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SIND in Köln: Ganz viel Liebe

SIND in Köln: Ganz viel Liebe

Mir gehen langsam die Vorbandsprüche aus, wie schön!„. Am Donnerstagabend bestritten SIND aus Berlin das erste Konzert ihrer ersten eigenen Tour. Als Schauplatz diente das Kölner Blue Shell im Süden der Domstadt. Das Motto lautete, wie das im April erschienene Debütalbum, „Irgendwas mit Liebe“. Und, so viel sei vorab verraten, es gab ganz viel Liebe!


Ein Artikel von Anna Fliege – Als SIND im April „Irgendwas mit Liebe“ rausbrachten, wurde für mich ziemlich schnell klar, dass dieses Album auch noch am Ende des Jahres den Titel „Lieblingsalbum“ mit sich tragen würde. Als ich die fünf Berliner im Sommer auf dem Kosmonaut Festival das erste Mal live sah, stellte ich fest: ich werde mit von der Partie sein, wenn es eine Tour geben wird.

Gesagt, getan. Das Blue Shell inmitten der Kneipen- & Restaurantstraßen in Nähe des Kölner Stadtkerns ist eine winzige Bar mit Konzertbühne, so ein Laden, in den man reinstolpert und direkt vor der Bühne steht. Am kalten End-Oktober-Donnerstag starten SIND hier ihre erste eigene richtige Tour. Bühnenerfahren sind sie allerdings schon, gern gesehene Vorband oder neuerdings auch häufiger Festivalgast. Doch jetzt müssen sie zu Beginn des Abends die Füße still halten, höchstens zu den Klängen ihrer ersten richtigen Vorband tanzen. Die heißt Kicker Dibs, kommt ebenfalls aus Berlin und klingt auch so. Nicht im negativen, aufgesetzten Sinne, sondern richtig schön. Die Hüften werden gelockert, die Lachmuskeln trainiert. Ich mache mir eine Notiz, dass ich zuhause dringend die Songs der Band runterladen muss.

Um 21:30 Uhr, ein Zeitgefühl hat man zu dieser Jahreszeit ja eh nicht mehr, da es gefühlt immer dunkel ist, schlagen sich SIND ihren Weg durch das Publikum und springen auf die kleine Bühne, auf welcher sie kaum alle Platz finden. Der Bandname leistet ihnen in Neonröhren-Form ebenfalls Gesellschaft – gut, dass der so kurz ist, Annenmaykantereit wären mit dieser Idee hier nicht so elegant davon gekommen.

Das Konzert beginnt, wie auch das Album, mit dem Titel „Wir kommen irgendwann an„. Ein Song übers Dranbleiben, über Ziele und die Verwirklichung von Träumen, selbst, wenn diese etwas Zeit brauchen. Irgendwann ist irgendwie jetzt, aber irgendwie auch nicht, schließlich geht es ja immer weiter. Immerhin wird die wunderschöne Zeile „4 Hände reichen zum Stage-Diven aus“ nicht in die Tat umgesetzt. Zum einen, weil Raum und Bühne viel zu niedrig für einen sicheren Hechtsprung wären und zum anderen, weil die Anzahl der Hände im Blue Shell eher an der 100er-Marke kratzt.

Die Dynamik zwischen Publikum und Band könnte aus einem Bilderbuch für Bands stammen. Wir tanzen und singen textsicher mit und, was Sänger Arne ganz besonders rührt: es wird unaufgefordert im Takt geklatscht. Ja, das überrascht mich als Dauer-Konzertgängerin allerdings auch, also normal ist das nicht – aber unglaublich schön! Hin und wieder kann sich das Publikum nicht zügeln und singt so laut mit, dass Gitarrist Hannes sein Lächeln nur so ins Gesicht gemeißelt ist.

Den ersten von zwei Höhepunkten an einem Abend, der an sich schon ein Höhepunkt ist, bildet der Song „Alpina Weiss„. Dieses Lied ist laut Streamingdienst Spotify mit Abstand der beliebstete. Mit einem Blick in die Review, die ich zum Release des Albums schrieb, fällt mir folgender Satz über „Alpina Weiss“ in die Hände: „Ein Song, der klingt, als könnte man ihn in herrlicher Leichtigkeit mit vielen anderen Menschen zusammen auf einem SIND-Konzert mitsingen.“ Meine scheinbaren hellseherischen Fähigkeiten haben mich, zumindest diesmal, nicht enttäuscht. Kaum beginnt die Melodie des Liedes, schmettern (in einer angenehmen Art & Weise) alle Anwesenden des Blue Shells die erste Strophe so laut mit, dass Arne kurzerhand selbst mit dem Singen aufhört und lieber als Dirigent agiert, weil er baff ist und auch der Rest der SIND-Bande ist baff. Die Gänsehaut ist das größte It-Piece des Abends.

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Doch möchte ich auch einen kleinen Einblick in den zweiten Höhepunkt geben. Beim Interview, das ich kurz vor dem Konzert mit Arne und Schlagzeuger Ludwig führte, kamen wir auf die legendäre Solo-Einlage von Hannes beim Kosmonaut zu sprechen und ich fragte neugierig nach, ob wir erneut in den Genuss kommen würden. Man versicherte mir, dass man dieses Spektakel heraufbeschwören müsse, eine Garantie gäbe es nicht. Da nicht nur ich Sehnsucht nach ein bisschen Amore habe, ruft ein Anwesender „wir wollen Hannes Ramazzotti!“ durch den Raum. Und dann beginnt es. Hannes tauscht seine Gitarre gegen das Mikro und säuselt im bestimmt fehlerfreien Italienisch den Eros Ramazzotti-Klassiker „La Cosa Mas Bella„, die Performance ist unbeschreiblich. Ich versuche mitzusingen, obwohl ich alle meine Italienischkenntnisse aus der Oberstufe schon längst wieder vergessen und mir den Text nie angeschaut habe. Zur Krönung des Momentes wird dem Temporär-Italiener ein Glas Ramazzotti gereicht, bevor er zum Grande Finale ausholt.

Wenig später ist der Abend Geschichte, das erste Konzert der SIND-Tour abgehakt, das Lächeln aller Blue Shell-Insassen breit. Ich wische mir beim Rausgehen eine Lachträne aus dem Augenwinkel und stelle fest: ich werde mit von der Partie sein, wenn es eine Tour geben wird.



SIND live

26.10.18: Kulturzentrum Lagerhaus, Bremen
27.10.18: Privatclub, Berlin
28.10.18: Moritzbastei, Leipzig
15.11.18: Engelsburg, Erfurt
16.11.18: Keller Klub, Stuttgart
17.11.18: Zehner, München


Autorin & Photocredit: Anna Fliege

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