Wenn im Jahr 2019 ein Album blitzt, scheppert, dröhnt und schmettert, ist man wahrscheinlich endlich mal seinem Algorithmus entkommen und auf Plague Vendor gestoßen. Sie machen die Art von Musik, die einem als Jugendliche/r noch von den Eltern verboten wurde, weil sie zu böse klingt.

Ein Artikel von Maren Schüller – By Night“ via Epitaph Records ist das dritte Album der US-Amerikaner. Während frühere Alben von Plague Vendor sich noch eher aufs Headbangen konzentrierten, findet man sich hier irgendwo in einer Welt zwischen Gruselkabinett, Ausweglosigkeit und Albtraum wieder.

Das Album beginnt mit „New Comedown“ als wäre man mit der Band zusammen im Studio, einmal wird noch gecheckt ob alle bereit sind zum Loslegen, und ab da nehmen sie das mit dem Loslegen dann auch wirklich ernst. Refused trifft auf Primal Scream, oder: Jack White trifft auf Marilyn Manson. Nervöse Drums, herausfordernder Bass und kratzige Gitarre erschaffen zusammen einen Sound, bei dem die Grenzen zwischen Punkrock und Post-Punk fließend sind. Verschnaufpausen gibt es hier nicht.


„Am I just losing my mind? Am I just passing the time? Am I just falling in love? Or am I all of the above?“


Plague Vendor beherrschen sehr gut, was sie präsentieren: Eine Ästhetik, die sich auf die Dunkelheit fokussiert, so wie Sänger Brandon Blaine selbst sagt: „Nothing cool happens during the day.“

Die Dunkelheit kann vieles bedeuten, hier vermittelt sie aber vor allem ein Gefühl von Isolation, Verzweiflung und Ausweglosigkeit. Am ehesten hat noch „Prism“ eine Melodie, die nicht von Verzweiflung getragen wird. Kennt man die Band Plague Vendor bisher nicht, könnte man denken, die Musik schleicht sich langsam wehmütig dahin. Aber die vier jungen Männer haben ihre ganz eigene Art, mit der Dunkelheit umzugehen: schnell, rau und angespannt.

Die Schnelligkeit gehört zu Plague Vendor dazu wie die Hitze zum Feuer. Im Endeffekt zeigen sie sich nicht sonderlich breit aufgestellt in Sachen Geschwindigkeit. Es sei ihnen aber verziehen, weil sie schon genau ihr Tempo gefunden haben und damit glänzen können.



Einzig und allein „Nothing’s Wrong“ schwächelt mit gesanglosen Passagen, bei denen die Energie irgendwo verloren geht. Das liegt aber vermutlich daran, dass die Band sich bezüglich der Drums an Experiment gewagt hat, sodass sie jetzt im selben Song handgemacht und gleichzeitig technisch klingen. Mit Produzent John Congleton, der bereits mit Chelsea Wolfe und St. Vincent gearbeitet hat, haben Plague Vendor einige neue Elemente in „By Night“ gebracht, aufgrund derer die Songs mehr Substanz bekommen.

Es ist nicht mehr einfacher Punkrock. Die Band verzichtet auf ausartende Lyrics und stellt stattdessen Gitarrenriffs mit einer Coolness in den Vordergrund, der man nichts mehr hinzufügen muss.


„You’re the ghost that haunts this room and now you’re trying to keep me / And I’m strangling myself trying to get some relief from your slow kill“


 Vor allem „Let Me Get High/Low“ wirkt wie als wäre man in Trance oder in einem nicht enden wollenden Albtraum, bei dem man von gruseligen Figuren von allen Seiten ausgelacht wird, sodass der Song starke cinematische Züge verliehen bekommt.

Wie gut die Band miteinander harmoniert, sieht man spätestens bei „Snakeskin Boots“. Blaine’s Gesang übernimmt definitiv die Führung und die Instrumente setzen perfekt zu Stimmwechsel und Intensivität ein.

Ihre Musik funktioniert eben fehlerfrei unter diesem einen Prinzip: Der Song geht los, man nickt mit, der Song wird schneller, man nickt schneller mit, und dann verschmilzt alles zu einer dreiminütigen, atemraubenden Eskalation.

Diejenigen, die auf Alben mit viel Abwechslung und Experimenten stehen, sind hier fehl am Platz. Aber für diejenigen, die sich beim ersten Hören in den Sound von Plague Vendor verlieben und weiter in den düsteren Sog hineingezogen werden wollen, ist „By Night“ der siebte Himmel.



PLAGUE VENDOR live

20.08.2019 – Köln, Blue Shell


Autorin: Maren Schüller / Photocredit: Plague Vendor