Wäre dieses Album ein Date, ich hätte die Nummer längst gelöscht. Vielleicht noch eine betrunkene Nachricht geschrieben und es umgehend bereut. Eine Release-Verschiebung folgte der Nächsten. Die Band bräuchte noch Zeit, an „Notes On A Conditional Form“ zu arbeiten. Nun ist das vierte The 1975-Album endlich draußen – und man hört jede einzelne Minute, die daran mit größter Hingabe gearbeitet wurde.


Ein Artikel von Anna FliegeThe 1975 brechen auf „Notes On A Conditional Form“ jegliche Regeln. Deshalb durchbreche auch ich die Regeln einer Rezension und beginne mit meinem Fazit.

Ein Album für die Geschichtsbücher. Über die Geschichtsbücher, die es über die letzten und kommenden Jahre einmal geben wird. Ein Album für all die, deren Herzen für die unterschiedlichsten Musikrichtungen schlagen. Und für The 1975. Ein Album, das wie kaum ein anderes die Erzählung der vier Schulfreunde aus einem kleinen Ort bei Manchester wiedergibt. Und eins, dass wie kaum ein anderes den bisherigen Rahmen dieser Band durchbricht.

Ein Album zum ausgelassen Tanzen, zum Pogen und Durchatmen, zum Weinen, zum Lachen, zum Nachdenken und von jedem Track aufs Neue überrascht werden. 80 Minuten Laufzeit, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen. 80 Minuten, die viel zu schnell vergehen. 22 Tracks, denen man mit einer zusammenfassenden Review nicht gerecht werden kann. 22 Tracks, die ein Track by Track verdienen.

1. The 1975

GO DOWN. SOFT SOUND…oh. Nein. NOACF beschert uns nicht das so ikonisch gewordene Intro. Vertraut ist die Stimme, wenn es doch nicht die von Matty Healy ist. Auf 4:56 Min geben The 1975 der jungen schwedischen Aktivistin Greta Thunberg zum ersten Mal auf musikalischer Ebene eine Plattform. In ihrer ruhigen, doch überzeugenden Stimme spricht Thunberg vom Klimawandel, von nackten Fakten und Zahlen, von der Wichtigkeit, etwas zu ändern. Es endet mit der klaren Ansage: „It is time to rebel„.

2. People

Rebellion. Eine Steilvorlage zum zweiten Track. Noch heute erinnere ich mich zu gut an das Gefühl, als ich den Song zum ersten Mal während der Weltpremiere bei Annie Mac hörte und vergaß, zu atmen. Denn „People“ ist das Gegenteil von allem, was man bis dato von The 1975 kannte. Gesellschaftskritischer Punkrock, British Rage, laut, wütend, subjektiv und unbequem. Pogen auf einem Konzert dieser Band? Ja! „Wake up, wake up, wake up.



3. The End (Music For Cars)

Cut. Der gerade noch aufkochenden Wut Luft verschaffen, selber nach Luft schnappen. Kurz stehenbleiben. „The End (Music For Cars)“ ist ein starker Kontrast, ein instrumentaler Stimmungstrenner. Orchestrale Filmmusik über epische Landschaftsszenen. Der Anfang vom Ende der Music For Cars-Ära, die mit „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ 2018 begann und nun mit „Notes On A Conditional Form“ sein bombastisches Ende findet.

4. Frail State Of Mind

Zum ersten Mal begegnet uns hier ein elektronischer Soundteppich mit detailreicher Produktion, den man auf den bisherigen 1975-Alben schon an der ein oder anderen Stelle hören konnte. Der sich aber nie zuvor so ausleben konnte, wie hier. „Frail State Of Mind“ schafft den Sprung von Gesellschaft zum Individuum. Von Wut zu Fragilität und Mental Health.

5. Streaming

Ein weiteres Instrumental, nicht mehr so episch aufbauschend wie „The End“, dafür die perfekte Steilvorlage für „The Birthday Party„. Eine Synergie, die man nach einmaligem Hören nicht mehr hergeben möchte. Bemerkenswert sind, hier besonders gut hörbar, die gekonnten Übergänge der einzelnen Songs.

6. The Birthday Party

Folkig wie nie zuvor mit selbstverständlichen The 1975-Vibes. Mit der expliziten Sprache durchbrechen sie das sonst so blumige Folk-/Americana-Motiv. Unverwechselbare Band-Elemente im völlig neuen Kontext. Beim Eintauchen in die unterschiedlichsten Genres, fast schon der rote Faden des Albums, schaffen The 1975 den eigentlich unmöglichen Spagat, dabei stets so glaubhaft zu klingen.

