Ich bin entweder gar nicht oder sofort zu begeistern – es gibt nichts dazwischen. Im Fall von Sultans Court trat zum Glück Letzteres ein. Die junge Berliner Band wird oft mit Namen wie alt-J und Glass Animals in einen Topf geworfen und hatte damit meine Aufmerksamkeit in Sekundenschnelle auf sich gezogen. Beim Reinhören in ihre Debütsingle „Haunted“ konnte ich die Vergleiche zu meinen Lieblingsbands zwar nachvollziehen, reservierte Sultans Courts selbst aber vorsorglich schon mal in deutscher Handtuchmanier einen weiteren Platz in diesen Reihen.

Ein Artikel von Anna Fliege – Das Vierergespann, das nun beim Berliner Label Filter Records unter Vertrag steht, veröffentlicht in Kürze ihre erste EP, welche den Namen „From Afar“ tragen wird. Hier trifft Leichtigkeit auf kreative Köpfe und vermischt sich mit dem zuckersüßen Zufall, den die Entstehungsgeschichte von Sultans Court umhüllt. Doch dazu weiter unten mehr.

Erst einmal soll sich die Aufmerksamkeit an dieser Stelle auf die erste ganz offizielle Single „Haunted“ drehen. Der hält die eben angekündigte Leichtigkeit nämlich klein und kommt lieber schwer und düster daher, auf eine richtig gute Art und Weise. Das Video zeigt sich dagegen in Schwere und dem Düster sein in seiner unschönen Art. „Haunted“ untermalt die cineastische Auseinandersetzung mit einem Thema, dass alltäglich, allgegenwärtig ist: Toxic Masculinity.

„Das ist Alltag für die meisten Frauen, nur bekommst du sowas als weißer Mann nicht mit – bis du fragst.“

Hinter dem in Mode gekommenen Begriff verbirgt sich etwas, das nicht mit der nächsten Saison wieder verschwindet, sondern ein grundsätzliches Problem der Gesellschaft darstellt. Sänger Julius sagt selbst dazu:

„Schon als kleiner Junge wird dir von allen Seiten eingeredet, dass männlich sein bedeutet, dass Mann seine Gefühle nicht zeigen darf. Und gewisse Filme auf großen Leinwänden reden uns ein, dass ein Nein auch Ja bedeuten kann. Dass Menschen jedes Geschlechts respektvoll miteinander umgehen und ihre jeweiligen Grenzen akzeptieren, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Offensichtlich ist dem leider nicht so.“



Schwere Kost für ein Debüt, aber richtig stark! Doch nun aber zurück zu schönen Geschichten, die das junge Leben schreibt und das in Zeiten von herabgesenkten Köpfen, die in jeder freien Sekunde auf kleine Bildschirme starren, fast zur Ausnahme geworden ist. Die Verbindung zwischen MS Dockville und Sultans Court also, die nicht unerzählt bleiben darf:

Wenn der Gründungsort eines Musikprojekts eines der genre-definiertesten Festivals der Republik ist, dann sollte es reichen, den Namen eben jenes Ortes zu nennen und die Gründungsgeschichte wäre auserzählt. Wo aber blieben die pseudo-romantische Nebengeschichte des klapprigen Renault Modus, der narrative Teil zu durchgemachten Nächten im Heimstudio oder die prägenden Verweise auf musikalische Einflüsse? Also muss die Entstehungsgeschichte von Sultans Court doch ausführlich erzählt werden.

Dockville Festival 2014 – Raum für musikalische Identifikation, künstlerische Nacktheit und schicksalsträchtige Entscheidungen. Auf dem Weg zum Festival lernen sich Julius Klaus und Konstantin Hennecke, Gründer von Sultans Court, kennen. Der eine hat einen klapprigen Renault Modus von Opa zur Verfügung, der andere sucht dringend eine Mitfahrgelegenheit von Berlin nach Hamburg. Kaum auf der Autobahn, ist die Gründung eines Musikprojekts schon fast beschlossene Sache. “Während der Fahrt wurde uns ziemlich schnell klar, dass wir nahezu den selben Musikgeschmack haben. Fast unheimlich.“ Die ganze Fahrt wurde gefachsimpelt und sich über die eigene Musiksammlung ausgetauscht. Die Bandgründung war zu dem Zeitpunkt wohl unausgesprochen eine beschlossene Sache. „Spätestens als ich auf mehr Konzerten mit Konsti als mit meinen Freunden war, mit denen ich ja ursprünglich hingefahren bin, war mir klar, dass es nicht bei einem bloßen Festivalbesuch bleiben wird.“, resümiert Julius.“


Autorin: Anna Fliege / Presse: Filter Records / Photocredit: Kelvin Buegler