Samstag ist bekanntlich der beste Festivaltag. Man hat sich damit abgefunden, total fertig auszusehen, weil alle anderen es auch tun, das Bier schmeckt noch und ein bisschen Restenergie finden wir auch noch irgendwo. Der Tag startet früh, für viele, die am gestrigen Abend noch zu den Arcade Fire getanzt haben, wahrscheinlich zu früh.

Dabei ist das Programm am frühen Mittag schon grandios. KOLARI, die JÄGERMEISTER BLASKAPELLE, Rap mit BRKN und JUSE JU oder TOM WALKER mit seinem Radiohit „Leave a Light On“.

Plötzlich ist schon Nachmittag. Wer sich gestern noch keinen Sonnenbrand eingefangen hat, wird es heute tun. Außer die Scharr an Leuten, die in süßen und/oder verrückten Tierkostümen rumlaufen. Schwitzen die nicht? Fragen, die wir wohl nie beantwortet bekommen. Ein anderer Trend am heutigen Tage ist mit Hinblick auf 20 Uhr das gute alte Fußballtrikot. „Public Viewing oder The Offspring?“ hört man aus jeder Ecke. Wenn die WM mit dem Lieblingsfestival kollidiert, kann das schon einmal eine schwierige Entscheidung sein.

Doch bis dahin begeistern uns CHVRCHES aus Glasgow erst einmal. Sängerin Lauren trägt zum schwarzen Outfit traumhaft schönen türkisen Glitzer unter den Augen. An mir sähe so etwas wahrscheinlich ziemlich blöd aus, aber ich bin ja auch nicht Lauren. Nach einer halben Stunde geht es rüber zur Green Stage, wo uns das vielleicht beste Konzert des Festivalwochenendes erwartet.

Die DONOTS stehen seit 24 Jahren auf den Brettern dieser Welt und man, das merkt man. Nicht, weil sie so abgeklärt sind, sondern weil sie so bodenständig und sympathisch wie eh und je sind und dabei im Handumdrehen ihr Publikum um den Finger wickeln. Ob Circle Pits, Mosh Pits, Rudern, „HU HA“-Rufen – diese Stunde ist verrückt und fabelhaft. Laut Ingo sei der heutige Tag „Hauptkampftag des Punkrocks“ auf diesem Festival. Wieso, werden wir wenig später noch sehen. Während des Konzertes holen die Donots die Fotografen aus dem Graben auf die Bühne und lassen sie tanzen, wenig später schaut sogar Jesus vorbei, dessen Message für uns alle lautet „TRINKT MEHR!“. Zwischen Tränen lachen und laut mitsingen könnte dieser Nachmittag noch ewig so weitergehen. Das Donots’sche Motto heißt „Ihr – Wir – Bier“ und ich finde, das ist wunderschön. Für einen Cirlce Pit springt Ingo sogar runter von der Bühne und mittenrein ins wunderschöne Chaos. Müsste man Festivalstimmung beschreiben, ich würde dieses Konzert als Referenz nennen.

Ein kurzer Abstecher zu GEORGE EZRA, der in schönster Frühabendsonne die Menschen vor der Blue Stage zum breiten Lächeln bringt. Der junge Brite, der bereits zwei Mal auf diesem Festival spielte, hat sein diesjähriges Album „Staying At Tamara’s“ dabei, auf „Budapest“ und „Barcelona“ muss hier aber niemand verzichten.

Zurück zum Punkrock. FEINE SAHNE FISCHFILET, die sympathischsten Menschen von der Ostsee, feiern am heutigen Tage einen ihrer größten Auftritte. Monchi entschuldigt sich schon zu Beginn für seine angeschlagene Stimme, beim Hurricane am vorherigen Tag habe man schon ordentlich Gas gegeben. Das ändert allerdings nichts an der Stimmung. Ich selber könnte die Szenerie nicht so gut beschreiben, wie es ein Feine Sahne Fischfilet-Song  tut: „Alles auf Rausch – Wann hört dieser Wahnsinn auf? Alles auf Rausch – Unterschätzt uns, lacht uns aus! Alles auf Rausch – Vor der Bühne bunter Rauch.“ Ein starker, wichtiger, emotionaler Auftritt, jede Menge „Sturm & Dreck“-Songs und zum krönenden Abschluss „Komplett im Arsch“ mit Überraschungsgast Marteria, mit dem wir heute Abend noch ein Date haben werden.

