Kaum einer macht so sinnliche Musik wie Mike Milosh, besser bekannt als Rhye. Der kanadische Künstler veröffentlicht mit „Spirit“ eine EP, dessen roter Faden die Kombination aus 52 weiße und 36 schwarze Tasten ist. Wer hier aber eine öde Klavier-Platte erwartet, liegt meilenweit daneben.

Ein Artikel von Anna Fliege – Er legt einen Schalter um, von einer Sekunde auf die andere. Dann, wenn die ersten Tastenanschläge von „Dark“ erklingen. Nicht zögernd passiert das, man steckt direkt mittendrin. Wie der Titel des Openertracks schon verrät, ist er dunkel, schwer, fungiert als Sog für unsere Gedanken.

Nahtlos geht er in „Needed“ über, durchzogen von Jazz-Elementen. Dabei schmiegt sich Rhyes außergewöhnlich hohe Stimme sanft an den Sound an. Man hört die dahintersteckende Handarbeit des vielschichtigen Songs raus. Das ist kein blindes Zusammenmischen von Samples, sondern ein durchdachtes Kunstwerk.



Rhye ist dafür bekannt, sich hoch angesehene Musikkollegen für seine Arbeiten mit ins Boot zu holen. Während Ólafur Arnalds auch jenseits der isländischen Inselgrenzen große Bekanntheit und Beliebtheit erfährt und auf dem Track „Patience“ als Featuregast in den Vordergrund tritt, bleibt Thomas Barlett lieber im Hintergrund. Ein Name, den man mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nicht gehört und mit noch größerer Wahrscheinlichkeit häufig überlesen hat. Der Sänger, Produzent und Pianist hatte schon bei mindestens einem eurer Lieblingsalben die Finger im Spiel – oder an den Tasten. Von Ed Sheeran, über The National, Angus & Julia Stone oder Florence + the Machine – ein Blick in sein Schaffen lohnt sich.

Immer wieder werden die textlastigen Tracks durch Akustiksongs unterbrochen. „Malibu Nights“ und „Green Eyes„, bei deren Aufnahmen man Mike Milohs Finger beim genauen Hinhören über die Tasten gleiten hört. Solche Details verleihen „Spirit“ eine außergewöhnliche Intimität.

So auch der spürbare Drang der EP, sich nicht auf eine Richtung zu fokussieren. Hier treffen Klassik auf Moderne, R&B auf Jazz und auch auf die elektronischen Einflüsse, mit denen sich Rhye seit langer Zeit einen Namen gemacht hat, finden ihren Platz. Dabei klingt „Spirit“ nicht unsortiert, sondern durchdacht und gewollt. Jedes Element hat seinen festen, unbegründeten Platz. Dass da plötzlich prägnante Gitarrenriffs nach einigen Loops auftauchen, wie bei „Wicked Dreams„, scheint völlig natürlich. Würde man nach einem Fachwort suchen wollen, heterogen würde bestimmt passen.



Was ich mit dem Schalter anfangs meinte? Nun, ist mein erst einmal sechs Tracks tief in „Spirit“ drin, fällt einem plötzlich auf, wie ruhig und geerdet man zumindest in dieser Momentaufnahme ist. Meditatives Aus- und Einatmen geschieht hier ganz von allein. „Awake“ scheint der Höhepunkt der Tiefenentspannung zu sein, denn Schlusssong „Save Me“ lässt die Finger langsam wieder kribbeln. Würde man hier eine Jazz-Line drunterlegen, es würde wie die Faust aufs Auge passen. Doch stattdessen wird Rhye einzig von seinem Klavier begleitet. Und das macht es erst richtig gut!

Am Ende soll „Spirit“ eine Ode an das Klavier sein, eine Liebeserklärung an die Tasten. Und die Erzählung Mike Miloshs dazu ist zu schön, um sie nicht zu teilen: „My morning piano ritual met my new piano in my favorite studio. I made a rule for myself that I would start something brand new every day, work on that for 2 hours without judgement and just see what I came up with. Out of the many sketches, Spirit started to take shape: a collection of songs that I did alone in the studio with just a piano, intertwined with collaborations with some of my favorite piano-based musicians. These are songs about love in my life, but also about the love for piano brought back into my life.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Neil Krug