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Seed to Tree & „Proportions“: Traumwelten erobern

Seed to Tree & „Proportions“: Traumwelten erobern

Luxemburg zählt nicht nur bei Stadt-Land-Fluss in gleich zwei aufeinanderfolgende Kategorien, sondern auch zu den Geheimtipps für Musikenthusiasten. Unter den rund 600.000 Einwohnern befinden sich Georges, Benjamin, Benni und Michi – kurzum Seed to Tree. Mit ihrem zweiten Album „Proportions“ ziehen sie uns in träumerische Indie-Sphären. 

Ein Artikel von Anna Fliege – Frontmann Georges klingt nicht überschwänglich kitschig-klebrig happy und doch strahlen seine Worte und die darunterliegenden Melodien glücklich, zufrieden. Im Einklang mit sich selbst. Es ist diese gradlinige Zurückhaltung, die „Proportions“ so spannend macht. Selbst in Momenten, wenn Seed to Tree ausbrechen, keine Gefangenen ihrer eigenen Grenzen sein wollen, wird man als aufmerksamer Zuhörer nicht erdrückt von Klängen und Soundwänden.

Und auch, wenn der Nachfolger vom 2015er-Debüt „Wandering“ eine harmonische Einheit bildet, sticht doch der ein oder andere Track besonders hervor, der nicht ungenannt bleiben sollte.

Within Me“ landet noch vor dem ersten Refrain auf der gedanklichen ‚Muss ich (nochmal) live erleben‚-Wunschliste. So vielversprechend sind die elektrischen Einflüsse, der zitternde Bass, die Foals-esque Dramaturgielinie auf 4:40 Minuten. Schon im letzten Sommer, als ich die sympathische Vierertruppe zu einem mit etlichen Lachpausen gefülltem Interview traf, sprach Drummer Michi von eben diesem Song, nannte ihn seinen Live-Liebling.

Song für Song treiben wir auf Wellen von verträumten, unendlich scheinenden Gitarrenriffs, hier und da begleitet von Synthie-Häppchen. „Lack of Proportion„, ja schon fast ein emotionaler Sog. Mit einer Intelligenz, Soundfragmente zu einem Ganzen zusammenzuformen, die man es von den großen Meistern namens Ben Howard oder Bon Iver kennt. Seed to Tree dürfen sich gerne einreihen, erlangen durch ihren Underdog-Status doch dennoch eine Kontingent an Freiheit, das dem Album bei seiner Leichtigkeit unterstützt.

Weil alle guten Dinge drei sind und der vorletzte Song des Albums unbedingt namentlich erwähnt werden muss, ein paar Worte zu „All Night Long„: Hier ergreift der Sound eindeutig die Oberhand, die Vocals versinken auf eine Art und Weise darin, dass man gleich hinterher springen möchte.

Wer nach dem großen Tam Tam gesucht haben sollte, hat ihn wohlmöglich zum Schluss gefunden. „What Did You Mean By That“ reißt sich von der träumerischen Stimmung los und uns auf den Boden der Realität zurück. Ein Feuerwerk aus dem kompletten Seed to Tree-Repertoire. Schluss mit Zögerlichkeit.

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Wer bei „Proportions“ keine extreme Weiterentwicklung der sympathischen Bande raushören kann, hat nie zu „Until It Gets Better„, einer der alten Dauerbrenner, getanzt. Seed to Tree klingen vier Jahre später weniger poppig, dafür um ein vielfaches tiefgründiger. Ein Album wie gemacht für lange Spaziergänge am Strand, für ausgiebige Tauchgänge in der heimischen Badewanne, für nächtliche Autobahnstunden. Eins zum Genießen. Mit der Prise Neugier, von welchen Orten, Menschen und Anekdoten die Texte handeln. Und was die Jungs live daraus zaubern werden.



SEED TO TREE live

15.04 – Mainz – Schick & Schön
16.04 – Dortmund – Fzw
17.04 – Köln – Stereo Wonderland
18.04 – Berlin – Monarch
19.04 – Marburg – Cafe Q
20.04 – Friesoythe – Holla Die Waldfee
21.04 – Kiel – Fahrradkino Kombinat
22.04 – Hamburg – Astrastube
23.04 – Oldenburg -Umbaubar


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Seed to Tree

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