Ich war in der dritten Klasse, als ich zum ersten Mal „Mein Block“ hörte. Meine erste, echte Berührung mit Deutschrap. Natürlich hörte ich diese Lieder heimlich, immerhin ich war mit meinen knapp 10 Jahren so weit von „der Straße“ entfernt wie nur eben möglich.


Ein Artikel von Anna Fliege – Damals war man, ähnlich wie in der ewigen Hosen-Ärzte-Debatte damit konfrontiert, sich auf eine Seite zu schlagen: Bushido oder Sido? Nun, mein Herz schlug schnell für Letzteren, ich lernte Worte, die in meiner wohl behüteten Vorstadtsiedlung niemand in den Mund nehmen würde und fand alsbald meine Faszination für das Genre, das in den frühen 2000ern gerade eine nicht gerade elegante Imagepolitur erlebte.

14 Jahre später. Aus dem einstigen Gangster-Rapper ist ein sesshafter Familienvater geworden, die silberne Maske tauschte er gegen ein silbernes Brillengestell. Sein Karriereverlauf ist ein außergewöhnlicher, ein andauernder. Und das alles relativ skandalarm. Um seinen ehemaligen Labelkollegen und Irgendwie-Erzfeind Bushido zu zitieren: „Yeah, guck mal Zeiten ändern sich, dich und deine Sicht.

Sido und ich sind erwachsen geworden. Wo „#Beste“ (2012) noch ein Relikt der Tage war, in dem man sich für kein Schimpfwort, das man auf dem Pausenhof nicht benutzen durfte, zu schade war, ist „Kronjuwelen“ die wohlgereifte Weiterführung der letzten sechs Jahre. Vom schlechten Vorbild zum Radio-Rapper. Das Berliner Urgestein wagte bereits 2010 etwas, das in seinem Wikipedia-Artikel als „Musikalische Neuorientierung“ vermerkt wurde, in dem er sich für seine MTV Unplugged-Edition Sänger Adel Tawil auf die Bühne holte. Dies sollte der Startschuss für eine Zusammenführung zweier Genres sein, die normalerweise aneinander vorbeilaufen würden und höchstens von der Rap-Seite aus mit bösen Zungen gepöbelt werden.

Nicht aber bei Sido. 2013 schließlich fand sich mit Mark Forster, der gerade seinen deutschlandweiten Durchbruch so richtig feierte, ein außergewöhnliches, aber harmonierendes Duo. Zuerst tauchte letzterer auf dem Song „Einer dieser Steine“ auf, im nächsten Jahr lief Sido (zumindest in den meisten Bundesländern) mit seinem „Au revoir„-Feature den lieben langen Tag in den heimischen Radiostationen. Und auch, wenn ich ihn nicht persönlich kenne, würde ich glatt behaupten, dass Mark Forster eine ähnliche Street Credibility wie die 10-jährige Anna hat. Funktionieren tut das trotzdem.

Und dann wäre da noch das berühmte Buorani‘sche „ich heb‘ ab“ aus dem erfolgreichen Charthit „Astronaut„, der sich aus widerspenstiger Ohrwurm herausstellte und Sido ein weiteres Mal dafür sorgte, dass selbst Grundschüler seine Musik feierten. Nur eben nicht mehr heimlich, wie ich früher, sondern stolz und glücklich mit den Eltern zusammen am Frühstückstisch.

Dies ist der eine Teil seiner „Kronjuwelen„. Der andere Teil beschreibt das Phänomen, was Sido auch für eingesessene Rap-Freunde noch immer, nach über einem Jahrzehnt, so interessant macht. Denn immer, wenn man gerade denkt, Sido hätte seine glorreiche Vergangenheit endgültig hinter sich gelassen, überrascht er uns. Im letzten Jahr mit dem „Royal Bunker„-Album mit Savas oder nun, ganz frisch, mit „4 Uhr Nachts“ mit Haftbefehl und, wieder einmal, Savas.

Dieser und viele weitere grandiose Tracks finden sich auf dem Album wieder. Und weil Sido ein nimmermüder Künstler ist, schafft er es nach nur wenigen Jahren wieder einmal, eine ellenlange, namenhafte Tracklist hinzublättern. Die insgesamt 38 Songs des Best Ofs finden sich aus etlichen Kooperationen zusammen, die nicht nur mit Sidos großen Namen vorne auf dem Cover erschienen sind, sondern auch jede Menge seiner Gastauftritte mit sich bringt. Da wäre Genetikks Überhit „Lieb‘ es oder lass es„, der fast schon Malle-reife „Die Nacht von Freitag auf Montag“ von SDP, oder Chefket, Olexesh, Capital Bra und ach, die Liste geht ewig so weiter.

Sido ist und bleibt ein Phänomen. Einer, der nie so ganz von der Bildfläche verschwinden will – und darf. Einer, der Grenzen überschreitet, statt nur verachtend auf den Rest der Musikwelt zu blicken. Ein Mann voller Kreativität, der sich in seiner ganz eigenen Art und Weise immer treu geblieben ist.  Und wie ich schon vor 10 Jahren von ihm lernte: „Du musst auf dein Herz hören.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Lennart Brede