Wer mit 165 Millionen Instagram Followern Platz 1 der Social Media-Rangliste anführt, kann nie so ganz untertauchen. Ist sie auch nie wirklich. Ganz im Gegenteil. Und trotzdem feiert Selena Gomez mit dem Release ihres neuen Albums „Rare“ ein Comeback, ja eigentlich sogar mehrere.


Ein Artikel von Anna Fliege – Als Teil des Disney-Ensembles zählte Selena schon in meinen jungen Jahren zu den wohl einflusstreichsten Persönlichkeiten, die Film & Fernsehn in den frühen 2000ern für mich bereithielt.

Ob als Schauspielerin („Another Cinderella Story„, „Wizards of Waverly Place„), Executive Producerin („13 Reasons Why„) oder erfolgreicher Popstar (ihre bisherigen Alben schafften es beide auf Anhieb auf #1 der Billboard Charts) – Hashtag Girlboss. Was sie in die Hand nimmt, wird zu Gold. Zumindest beruflich.

Denn um ihr drittes Studioalbum „Rare“ einordnen und verstehen zu können, ist ein Blick in Selenas tragische Background-Story nötig. Einer der Gründe, warum Fans und Kritiker ganze 4 1/2 Jahre auf den Nachfolger von „Revival“ warten mussten, ist sicherlich Gomez Lupus-Erkrankungen, die 2017 zu einer Nierentransplantation führte und die Künstlerin dazu zwang, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.



„Took a few years to soak up the tears“

Doch das große Drama steckt in ihrem Herzen. Und in jener Beziehung, die auf dem Album allgegenwärtig ist. Als sich Selena Gomez 2010 in den damals noch frischgebackenen Neu-Megastar Justin Bieber verliebte, rechnete wohl noch niemand damit, ein Jahrzehnt später ein Album wie „Rare“ in den Händen zu halten. Es folgten glückliche und unglückliche Zeiten, 8 Jahre einer von den Medien umgarnte On-Off-Beziehung im Rampenlicht.

Als mir nach einer erneuten Trennung von Sel & JB im März 2018 nur vier Monate später die Schlagzeile „Justin Bieber ist verlobt“ entgegensprangt, machte sich ein Lächeln auf meinem Gesicht breit. Ein Happy End für mein Teenie-Idol. Dachte ich zumindest, bis ich den Artikel öffnete und nicht Selena, sondern Model Hailey Baldwin als Verlobte entdeckte.

Das brach nicht nur mir und Millionen von Fans das Herz, sondern ganz besonders Selena selbst.



„I needed to lose you to find me“

Zum Glück umgibt sich Selena mit Menschen, die ihr gebrochenes Herz langsam wieder zusammensetzten. Und wer Trennungshymnen-Queen Taylor Swift seine beste Freundin nennt, kennt sich mit der musikalischen Verarbeitung von Herzschmerz bestens aus.

Große Balladen gehören dazu. „Lose You To Love Me“ ein Beispiel wie aus dem Bilderbuch, das trotz Tränendrüsendrückens eine wichtige Botschaft der Selbstliebe in sich trägt. Hingegen bitterliches Hinterweinen und Heroisieren des Mannes, der für all den Schmerz verantwortlich ist? Ein No Go. An die Regel hält sich „Rare“ zum Glück vorbildlich.



„Feels so good to dance again“

Das wichtigste Element für ein solches Album aber sind die großen Popsongs, zu welchen sich all der Kummer von der Seele tanzen lässt. Mit „Dance Again“ trifft sie das Gefühl auf den Punkt, natürlich verpackt in treibende Popbeats: „I kickstart the rhythm, all the trauma’s in remission. No, I don’t need permission.

Die vielen Facetten des Schmerzes fügen sich zu einem astreinen Popalbum mit authentischen Electro- und R&B-Einflüssen zusammen, dass Selena Gomez 2020 mehr als je zuvor als ernstzunehmende Sängerin präsentiert



„Professionally messin‘ with my trust. How could I confuse that shit for love?“

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Rare“ ist ein Album, dass nach Aufatmen klingt. Wie die metaphorischen ersten Sonnenstrahlen nach dem langen metaphorischen Regen. Nach einer Auseinandersetzung mit Gefühlen, statt einer Verdrängung und Überspielung. „Rare“ ist genau das Album, das es nach den Geschehnissen der letzten Jahre sein musste. Keine gekünstelte heile Welt, keine PR-Tränen.

Selena Gomez schließt das Kapitel ihres Lebens und eröffnet sich mit ihrem erstklassigen neuen Album ein neues. Nach starbesetzten Features mit Acts wie benny blanco, Kygo, Marshmello, Gucci Mane oder DJ Snake und Cardi B, hält „Rare“ gleich zwei weitere 5 Sterne-Gäste bereit: Rapper 6lack und Hip Hop-Genie Kid Cudi.

Doch im Rampenlicht steht ganz klar Sel selbst. Steht wieder ganz allein auf eigenen Beinen und gibt uns die Hoffnung, dass Herzschmerz ein temporärer Gegner ist. Und liefert uns obendrein das Album, dass wir irgendwann im Laufe unseres Lebens sicher noch mal brauchen werden, um das eigene Herz wieder zusammenzuflicken und mit Selbstliebe zu füllen.

Sollte jemand nochmal einen Trennungshaarschnitt benötigen, liefert „Cut You Off“ die perfekte musikalische Untermalung und allerhand Songzeilen, die sich zur Präsentation der neuen Frisur als ideale Textunterschrift für Instagram anbieten.

Ach, um Justin Biebers Frage „Is it too late now to say sorry?“ ein und für alle Mal zu beantworten: Ja.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music