Wer bin ich und wie vielen Leuten gefällt das auf Instagram? Kaum einer spricht es aus, fast jeder ist sich dessen bewusst. Sultans Court widmen ihre Debüt-EP „From Afar“, die heute bei Filter Records erscheint, dem Internet oder eher dem Resultat, was es aus uns macht. Ein realer Spiegel für die Gesellschaft, den man vor 20 Jahren noch als Dystopie abgestempelt hätte, im beatgetriebenen Indietronica-Gewand.


Ein Artikel von Anna Fliege – Manchmal nutze ich die Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln, um mir die Menschen um mich herum anzuschauen. Ihr Kopf im 45°-Winkel gesenkt, die Augen starrend auf einen leuchtenden Bildschirm gerichtet. Keiner kümmert sich um den blauen Himmel hinter den verdreckten Scheiben, niemand interessiert sich für die temporäre Gruppe, die mindestens bis zur nächsten Haltestelle bestehen bleibt. Die Welt im Smartphone ist eine andere, eine größere. Das Hier und Jetzt ist dort.

Digital ist besser“ hieß das 1995 veröffentlichte Album von Tocotronic. Das beste Exempel dafür, dass sich auch die größten Helden mal irren können. Damals war ich gerade einmal ein halbes Jahr alt und mir nicht bewusst, dass ich mal zu jenen gehören würde, die man Generation Y und Digital Natives taufen würde. Zu ihnen gehören auch die Mitglieder von Sultans Court.

Definierten sich unsere Eltern noch über eine nagelneue Familienkutsche oder das auf Raten abbezahlte Ledersofa, beweist sich meine Generation über Likes, Klicks und Kicks. Man trifft sich nicht mehr zu Dia-Abenden, um Urlaubsannekdoten mit Freunden zu teilen, sondern shared sie mit hübschen Filtern versehen ungefiltert auf Social Media. „Like mich am Arsch„, wie Deichkind mal so schön sagten. „From Afar„, die Debüt-EP der Berliner Band Sultans Court, befasst sich mit dem gesellschaftsdefinierenden Faktor World Wide Web und seinen Tücken.


Für uns fühlt sich das Internet manchmal ein wenig an, wie der Wilde Westen, in dem Cowboys ziellos durch die Prärie streifen.“ – Gitarrist Konstantin Hennecke


From Afar“ baut auf der Länge von fünf Tracks eine dunkle, doch nicht hoffnungslose Gefühlswelt auf. Das fertige Produkt der Berliner ist unüberhörbar von Acts wie Jack Garrattalt-J, Chet Faker und Glass Animals geprägt. So stellt gerade jeder den Sultans Court-Sound vor. Doch lohnt es sich, ebenso ein Augenmerk auf die Affininität für elektronische Kunst zu werfen, die hier irgendwo zwischen Mount Kimbie und Flume liegen mag.

Heraus kommt ein ganz eigener Signature Sound, der sich konstant hält. Tanzbar, euphorisch, aber nie kitschig oder überheblich. Dabei doch düster und geheimnisvoll. „Shutdown“ ist der perfekte Opener, der sich innerhalb weniger Sekunden ausbreitet und den Raum einnimmt. Jedes Mal freut man sich, wenn der Beat des Refrains einsetzt. Wie es der Titel anteasert, behandelt der Track den persönlichen Rückzug, den Shutdown des eigenen Soziallebens – zumindest in der physischen Welt. Und wie die japanischen Hikikomori (mehr Infos hier: „Shutdown“: Der Indie-Geheimtipp Sultans Court veröffentlicht seine neue Single) in die endlosen Sphären des Internets abtauchen, so taucht der Hörer in die Welt der Platte ein.



Währenddessen häufen sich die unbeantworteten Nachrichten. Nicht direkt antworten wollen, weil man nicht aufdringlich sein möchte. Es tagelang vergessen. Dann nicht mehr zurückschreiben können, weil es mit Sicherheit zu spät und unangenehm ist. Ich habe zuletzt geschrieben, also muss sich Person X wieder melden. Kein Emoji in der Nachricht? Person Y ist bestimmt sauer. Es sind seltsame Angewohnheiten, ja fast schon ungeschriebene Regeln, die digitale Kommunikation mit sich bringt. So enden viele Konversationen im „No Man’s Land„. Dort treibt der zweite Track auf Gitarrenriffs und flowy Drumpad-Beats.

Haunted“ ist ein Traum von Effektspielerei, ein vielseitiges Stück voller Höhen und Tiefen mit dem Ausgleich des monoton gehaltenen Gesangs. Mit ihrer Debütsingle hatten Sultans Court schon vor Monaten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen. Das veröffentlichte Musikvideo tat sein Übriges. Im Interview sprach ich damals mit der Band über das thematisierte Problem, ein ungeliebter Alltagsbegleiter: Toxic Masculinity (hier nachzulesen: Im Wortwechsel mit SULTANS COURT).



Weiter geht es in der „Melancholy Disco“ – der von Sultans Court selbst ernannte Name ihres Musikstils. „Aroma“ pirrscht sich langsam heran. Im Zentrum stets die einprägsame Stimme von Sänger Julius Klaus, umgeben von den cleveren, minimalistischen Beat- und Bassarrangements.

Zum Ende von „From Afar“ lässt man den Minimalismus aber nochmal unwichtig werden. Treibende Klatsch-Loops und eine sich aufbauende Soundwand, die den entstehenden Raum mit „Disembodied“ zu erhellen droht. Und während man so vor sich hintanzt, vergisst man die Welt um sich herum. Und sich selbst. Denn wer sind wir denn? Ist unser Social Media-Ich jenes, das wir morgens beim Zähneputzen im Spiegel betrachten? Muss ich in Zeiten von Face Tune und Fake News überhaupt noch wirklich jemand sein? Was als Ort der Entfaltung angeprisen wird, entpuppt sich nur allzu bald als Taubheitsindikator.

Mein Tipp: Lasst das Smartphone mal Smartphone sein, konzentriert euch stattdessen auf das gelungene Debüt von Sultans Court. Besucht ihre Konzerte und lasst die dortige Realität euern Herzschlag beschleunigen.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Kelvin Bügler