Von High School-Coverband und Tumblr-Geheimtipp zu einer der erfolgreichsten Bands Englands. Man könnte den Werdegang von The 1975 als moderne Tellerwäscher-Millionär-Geschichte erzählen.


Eine Band, die Pop und Indie-Rock so anspruchsvoll und doch tanzbar zusammenbringt, sich dabei immer wieder selbst neu erfindet. Die vierköpfige Band aus Manchester, die spätestens seit Veröffentlichung ihres selbstbetitelten Debütalbums 2013 nicht nur Mädchenherzen höher schlagen lässt, vollbringen mit „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ ihren dritten Geniestreich.

Ein Artikel von Anna Fliege – „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ also. Der Titel des dritten 1975-Albums greift damit ein Thema auf, mit welchem wir seit einiger Zeit nur allzu oft konfrontiert werden. Netflix-Dystopien a la „Black Mirror“ und „Maniac„. Dating-Partner, selektiert durch Smartphone-große Bilder und einer 3-sekündigen Entscheidungsspanne, bevor der Finger zur rechten oder linken Seite des Displays wandert. Der Drang nach Aufmerksamkeit durch kuriatierte Social Media-Feeds und Likes von Fremden. Der weltfremde Wahnsinn von Trump und Kanye in 280 Zeichen. Wöchentlich groß angekündigter Digital Detox. Alles jetzt, alles hier, alles on demand.

Our first three albums are the story of a person; it’s always kind of been my story. It spanned adolescence to maturity, success and trying to mediate the two, and the third one is where we are now.“ – Matty Healy (NME, 2018)


Nun ist das Album zum Glück kein erhobener Zeigefinger, vielmehr eine Ansammlung von Beobachtungen und Erfahrungen – schließlich sind Matty, Adam, Ross und George selbst sogenannte digital natives. Bei The 1975 geht es immer noch um viele Gefühle, um gebrochene Herzen und solche, die wieder wie wild rasen können. Um das Verhältnis zu sich selbst und seiner Umwelt. Um ein weiteres Kapitel des Erwachsenwerdens.

„Jesus save us, modernity has failed us“


Der Albumtitel ist gewohnt lang, die Tracklist noch länger (15 Songs), man bleibt sich dahingehend also treu. Hier stehen die Diskonummern immer noch neben den akustischen Balladen. Ein Album, zu dem man ebenso gut tanzen wie weinen kann, eben, wonach einem gerade zumute ist. Ein Gefühl, das man am ehesten mit dem englischen comforting beschreiben könnte, eine musikalische Umarmung. Eine (Auf)Gabe, die sich die Band einfach nicht nehmen lässt – zum Glück.

Und doch ist etwas anders. Sie sind fragmentierter, experimentierfreudiger, tiefgründiger als je zuvor. Das zeichnete sich mit jeder neuen Vorabveröffentlichung nach und nach ab. Darunter die Single „Sincerity Is Scary„, die bei mir nach nur wenigen Takten die Erinnerung an einen Künstler wachrief: Bon Iver.

„You try and mask your pain in the most postmodern way“


Nun, jetzt würde man ja nicht direkt eine Band wie The 1975 mit Justin Vernons Projekt in Verbindung bringen – doch trotzdem klingen sie, zumindest teilweise, eben so. Und das nicht auf eine unangenehme, abgekupfterte Art und Weise, sondern äußerst reif und authentisch. Ihre Note verlieren sie dadurch nämlich nicht, untermalen diese im Gegenteil sogar. Und auch Track Nummer 4, „How To Draw / Petrichor„, ein Song, der sich innerhalb weniger Minuten von Symphonie zu einer abgefahrenen Elektronummer verwandelt, erinnert an Bon Ivers letztes Meisterwerk „22, A Million“ – aber vielleicht geht es da ja nur mir so.

Hier gibt es viel zu entdecken, viel zu hören, viel zu spüren. Manche Songs sind so vielschichtig, dass man die Ebenen erst nach und nach, nach mehreren Durchgängen wahrnimmt. Hier stehen äußerst persönliche Zeilen neben Momenten aus dem aktuellen Zeitgeschehen (wie die Einbindung des Trump-Tweets „Thank you Kanye, very cool!“ in den Song „Love It If We Made It„). Musikalisch balancieren sie zwischen ihrem extravaganten 1975-Sound samt regelmäßiger Chor-Einlagen und ganz ungewöhnlichen, neuen Elementen.

Auch, wenn es ein besonders langes Album ist, sollte man besonders den letzten beiden Songs noch einmal seine volle Aufmerksamkeit schenken. „I Couldn’t Be More In Love“ und „I Always Wanna Die (Sometimes)“ lassen das Album eindrucksvoll enden, so bezaubernd schöne Songs, die ein seltsames Gefühl von Glück in Kombination mit einem ordentlichen Kloß im Hals hinterlassen.

„When your vinyl and your coffee collection is a sign of the times, you’re getting spiritually enlightened at 29“


Mit „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ klingen The 1975 schon noch auf ihre Art verspielt, jedoch erwachsener, irgendwie gefestigter. Und so wie sie klingen, so sind sie es auch. Die letzten Jahre waren eine reine Achterbahnfahrt, Riesenerfolge der Band konkurrierten mit Healys Drogensucht. Heute ist der 29-Jährige clean, verarbeitet diesen Lebensabschnitt musikalisch und spricht in Interviews (zum Beispiel mit dem DIY Magazine *LINK*) offen darüber.

Mit beiden Beinen im Leben – sicherlich kein 100% fester Stand, aber wer hat den schon? Wieder einmal übertrumpft sich die britische Band mit ihrem großen, dritten Album selbst und zementiert sich so ihre Position als Stimme der Twentysomething-Generation, als musikalische Weiterdenker und Wegweiser. Und weil sie sowieso unhaltbar sind, haben The 1975 bereits jetzt ihr viertes Album angekündigt, welches den Namen „Notes on a Conditional Form“ trägt und noch vor dem nächsten Sommer erscheinen soll. Ein bisschen verrückt, aber auch ziemlich schön!



Autorin: Anna Fliege Photocredit: Magdalena Wosinska