Als ich erfuhr, mit welcher Thematik sich das zweite Album der in London lebenden Rosie Lowe befasst, wurde ich neugierig. Konnte nicht abwarten, unter den Deckmantel der R&B-Vibes zu schlüpfen und in Text für Text einzutauchen. Drehte sich ihr Debüt „Control“ noch um diverse, unsern modernen Alltag betreffende Themen – Politik, Feminismus, Beziehungen im 21. Jahrhundert – fokussiert sich „YU“ auf Letzteres.

Ein Artikel von Anna Fliege – Produziert von Dave Okumu und veröffentlicht auf Paul Epworths Label  WolfTune, befasst sich Rosie Lowe auf „YU“ mit den Funktionen von Herz und Verstand, mit ihren Interaktionen und den Momenten, in denen sie gegeneinander oder gar aneinander vorbei arbeiten. Und, kleiner, faszinierender Funfact: Rosie lässt sich gerade nebenher zur Psychotherapeutin ausbilden.

Eröffnet wird das Album durch „Lifeline„, kontrolliert von einem wabernden Beat, der mit etwas Phantasie wie ein schlagendes Herz klingt. Dazu die dezent gehaltenden Verse, verfremdeten durch Effekte. „It could all be so simple but, when I’m with you, you are my life„.

Das Herzklopfen wird bei „The Way“ intensiviert. Der Track, der zunächst zurückhaltend beginnt, wird im Verlauf immer mutiger, immer selbstsicherer, beinahe bricht er in einen Euphorieschrei aus. Verstärkt wird das durch die Wiederholung der Strophen. Die Message „I can’t begin to stop this love„. Es ist, als wäre man live dabei, wie sich Rosie innerhalb von zwei Songlängen erst zögernd, dann voller Überzeugung verliebt, Herz über Kopf.

Mit „Birdsong“ erreichen wir einen vorzeitigen Höhepunkt. Dieser Song war nicht umsonst die erste Singleauskopplung – es ist ein Hit! Und das hat mehrere Gründe. Rosie Lowe ist eine Queen an den Effect-Boards, das präsentiert sie in ihrer Colours-Session voller Überzeugung. Weiter ist der Chor der Refrains keine wahllose Zusammenkunft. Rosie hat sich vier bekannte Freunde der Szene eingeladen: Jordan Rakei, Kwabs, Jamie Woon und Jamie Lidell.

Es geht um “lust and desire, but with the lingering sense of insecurity and longing„. Die Vermischung aus Lust und Unsicherheit, eine Bindungangst, die in unserer Generation vorherrscht und durch die übermäßige Nutzung von Dating-Apps noch weiter ausgeschlachtet wird. Und ehe man sich versieht, steckt man wieder in einer Situation, in der man nicht weiß, in welche Richtung es mit dem Anderen gehen soll. Rosie ist sich jedoch bewusst, was sie nicht möchte:

„I don’t wanna be your part-time lover, don’t want you running the arms of another“



Die Gegenposition nimmt sie einige Tracks später im Song „Royality“ ein. Wieder ist sie sich ihrer Gefühle sicher, doch ist dabei nicht davon überzeugt, dass ihr Gegenüber es in der selben Weise sieht. Die Szenerie, die Lowe mit ihren Worten aufbaut ist ein One Night Stand, in welcher zumindest von ihrer Seite keine Gefühle im Spiel sind – „I never swore that we could be, the greatest things that’s ever be„. Die Musik ist sexy und abgeklärt, Rosies tiefe Stimme zeigt uns die kalte Schulter.

Liebe ist variabel, muss nicht unbedingt auf einen anderen Menschen bezogen sein. Auf dem Album einer selbstbestimmten jungen Frau darf das Thema Selbstliebe nicht fehlen. Statt „What would Beyoncé do?„, fragt Lowe in „Pharoah„: „What Would Cleopatra Do?

Ihre metaphorische Spielerei mit der ägyptischen Geschichte macht Laune. Während wir bei dem Terminus Pharao an einen mächtigen und männlichen Herrscher denken, erinnert uns die Britin auf ihre Art daran, dass auch Frauen im alten Ägypten angesehene Führungspersönlichkeiten waren. So geht es um Nofretete und Ägyptens Ikone Kleopatra, an denen wir uns ein Beispiel nehmen sollen. Es geht um Mut und  Selbstbewusstsein. Anders als „Birdsong„, wo sie sich fast verletzlich unsicher gibt oder „Lifeline„, wo sie mit der Abhängigkeit von einer anderen Person spielt. YES QUEEN!

„‚Cause I have power in my arms, power in my legs, power in my mouth, power in my imperfections that make me. Power in my knowledge, power in the magic I do“



Bei der genaueren Betrachtung der Albumkonzeption sind die roten Fäden besonders spannend, die sich durch mehrere Songs weben. Thematiken, die sich über mehrere Tracks ziehen und als Ganzes ein ganz neues Bild ergeben. Wiederkehrende Motive wie Vogel-Analogien und das biblische Paradies auf einer weltlichen Ebene sind immer wieder zu finden. Statt des Apfels gibt es hier „Mango“ mit paradiesischen Anspielungen, wo Zweifel von purem Verlangen überspielt werden. Verbotene Gefühle und die süße Versuchung.

Doch kommt man mit diesen Sünden in den Himmel? Das fragt „Body // Blood„, und stellt klar: „I’m no Adam to his Eve„. Mit Closing-Song „Apologise“ gibt es schließlich eine halbherzige Entschuldigung für ihr Gegenüber, eine aufrichtige für sich selbst. „And so I am a fool for letting this go on„.

Rosie Lowes Stimm-Spektrum ist gewaltig. Sie lässt tief in ihr Inneres blicken, doch gibt sich unantastbar. Ist sexy und selbstbestimmt. Musikalisch reiht sie sich in eine Garde britischer Künstler ein – zum Beispiel HONNE, Sampha, Jordan Rakei, Jorja Smith und so weiter – die mit ihrer Mischung aus R&B und Jazz gemischt mit elektronischen und Pop-Elementen ihr eigenes Genre geschaffen haben.

Es lohnt sich, sich mit „YU“ genauer auseinanderzusetzen. Man kann sich von den fabelhaften Musikarrangements berieseln oder sich von Rosie Lowes Talent für Songwriting und Scene-Setting in den Bann ziehen zu lassen.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Sophie Mayanne