Kurz durchatmen, Kräfte sammeln. Wir lassen uns bei WANDA nieder, die zwar offiziell keinen Punkrock machen, es aber irgendwie trotzdem so klingt. Wienerischer Indie-Punkrock würde man das wohl nennen. Hit an Hit reit sich in der Setlist an, gestartet wird direkt mit „Amore“, es ist ein Träumchen.

Und nun? Fußball auf dem Campingplatz? Ne. Lieber ein bisschen THE OFFSPRING, die als Punkrocklegenden an diesem Tag natürlich nicht fehlen dürfen und Leute aller Altersklassen magisch anziehen. Direkt danach folgt eine Düsseldorfer Band, die neben ihren eigenen Songs Pennywise und Ghostbusters covern und sich die BROILERS nennen. Noch so ein Bilderbuch-Festivalauftritt inklusive Feuerwerk. Es wird glückselig getanzt, mit den Armen in der Luft getanzt. Sänger Sammy bringt die schönste Erkenntnis dieses Festivals: „Lieber einen leichten Sonnenbrand, als einen leichten Schnupfen!“. Alle lachen und versuchen dabei, nicht an ihren eigenen Sonnenbrand auf der Nase zu denken. Mit „Meine Sache“ endet ein wunderschönes Konzert, das uns noch ewig in Erinnerung bleibt.

Die Anspannung steigt, der Headliner rückt näher. Die 45 Minuten bis zum Auftritt überbrücken wir mit TWO DOOR CINEMA CLUB, die ihre Indie-Fans nostalgisch werden lassen und die Blue Stage zu einem gigantischen Tanzmob verwandelt.

Es folgen 90+ Minuten, in denen BILLY TALENT eindrucksvoll unter Beweis stellen, wieso sie heute da oben im Line-Up stehen. Hier kann niemand behaupten, sie wären nicht „headliner-würdig“. Die Kanadier, die sich in den letzten letzten 15 Jahren mit fünf Alben ihren Platz an der Punkrock-Spitze besonders in Deutschland verdient und behalten haben, reißen die Green Stage am heutigen Abend mit ihren größten Hits ab. Sänger Ben bringt die Menge mit seinen sympathischen Ansagen reihenweise zum Jubeln, spricht aber auch wichtige Dinge an. Der wohl emotionalste Moment für jeden Fan dieser Band ist, als Drummer Aaron, der aufgrund seiner MS-Erkrankung in den letzten Jahren nicht mehr auftreten konnte und durch Alexisonfire-Schlagzeuger Jordan Hastings vertreten wird, betritt für 3 Songs die Bühne und kehrt an seinen altbekannten Platz hinter den Drums zurück. Ein solch ehrwürdiger Moment für die Ewigkeit, der mit langem Applaus belohnt wird. Mit „Red Flag“ und „Fallen Leaves“, den bekanntesten Billy Talent-Songs, beenden sie ihren Headlinerauftritt bombastisch. Wow. Ein bisschen sprachlos kann man da schon sein.

An Zelt denkt jetzt aber noch keiner. Eilig dackelt die komplette Meute rüber zu MARTERIA, der noch einmal 1 1/2 Stunden alles abreißt. Für seine fetten Liveshows bekannt, bildet der punkrockigste Rapper des Landes den schönsten Abschluss des schönsten Tages, den man sich nur vorstellen könnte. Der Rostocker und seine Entourage bringen die Creme de la Creme der letzten drei Alben aufs Parkett, Marsimoto-Einschub inklusive. Das Southside ist text- und feiersicher, die Uhrzeit völlig wumpe. Wir tanzen uns in Ekstase, „bis die Wolken wieder lila sind„.


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Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Markus Maier