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Taylor Swift & „folklore“: Ganz neue Maßstäbe

Taylor Swift & „folklore“: Ganz neue Maßstäbe

Gerade als man dachte, 2020 könnte nicht ungewöhnlicher werden, kündigte Taylor Swift Donnerstagmittag aus heiterem Himmel ihr achtes Studioalbum an – das in den Morgenstunden des Freitags bereits erschien. Mit „folklore“ bricht sie all ihre Regeln. Und die von der Gesellschaft für sie Geschaffenen gleich mit.

Im Normalfall ist so ein Taylor Swift-Album viele Monate, gar Jahre, im Voraus geplant. Kleine Easter Eggs zwei Jahre nach Musikvideo-Veröffentlichungen ergeben plötzlich Sinn, ein PR-Spektakel auf seinem ganz eigenen Level. Die Swifties sind dadurch über die Jahre zu genialen Hobby-Sherlocks geworden. Da werden Zeitstempel von Tweets und Palmen auf Instagram-Shots begutachtet, verrechnet und große Theorien aufgestellt. Bei Taylor Swift ist bis zum Namen ihres Lippenstifts alles perfektionistisch in den Plan eingearbeitet.

Aber 2020 ist bekanntlich nichts so, wie wir es gewohnt sind. Und während die Welt den Song „Cruel Summer“ vom „Lover„-Album zur Hymne der warmen Monate erklärte, arbeitete Taylor still und heimlich an ihrem neuen Album. Statt es wohlbehütet in den verrückten TS-Masterplan einzuweben, zu perfektionieren und promotechnisch bis zum letzten Atemzug auszuschlachten, kam gestern die überraschende Ankündigung. Bei Instagram schreibt Taylor:

Before this year I probably would’ve overthought when to release this music at the ‘perfect’ time, but the times we’re living in keep reminding me that nothing is guaranteed. My gut is telling me that if you make something you love, you should just put it out into the world. That’s the side of uncertainty I can get on board with.

Und als wäre das nicht schon Überraschung genug, lesen sich die Albumcredits wie mein spektakulärster Fiebertraum: Aaron Dessner, am wohl bekanntesten für seine Rolle als Gitarrist der legendären Indie-Rock-Band The National (aber auch abseits davon ein wahnsinnig beeindruckender Mensch), co-produzierte „Folklore“ und beteiligte sich als Co-Writer an 11 der 16 Songs. Da musste ich zum ersten Mal tief durchatmen, denn ebenso wie Taylor Swift selbst, bin ich riesiger The National-Fan.

Und dann Bon Iver. Ich war mir sehr sicher, dass ich mich verlesen hatte, schwelgte ich wirklich so im Nostalgie-Blues und den Erinnerungen an die Melt Festival-Headlinershow des letzten Jahres? Nein. Taylor Swift kollaboriert wirklich mit Bon Iver aka Justin Vernon. Nicht nur beteiligte er sich an der Entstehung eines Songs – er tritt sogar als Featuregast auf.

Dass Dessner und Vernon gemeinsam auf einer Produktion auftauchen, ist die kleinste Überraschung. Die Freunde, Big Red Machine-Bandkollegen und Eaux Claire-Festivalgründer arbeiten schon seit vielen Jahren zusammen.

Ich kann die Bestürzung vieler mittelalter White Dudes förmlich spüren. Wie kann es dieser Popstar wagen, diese heiligen Namen für ihren Erfolg zu beschmutzen? Wasblablabla. Tschuldigung, ich bin kurz eingeschlafen. Wer sich länger als 5 Minuten mit Taylor Swift beschäftigt, wird sehr schnell herausfinden, dass die 30-Jährige riesiger Fan dieser Künstler ist. Oder, um es in ihren Worten zu sagen: „musical heroes„.

Und doch werden auch sie dieses Wochenende vor den Boxen ihres sündhaft teuren HiFi-Systems sitzen und „Folklore“ hören. Sich dabei vielleicht sogar eingestehen können, dass es an der Zeit ist, von ihrem hohen Ross zu steigen und die Vorurteile gegenüber der Künstlerin mal kurz abzulegen.

