Die Queen of Indie-Emo ist zurück. Dabei war sie nie weg, tauchte in den 33 Monaten nach Veröffentlichung ihres Debüts „Stranger In The Alps“ in den unterschiedlichsten Kombinationen immer wieder auf der Bildfläche und in Release Fridays auf. Auf ihrem zweiten Soloalbum „Punisher“ baut Phoebe Bridgers Traumschlösser aus Albträumen und profiliert sich ganz ohne Fron als eine der richtungsweisenden Künstlerinnen unserer Generation.


Ein Artikel von Anna Fliege – „Punisher“ ist wie einer dieser Stimmungsringe unserer Kindheit. Damals schienen sie bei mir nie zu funktionieren, vielleicht lag es ja auch an mir. Es lässt die Hintertür offen, bei grungigen Upbeat-Songs „I See You“ und „Kyoto“ in eine Traurigkeit ohne doppelten Boden zu fallen. Erweckt ein seltsam schönes Verlangen, zu den traurigsten Tracks des Albums, wie „Saviour Complex“, „Halloween“ und „Moon Song“, eng umschlungen in den Armen jenes Menschen tanzen zu wollen, in den man sich gerade erst verliebt hat.

Bridgers umrundet die stärksten Emotionen, ohne mit einem Dartpfeil auf das das Bulls Eye zielen zu müssen. Mitten ins Schwarze trifft sie dabei trotzdem.


„Someday I’m gonna live in your house up on the hill / And when your skinhead neighbor goes missing / I’ll plant a garden in the yard then“


Wachstumsschmerz war nie schöner, Hoffnungen nie wehmütiger. Kein Festlegen, kein ein Stein meißeln. Phoebe Bridgers fängt damit unwillkürlich die kollektive Gemütslage der vergangenen Monate ein, die durch Selbstisolation und beunruhigenden Eilmeldungspushnachrichten dirigiert wurden und eine unvermeidliche Eigenreflexion mit sich brachten.

Hätte sich „Punisher“ ohne all das etwa anders angefühlt? Die Musik anders berührt, die vielen Songzeilen weniger aufgewühlt? Oder ist eine weltweite Pandemie nur eine weitere Karte in der Ausredenkartei, um das eigene Gefühlschaos zu legitimieren.


„It cost a dollar a minute / To tell me you’re getting sober and you wrote me a letter / But I don’t have to read it“


Zwischen minimalistisch-anmutenden Soundteppichen („Punisher“ & „Garden Song„), Streicher-Abenteuern („Chinese Satellite„) und Banjo-Phantasien („Graceland Too„), ist Phoebe Bridgers sanft-starke Stimme ihre beste Konstante und führt so fort, was „Stranger In The Alps“ schon groß machte.

Und dann der ausufernde Closing-Koloss „I Know The End„, der auf fast sechs Minuten vom majestätischen Orchester-Smashhit zum beklemmenden Nachtmahr wird. „The apocalypse song“, wie Bridgers ihn nennt. Mit Vocals von Julien Baker und Lucy Dacus (mit denen Bridgers 2018 unter dem Alias boygenius eine selbstbetitelte EP veröffentlichte) und Conor Oberst (der gemeinsam mit der Sängerin das Duo Better Oblivion Community Center bildet und 2019 ein gleichnamiges Album herausbrachte) – quasi ein Festmahl für Phoebe Bridgers-Ultras (hi!).

Punisher“ besticht durch Bridgers atemraubendes Songwriting, das irgendwo zwischen knallharten Wahrheiten, ungewöhnlichen Metaphern und ihrem geschätzten Humor pendelt. Das Produktions-Trio ausTony Berg, Ethan Gruska und Bridgers selbst führt die delikaten, cineastischen, tief-treffenden Soundkonstellationen vom Debütalbum nun endlich weiter. Ein Album, über das man ganze Romane schreiben und lesen könnte, aber viel lieber selbst hören und sich in den Bann ziehen lassen sollte.


“If you’re a work of art / I’m standing too close / I can see the brush strokes“


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Olof Grind