Taylor Swift kehrt von ihrem Rachefeldzug heim. Eine die „reputation“-Ära repräsentierende Schlange explodiert bereits zu Beginn des ersten Musikvideos in unzählige Schmetterlinge. Zu ihnen gesellen sich Einhörner und süße Katzenbabys. Alles umgeben von rosaroten Wölkchen aus Zuckerwatte. Pink-glitzernd thront der Titel „Lover“ über allem.


Ein Artikel von Anna Fliege – Ich fühle mich fehl am Platz. Nein, das liegt nicht im Allgemeinen an der Künstlerin, ich oute mich hier und für alle mal als wahrhaftiger Swiftie. Früher hinter verschlossenen Türen und Private Sessions versteckt, höre ich den unbekümmerten Radiopop heute ohne jeglichen Scham. So, jetzt ist es raus.

Doch nun, wo das neue Album draußen ist, habe ich die Befürchtung, dass ich diesmal wirklich nicht mehr zur Zielgruppe gehöre. Denn es ist so: Ein Taylor Swift-Album lebt von seiner Verpackung. Natürlich katapultieren sich 1-2 ausgewählte Lieder straight in den Pophimmel und werden so zu jahrelangen Megahits – aber ist es am Ende nicht das Gesamtpaket, das die zahlreichen TayTay-Epochen definieren?

reputation“ protze mit Feuer, schwarzen Klamotten, dunkelroten Lippenstiften und Fischnetz-Strumpfhosen. Ein Album, das nach Rebellion auf Basic-Ebene schrie, das perfekte Trennungsalbum markierte und das süße Mädchen von nebenan liebevoll im Garten vegrub: „I’m sorry, the old Taylor can’t come to the phone right now…Why? Oh, ‚cause she’s dead„.

Mit „Lover“ verabschiedet sich Taylor wieder vom ihrem bad girl-Image. Nichts mehr mit Vendetta. Taucht stattdessen alles in Pastelfarben, knallige Dip Dye-Haarspitzen, strasssteinbesetze Accessoires. Taylors neue Merchandise-Homepage schreit lauter nach Claire’s-Shoppingausflügen und einer Flasche des „Mini Sexy„-Parfums als mein 13-Jähriges, zahnspangentragendes Ich.



Blendet man das Gesamtpaket jedoch aus und konzentriert sich auf die musikalische Komponente, ist „Lover“ eine zuverlässige Popplatte mit 18 Songs und allem, was man braucht. Liebeskummer-Balladen („Afterglow„) treffen auf Banger, zu denen man eigene kleine Choreographien vor dem heimischen Spiegel probt („I Forgot That You Existed„) – ja ,auch mit Mitte 20, don’t @ me.

Es gibt jene Songs, die man eingekuschelt nach Sonnenuntergang mit einem Glas Wein auf dem Sofa hören und fühlen möchte („False God“ und „The Archer„) und die, die sofort in die morgendliche Playlist wandern, um zu ihnen unter der Dusche zu performen („I Think He Knows„).

Taylor Swift hat ihr wasserfestes Erfolgrezept mit den Jahren gefunden und daran festgehalten. Keine experiementellen Ausflüge, keine halben Sachen, dafür ein makelloses Popalbum mit Erfolgsgarantie. Erstklassige Features mit den Dixie Chicks und Panic! At The Disco-Frontmann Brendon Urie heben den Wert von „Lover“ nur nochmal und bringen schon fast eine Art Nostalgie mit sich.

Unsere Pop Queen scheint bei sich angekommen zu sein. Die Songtexte explodieren nur so vor positiven Vibes, selbstaufmunternden Mantras und einer seltsamen Friedlichkeit. Apropos Frieden – wer hätte je prophezeihen können, dass die jahrelangen Erzfeindinnen Taylor und Katy Perry im Jahr 2019 tatsächlich das Kriegsbeil gebraben und sich im Musikvideo zu „You Need to Calm Down“ als Burger und Pommes verkleidet in den Armen liegen würden?

Noch besser als diese neue Freundschaft? Taylors wachsende politische Stimme in ihren Songs. Die Künstlerin setzt sich zwar seit Jahren für wichtige Angelegenheiten ein, hielt sich in ihrer Musik bisher aber auffallend zurück. Damit ist jetzt Schluss. In „The Man“ beschäftigt sie sich mit der Tatsache, wie viel einfacher manche Dinge wären, wäre sie keine Frau. Ikonisch und heiß diskutiert schon ihre Zelebrierung der LGTBQ+ Community in „You Need To Calm Down„: „And control your urges to scream about all the people you hate ‚cause shade never made anybody less gay!



Und so verbleibe ich hin- und hergerissen. Wird es Zeit einzusehen, dass ich zu alt für Taylor Swift geworden bin? Dass sie mit ihrem neuen Album bewusst eine neue, andere Zielgruppe anspricht? Und werde ich gerade wirklich zu einem dieser Leute, die „früher war alles besser“ skandieren? Herrje. Ich schwöre, es liegt an den Einhörnern!

Denn so cringy ich Wandtattoo-reife Zeilen wie „You can’t spell ‚awesome‘ without ‚me‚“ auch finde – so laut und freudig singe ich sie dann doch mit. Das Album zur Zelebrierung aller Facetten von Liebe hat zugegebenermaßen schon seine Highlightmomente. Durch die große Trackmenge lässt uns „Lover“ den Raum, unsere eigene Essenz aus dem Album zu ziehen.

Mit Taylor Swift ist es wie mit meinem O2-Vertrag: So oft ich schon dachte, damit endgültig abschließen und einen neuen Lebensabschnitt beginnen zu können, so oft erwischte ich mich dann doch wieder bei einer Vertragsverlängerung. Doch während ich dieses Jahr mir wirklich einen neuen Mobilfunkanbieter suche, bleibe ich wohl oder übel weiterhin ein treudoofer Swiftie. Haters gonna hate, hate, hate.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music