sich stattdessen an heutigen Normen – nur nicht bei der Songlänge. Anstatt Streamingplattform-freundliche 2 ½ Minuten Songs zu produzieren, bleiben seine Lieder immerhin weiter ausgefaltet in teilweise über 4 Minuten. So 2000er. Das ist die Nostalgie, die ich abnicken kann.