Nach einer wolkenverhangenen Woche empfängt mich der Berliner Himmel am Releasetag von „Rock’n’Roll saved my childhood (lel)“ mit einem strahlenden, unbefleckten Blau. Mein neuronales Erinnerungszentrum speichert diese beiden Fakten, das gute Wetter und die zweite EP von Shelter Boy, umgehend gemeinsam ab.


Ein Artikel von Anna Fliege – Und so wird es immer nach Sonnenstrahlen klingen, wenn die ersten Takte von „Let’Em Go“ erklingen. „Musik, die zu verregneten Herbsttagen mit Videospielen ebenso passt wie sonnigen West Coast-Stunden und dem Warten auf den nächsten Sommer“ sagte ich Ende September über den Song, der mich seitdem nicht mehr losließ. Zu catchy ist er, zu zugänglich, um ihn aus der täglichen Streamingrotation rauszulassen.



Bleiben uns noch 13 Minuten EP übrig. Ja, es ist ein allzu kurzes Vergnügen, aber lädt dazu ein, mehrere Runden zu drehen. „Pale Ocean Child“, die zuletzt veröffentlichte Single, verhält sich beinahe deckungsgleich mit der obengenannten. Ein astreiner Ohrwurm, dessen Zeilen man in den letzten Tagen verinnerlicht hat. Kennt ihr diese Songs, die herausragende Momente innehaben, auf die man sich bei jedem Hören freut? Auf die man hinfiebert? So ergeht es mir mit jedem „Pale Ocean Child„-Refrain, wenn Simons Stimme lauter und energischer wird.



Der Sound von Shelter Boy trifft ins Schwarze. Es ist ein wenig wie Tame Impala, ein bisschen Mac DeMarco-Spirit, die unüberhörbare Nähe zu King Krule und der Coming of Age-Charakter, der immer unweigerlich mitschwingt. Dynamischer als Bedroom Pop, frischer als Slacker Rock. Irgendwie das Beste aus beiden Extremen, sanft gehaftet an Nostalgie.

Simon Graupner aka. Shelter Boy stiftet Hoffnung für die neue Generation deutscher Musiktalente. Zeigt mit seiner sympathischen Art, dass derartige Kunst nicht immer aus Melting Pots wie London, Manchester oder aus den Küstenstaaten kommen muss. Manchmal tut es eben auch Dresden. Lange brauchte man, bis in der Bundesrepublik wieder Musik mit Exportcharakter entstehen konnte. Das war nötig, schaffte ein kredibiles Fundament – doch 2020 ist der perfekte Zeitpunkt, wieder weiter zu denken. Und da kommt Shelter Boy genau richtig.



Während mich die ersten Tracks aufgrund ihrer enthusiastischen Dynamik überzeugt haben, findet „Back At The Bottom“ einen ganz anderen Platz in meinem Herzen. In meinem Kopf ploppen Worte wie „UK“, „Hip Hop“, „Fusion Jazz“, „Post Punk“ und weitere Attribute, die auf dem ersten Blick durchaus ein wildes Potpourri, auf den zweiten Blick völlig Sinn ergeben. Die schnellen Riffs, die monotone, aber bestimmte Stimme, das kingkrulige. Manchmal wünsche ich mir, mehr Musik würde hierzulande so klingen. Bis dahin brilliert Shelter Boy mit seinem Monopol.

Vom anfänglichen Enthusiasmus über die abstruse Euphorie zum echten Herzschmerz: „Use Me„. Es ist traurig, melancholisch, kriegt aber die Kurve, um nicht überdramatisch zu werden. Ich wiederhole mich zwar ständig, aber bleibe dabei: Lasst Shelter Boy einen traurig-schönen Coming-Of-Age-Film mit seiner Musik vertonen.



Seinen Abschluss findet „Rock’n’Roll saved my childhood (lel)“ – an dieser Stelle Props für den grandiosen Titel – mit „Clean Sheets / Blank Page„. Klingt musikalisch genauso hoffnungsvoll wie es der Name verspricht und lässt den traurigen Blick, der uns noch von „Use Me“ geblieben ist, wieder in ein optimistisches Lächeln verwandeln. Der Neustart, ein neues Kapitel, unbeschriebene Seiten. Passt zum Storytelling, aber übergeordnet auch zu Shelter Boys Weg. Seine zweite EP ist erst der Anfang etwas Großem, das sollte uns allen bewusst sein.

Sollte mein Fazit nicht schon glasklar sein, hier noch einmal komprimiert meine Meinung: Geil! Mehr davon bitte!



SHELTER BOY LIVE

29.01 Chemnitz Atomino
30.01 Berlin Berghain Kantine
31.01 Bremen Lagerhaus
01.02 Hamburg Hebebühne
03.02 Köln Helios 37
04.02 Heidelberg Karstorbahnhof
05.02 München Zehner
06.02 Nürnberg Club Stereo
07.02. Leipzig Naumanns
09.02 Dresden Groovestation
13.02 Hannover Lux
14.02 Erfurt Engelsburg


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Philipp Gladsome