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Stormzy im Kölner Palladium: Safe Space mit Spaß-Garantie

Stormzy im Kölner Palladium: Safe Space mit Spaß-Garantie

Kein ordinärer Freitag. Kein reguläres Konzert. Kein konventioneller Künstler. UK-Grime-Sensation Stormzy bringt seine „Heavy is the Head Worldtour“ nach Köln. Bringt dort ein eindrucksvoll diverses Publikum zusammen. Lässt das Palladium an der Schanzenstraße für einige Stunden zum sorgenfreien Safe Space werden.


Ein Artikel von Anna Fliege – „Big Michael’s back, your time’s up!„. Und wie er zurück ist. Markerschütternde Beats von DJ TiiNY und Lichteffekte kündigen den neuen King of Grime an. Der reißt ab Sekunde 1 das bis zum bersten gefüllte Palladium mit und ab.

Diese dominanten Gesichtszüge, die Stormzy sich während den Tracks stehen lässt, zerschmelzen unmittelbar im Anschluss und unaufhaltbar in einen weichen, ehrlich glücklichen Blick. Das Zahnlücken-geschmückte Lächeln ist hochgradig ansteckend. Man kann ja gar nicht anders, als den 26-Jährigen zu lieben. Er zieht sie alle in seinen Bann, gewinnt all ihre Herzen. Das ist eine seiner großen Stärken.

Seine Ansagen sind nicht akribisch auswendig gelernt oder einstudiert – sie kommen von Herzen, sind hin und wieder sympathisch unkoordiniert und von anhaltenden „STORMZY STORMZY„-Sprechchören durchdrungen.



Eeeenergyyyy Creeeew“ tönt es vor den prunkvollen Up-Beat-Songs durch die ehemalige Industriehalle. Und die Energy Crew ist am Start. Es werden Moshpits geöffnet, mit Armen gewippt, es wird getanzt. Dabei ist es weit weg von chaotisch. Man respektiert sich im Publikum, passt auf einander auf, überschreitet keine Grenzen oder agiert egoistisch. Umstände, die heutzutage so schnell verloren gehen, wenn viele Menschen aufeinander treffen. Aber das hier ist ein zuverlässiger Safe Space und bleibt es auch.

Zum Durchatmen ist die Tracklist gespickt von ruhigeren Songs. Die gehören für ihn dazu, darauf könne er nicht verzichten, erklärt der 1,96 Meter große Hühne fast schon entschuldigend. So, als würden sich nicht alle auf Songs wie „Blinded By Your Grace Pt. 2“ oder „Crown“ freuen. Eine Welle von Gänsehaut durchfährt das Palladium, als Stormzy den Refrain des letzteren Songs tan das Publikum abgibt: „Heavy is the head that wears the crown„.



Eine Sache, die man über Stormzy wissen sollte, ist, dass er längst nicht nur einer der talentiertesten und kredibilsten UK-Rapper ist. Drei Brit Awards, drei GQ-Cover, der Glastonbury-Headlinerslot einzig mit seinem Debütalbum „Gang Signs & Prayer“ – als erster Grime-Artist, als erster schwarze Brite, als zweitjüngster Act überhaupt nach David Bowie. Kein Wunder, dass der britische Musik-Adel ihm zu Füßen liegt. Best Buddy Ed Sheeran agiert seit Jahren als Mentor, Wegbereiter, Unterstützer, Freund und zuverlässiger Collabo-Partner (der an zwei von drei #1 Chart-Erfolgen beteiligt war).

Megastar Adele als Stormzy-Fan der ersten Stunde gab dem jungen Rapper bereits 2016 bei einem ihrer ausverkauften O2 Arena-Konzerte in London auf der Bühne ein Shoutout. Und seit Kurzem ist es auch der neue Pop-Titan Harry Styles, den Stormzy mit seiner offenen Art und Sympathie um den kleinen Finger gewickelt hat.

Eine freundschaftliche Liebeserklärung an Ed darf am heutigen Abend nicht fehlen. Während Stormzy das Melt! Festival im letzten Sommer bei seinem kurzfristigen Headline-Slot noch zum Remix von „Shape Of You“ tanzen ließ, singt Köln heute aus vollem Herzen bei „Own It“ und „Take Me Back To London“ mit.



Umstände, die nicht jedermenschs cup of tea sind. Erst brodelte es jahrelang nur, dann kochte es Anfang diesen Jahres über – die Auseinandersetzung zwischen Stormzy und dem Grime-Urgestein Wiley. Sie entfalteten ihren Beef natürlich wie echte Männer … bei Twitter. Auf salzige Tweets folgten alsbald feurige Punchlines und eilig produzierte Disstracks.

Natürlich lässt es sich Stormzy nicht nehmen, „Still Disappointed“ auf seine Tour-Selist zu packen. Oh, dieses triumphierende Lachen! Quasi Zustände wie bei der Causa Pocher versus Wendler, nur – wie so ziemlich alles, was aus UK kommt – viel cooler.

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Dieses Konzert braucht kein unnötiges Chichi. Keine übertünchenden Visuals, kein Vollplayback, kein thestosterongetränkes Geprotze, keinen Sexismus oder anderweitige Eskapaden, die man auf so manch anderen Hip Hop-Konzerten als gesetzten Teil der Show einrechnen kann. Stormzy ist anders. Und damit ein großartiges Vorbild. Nicht nur für seine Fans, sondern auch für die Branche, für’s Genre.

Statt sich vor der Zugabe noch einmal von der Bühne zurückzuziehen, zieht sich Big Michael lieber auf der Bühne aus. Weg ist das „H.I.T.H„-Tourshirt, das am Merchandise-Stand später noch in großen Mengen verkauft wird. Jetzt werden die Hits geballert. „Know Me From„, „Shut Up„, „Big For Your Boots“ und selbstverständlich das heiß diskutierte, innig geliebte „Vossi Bop„. Stormzys Haltung ist klar. Ihm gefällt das kollektiv gebrüllte „FUCK THE GOVERNMENT, FUCK BORIS“ so gut, dass er es gleich nochmal von vorne beginnt.

Nach der letzten Line springt der Süd-Londoner von der Bühne, rein in den Graben, nimmt Fans in den Arm, macht Selfies und bedankt sich ausführlich bei den strahlenden Menschen in den ersten Reihen. Kein ordinärer Freitag. Kein reguläres Konzert. Kein konventioneller Künstler. Eine lebende Legende. Einer der wichtigsten Künstler der Gegenwart, weit über die Rap- & Grime-Bubble hinaus.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Dominik Huttner

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