Zur Feier des achten Taylor Swift-Albums, habe ich acht Highlights von „folklore“ rausgepickt:

folklore“ richtet all die Kritikpunkte, die sich mir mit „Lover“ auftaten. Mir war das siebte Taylor Swift-Album zu pink, zu glitzerig und oft zu oberflächlich-einfach. Ich fragte mich, ob ich aus dem Alter raus sei, in dem man tagtäglich Taylor hören könnte.

Jetzt bin ich der Überzeugung, dass wir ein Album wie „Lover“ nach „reputation“ brauchten, um bei „folklore“ anzukommen. Taylor klingt auf ihrem neuen Album überraschend reif und unerschrocken, wenn sie von Gefühlen singt. Selbstreflektiert und abgeklärter, wenn sie Beziehungen thematisiert.

Ich liebe Popmusik, keine Frage. Songs, die negative Emotionen unter sich begraben und ihnen die Luft abschnüren können, damit wir uns nicht mehr damit auseinandersetzen müssen. Folk, in welcher Ausführung auch immer, ist so ziemlich das genaue Gegenteil. Hier werden Gefühle ausgegraben und bis zum letzten Splitter des gebrochenen Herzens gesucht, immer mit einem Finger in der Wunde.

Aaron Dessner hat mit seinem Werk schon immer mein Herz an der Stelle punktiert, an der es besonders gut wehtut. Dass er sich jetzt ausgerechnet mir der Künstlerin zusammentut, die mit mir alle Auf und Abs der Gefühlsachterbahn in den letzten 12+ Jahren durchlaufen ist, und so Genres zusammenbringt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, überfordert mich (positiv) fast ein bisschen.

Und nicht nur ist es aufregend, Taylor Swift in diesem Kontext hören zu dürfen. Auch Produzent Jack Antonoff betritt hier für ihn ungewohntes Terrain – im Vergleich zu seiner eigenen Musik mit fun. und Bleachers oder seinen Arbeiten an Alben von Lorde, Lana Del Rey, St. Vincent und den letzten drei Swift-Platten.

Die außergewöhnliche Mischung aus Dessner, Swift und Antonoff macht „folklore“ zu einem Wunderwerk, von dem wir nicht wussten, wie dringend wie es brauchten.

Beim ersten Überfliegen der Albumankündigung war ich der festen Überzeugung, mich verlesen zu haben. Und selbst nach der Veröffentlichung fällt es mir noch schwer zu glauben, dass ich meine Lieblings-Artists, die unterschiedlicher nicht sein könnten, wirklich für einen Song vereint haben.

In der Geschichte der Musik durften wir schon die abgefahrensten Features erleben – aber Taylor Swift gemeinsam mit Bon Iver? Das übertrifft alles. Begleitet von Streichern und einem Piano, konzentriert sich der Song vor allem auf die zwei Ausnahmestimmen.

exhile“ ist ein Gänsehaut-Duett, bei welchem die beiden nicht nebeneinander oder aneinander vorbeisingen, sondern miteinander interagieren, die herzzerreißende Geschichte aus zwei Perspektiven erzählen.

Das Storytelling auf „folklore“ allein ist schon ein Highlight. Wer genauer hinhört, wird über mehrere Tracks hinweg die queere Liebesgeschichte von Betty, James und Inez entdecken. Das „Teenage Love Triangle„, wie Taylor selbst sagte.

cardigan“ erzählt dabei aus Bettys Sicht, „august“ beleuchtet Inez Gefühle und „betty“ schließlich vollendet das Dreieck mit James Sicht der Geschichte.

Und selbst, wenn man in manchen Zeilen Anhaltspunkte findet, die sich auf Taylor selbst beziehen, so ist es doch interessant zu beobachten, die die Künstlerin eine fiktionale Geschichte aufbaut und ausschmückt und ihr Talent für berührendes Schreiben präsentiert.

