Zu den ersten Alben, die ich als Kind besaß, gehörten die von Sarah Connor. Eines ihrer Poster aus der Bravo, damals mit – nennen wir es mal „frechem“ – Kurzhaarschnitt, zierte die Tür meines Kleiderschranks. Im Urlaub mussten meine Eltern mit mir „Sarah und Marc in Love“ schauen. Ihre Musik hörte ich mit den Jahren weniger, meine Sympathie zu ihr blieb bestehen.

Ein Artikel von Ronja Schweizer – Mit „Muttersprache„, ihrem ersten deutschsprachigem Album, kehrte sie vor vier Jahren zurück in mein mittlerweile erwachsenes Leben. Regelmäßig finden die Songs ihren Weg in meine Playlists. Umso mehr freue ich mich, dass mit „Herz Kraft Werke“ endlich ein neues Album erscheint. Und ich rein hören und darüber schreiben darf.

Es gibt eine Problematik, die auch Liebhaber deutschsprachiger Musik ehrlicherweise nicht leugnen können. Jedes Wort intuitiv zu verstehen, ist nicht zwangsläufig schön: Emotionen wirken schnell kitschig, Mut-Mach-Zeilen à la Julia Engelmann inzwischen gern abgedroschen, Botschaften scheinen sich häufig zu ähneln. Der Schatz von Sarah Connors Album liegt darin, dass es ihr gelingt, dass ihre Songs nicht banal klingen. Sie sind ehrlich und authentisch. So sehe ich auch gerne großzügig über einzelne Zeilen hinweg, die wohl unter dem Druck, klangvolle Reime zu kreieren, entstanden sind („Mein Kater sagt: „Gib mir was zu fressen“. Ich will nur vergessen“). Der Gesamteindruck entschädigt allemal.


„Und dein Flugzeug aus Papier liegt immer noch hier…“


Es ist nicht leicht, den Klang des Albums in wenigen Worten zusammenzufassen. Das mag daran liegen, dass sich die Stücke zwar (mit Ausnahmen) auf der einen Seite ähneln – gleichzeitig aber eine ganze Bandbreite an Emotionen und Erfahrungen abdecken. Vielleicht kann man das Album so treffend resümieren: Sarah Connor vertont das Leben mit seinen hellsten Momenten und seinem bittersten Schmerz. „Flugzeuge aus Papier (Für Emmy)„, ein Song, der schon vorab als Single-Auskopplung erschienen ist, verarbeitet den Tod der kleinen Tochter von Sportler Bode Miller.

Der Verlust des eigenen Kindes ist das wohl größte Leid, das einem Menschen widerfahren kann. Ich habe noch keine Kinder und trotzdem schon Angst davor, wenn ich es mir nur vorstelle. Worte dafür zu finden, scheint kaum möglich. Connor gelingt es, eine Ahnung von diesem Gefühl zu transportieren. Grenzenlose Hilflosigkeit mit einem Hauch von Hoffnung. Ein Song so traurig und gleichzeitig so schön, dass man ihn immer wieder hören möchte. Das könnte auch an der Glaubwürdigkeit liegen, die ihre Songs charakterisiert. Dass sich die Sängerin beim Schreiben von der Beziehung zu ihrer Familie hat inspirieren lässt, ist offensichtlich.



So erzählt „Unendlich“ von der Liebe zu ihrer Tochter und „Schloss aus Glas“ von der Verbindung zwischen ihren Eltern. Die Stücke des Albums sind persönlich und lassen doch genug Raum, sich selbst wiederzufinden und zu identifizieren. Ein Song, der ein ganz anderes, aber genauso starkes Gefühl wie „Flugzeuge aus Papier“ verarbeitet, ist „Dank dir„. Wer das Glück hat, einen Menschen in seinem Leben zu haben, der es etwas besser, heller und lebenswerter macht, wird mit diesem Song Worte dafür gefunden haben, welches unendliches Glück sich darin verbirgt. Mich spricht der Song sogar noch mehr an als „Ich wünsch‘ dir„, eine Liebeserklärung an ihren Ehemann.

Einen Ohrwurm hat die Sängerin mit dem bereits gefeierten „Vincent“ geliefert. Wenn sie mit dem energiegeladenen „Mama“ die Bridges einleitet, geht das durch und durch. Unwillkürlich stimmt man zu: Manchmal kann es einen fast verzweifeln lassen, zu fühlen, was man fühlt. In Vincent geht es um die Suche nach der eigenen Identität. Den Mut, man selbst zu sein. Und ganz ehrlich – steckt nicht manchmal ein Vincent in jedem von uns?



Ihr musikalisches Spektrum möchte Connor mit Werken zum Ausdruck bringen, die zwischen den anderen Songs aus der Reihe tanzen. Zwar weiß man, dass sie in ihrer selbst geschriebenen Musik kein Blatt vor den Mund nimmt, dennoch braucht es einen Moment, um sich an diese Facette zu gewöhnen. „Niemand pisst in mein Revier“ macht schon mit seinem Titel klar, dass die Künstlerin hier eine straighte, fast rotzige Seite von sich präsentiert und wie schon in „Vincent“ mit ihrer Wortwahl auch mal provozieren möchte.

Mir persönlich gefallen die Songs am besten, die besonders pur klingen. So braucht z.B. auch das oben erwähnte „Dank dir“ für mich gar nicht die gewählten Back Vocals, um kraftvoll zu sein. „Herz Kraft Werke“ ist für mich ein sehr gefühlvolles, intensives Album. Ich würde mich nicht als einen Menschen beschreiben, der besonders gut mit Gefühlen umgehen kann. Wenn ich etwas Starkes fühle, überfordert mich das oft eher und ich mag es nicht zulassen.

Dennoch, oder vielleicht genau deswegen, spricht mich ein Album an, dessen Songs aktiv und ehrlich die schönsten und schmerzvollsten Emotionen anpacken und etwas Wunderbares entstehen lassen. Ich bin mir sicher, dass mich manche davon begleiten, in mir nachwirken werden. Und sich einige auch in ein paar Jahren noch in meinen Playlists wiederfinden.


SARAH CONNOR live

25.10.2019 Erfurt, Messe
26.10.2019 Berlin, Mercedes-Benz Arena
27.10.2019 Bremen, ÖVB-Arena
29.10.2019 Hamburg, Barclaycard Arena
30.10.2019 Hannover, TUI Arena
31.10.2019 Oberhausen, König-Pilsener-ARENA
02.11.2019 Köln, LANXESS arena
03.11.2019 Stuttgart, Porsche Arena
05.11.2019 Mannheim, SAP ARENA
06.11.2019 CH-Zürich, Hallenstadion Zürich
08.11.2019 Leipzig, Arena – Leipzig
09.11.2019 München, Olympiahalle München
10.11.2019 Frankfurt am Main, Festhalle Frankfurt
12.11.2019 AT-Wien, Wiener Stadthalle – Halle D


Autorin: Ronja Schweizer / Photocredit: Universal Music