Lange war Taylor Swift das girl next door, das immer strahlende Mädchen mit der Country-Gitarre und den blonden Locken. Liebschafts-behaftete Geschichten, welche die Presse nur zu gern zu Skandalen aufbauschten, trügten dieses Bild zwar, so richtig wurde man es aber trotzdem nie los. Ihre Netflix-Doku „Miss Americana“ beschäftigt sich damit ausführlich.

Mit „reputation“ zeigte uns Taylor ihre rebellische, rächende Seite, brachte diese neue Freiheit mit dem makellosen rosa „Lover„-Image doch wieder zum Schweigen. Rückblickend wurde nie ein Song mit dem „explicit„-Stempel versehen.

BIS JETZT! „folklore“ sind gleich 5 von 16 damit vermerkt und sowohl auf „mad woman“ als auch auf „betty“ greift Taylor Swift zum F-Word. Was in unserer Hip Hop-getriebenen Kultur gerade eigentlich keinen Kommentar wert wäre, bricht auf Taylor bezogen alle Regeln und Erwartungen. YES GIRL!

Does she smile? Or does she mouth, „Fuck you forever“?

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Vielleicht die größte Überraschung des Albums? Okay, streichen wir das „vielleicht“. Musikalisch lehnt sich Taylor Swift bei „peace“ so weit aus dem Fenster, dass sie gar nicht mehr im Haus sein dürfte. Würde man eine Bon Iver-Tonspur darüber legen, es würde niemandem auffallen.

Und dieser Songtext…so viele andere Geschichten sie auf „folklore“ auch erzählt, so persönlich und autobiografisch wird sie auf diesem Song. Doch statt den vielen kleinen Liebeserklärungen, möchte ich lieber auf die Zeile aufmerksam machen, die sich auf die sehr publiken Auseinandersetzungen mit ihrem ehemaligen Labelmanager Scooter Braun und den jahrelangen Beef zwischen ihr und den Kardashian-Wests thematisiert – auf ihre ganz eigene Taylor-Art:

But there’s robbers to the east, clowns to the west

Für die OG-Taylor Swift-Fans hält „folklore“ eine Prise Nostalgie bereit. Eigentlich begann Taylor ihre Karriere mal als große Country-Hoffnung, wurde dann aber doch lieber der größte Popstar unserer Zeit. Immer wieder findet man Elemente, die an diese Zeit erinnern.

Und der Track „betty“ spielt gekonnt offentsichtlich damit. Möchte man danach nicht direkt Hits wie „Tim McGraw“, „Fifteen“ und „Picture To Burn“ hören? Und dann feststellen, wie sich Taylor über all die Jahre charakterlich weiterentwickelt hat.

Ich habe einfach eine große Schwäche für große, dramatische Swift-Antonoff-Produktionen und „my tears ricochet“ ist genau so eine. Vermutlich der einzige Track des Albums, der sich auch auf den Vorgängern wohlgefühlt hätte. Die Beerdigungsmetapher ist detailverliebt ausgearbeitet.

And if I’m dead to you, why are you at the wake?

Taylor Swift ist die erfolgreichste und dennoch unterschätzteste Künstlerin des 21. Jahrhunderts. Medien, Fans und alle anderen bauten ihr ein schillerndes Luftschloss auf, aus dessen Mauern die 30-Jährige nie wirklich entkam. Jeder Image-Wechsel war minutiös geplant und inszeniert.

Mit „folklore“ gibt es einen Weiteren, der sich dennoch ganz anders anfühlt. Musikalisch wie textlich entkommt Swift dem Luftschloss, wirft alle Erwartungen über Bord und veröffentlicht damit ihr bisher bestes Album ihrer erfolgreichen Karriere.

2020 hat bisher nur Dramen für uns bereit gehalten. Mit „folklore“ werden sie jetzt erträglicher. Wären Covid-19 und die Selbstisolation nicht gewesen, hätte dieses Album wohl nie (in dieser Form) das Licht der Welt entdeckt. Es ist also wirklich nicht alles schlecht.

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