7. Yeah I Know

Einer meiner großen Highlightsongs des Albums. Fragmentales, dekonstruiertes Electronica. Healy selbst nennt Thom Yorkes Musik außerhalb von Radiohead als Inspiration. „Yeah I Know“ repräsentiert als einer von vielen Songs die Facettenreichheit und Non-Mainstream-Gedanken der Manchester Band.

8. Then Because She Goes

Vom Dancefloor direkt zurück in die 90er.  Der abrupte Wechsel von Electrobeats zu Rockballade überrumpelt in den ersten Sekunden, so prominent treten die Gitarren das erste Mal seit „People„.

9. Jesus Christ 2005 God Bless America

Das Folk-Thema lässt uns nicht los. Reduzierter als zuvor, nur von einer Akustikgitarre und akzentuierten Horn-Passagen. Dafür mit Sängerin Phoebe Bridgers das allererste Feature auf einem The 1975-Album. Dass ihr Name nicht plakativ draufsteht, sei laut Dirty Hit-Manager Jamie Oborne eine bewusste Entscheidung von Bridgers selbst gewesen. Während Matty wieder einmal seinen eigenen Glaubenskonflikt infrage stellt, singt Phoebe vom heimlichen Verliebtsein in ihre Nachbarin.

10. Roadkill

Stark von ihrer letzten Amerika-Tour beeinflusst – währenddessen, FUNFACT, Teile von „NOAFC“  in einem mobilen Studiobus entstanden – glorifiziert „Roadkill“ den Südstaaten-Flair. Ein catchy Ohrwurm, der in die meisten Playlists der 1975-Fans mit großer Wahrscheinlichkeit überhaupt nicht reinpasst. Zu hören sind kleine , fragwürdige, aber ehrliche Anekdoten dieser Zeit: „Well, I pissed myself on a Texan intersection / With George spilling things all over his bag / And I took shit for being quiet during the election.“

11. Me & You Together Song

2020 einen Song veröffentlichen, der nach Nostalgie, nach Cornflakes vor dem Fernseher und schlecht synchronisierten, bunten Sitcoms wie „Full House“, „Hör mal wer da hämmert“ und „King of Queens“ klingt? „Me & You Together Song“ schafft genau das. Gleichzeitig beginnt hier ein Storytelling, das sich über die nächsten Tracks zieht, Phasen einer Liebesbeziehung widerspiegelt. Unabhängig davon verleitet dieser Track zum lauten Mitsingen und beherbergt eine meiner Lieblingslyrics des Albums. „We went to Winter Wonderland / And it was shit but we were happy / „I’m sorry that I’m kinda queer / It’s not as weird as it appears / It’s just my body doesn’t stop me„“



12. I Think There’s Something You Should Know

Wir lassen Nostalgie und stereotypische Amerika-Vibes hinter uns. Kommen zurück zu den glitzernden elektrobehafteten Mustern. Es beginnt mit Klaviernoten, die sich unter treibende Beats mischen. Nach dem Break nimmt der Track eine dunklere Wendung, spielt mit Samples und langsam aber sicher kann man nicht mehr verneinen, was für Produktionsgenies Matty Healy und Schlagzeuger George Daniels sind.

13. Nothing Revealed / Everything Denied

Beim ersten Hören fällt mir die Kinnlade herunter. Was mich zuerst an „If I Believe You“ vom zweiten Album erinnert, entwickelt sich zu etwas noch viel Größerem. Gänsehaut beim Einsetzen des Gospelchors – ein kurzer Aufschrei, als der RAP-PART EINSETZT, AAAAH! Wahnsinn, was da auf 03:38 Minuten passiert. Zurecht als einer der besten The 1975-Tracks aller Zeiten gehandelt.

14. Tonight (I Wish I Was Your Boy)

Von HipHop zu etwas, dass 90er-Jahre-Pop sein könnte, oder R&B und Contemporary Jazz. Ja, genre-behaftete Musikliebhaber haben eine schwere Zeit mit „NOACF“, denn hier gleicht kein Song auch nur annähernd dem nächsten und so richtig einordnen lassen sie sich natürlich nicht. „Tonight (I Wish I Was Your Boy)“ ist ein groovy Hit, der wie maßgeschneidert in die bisherige Diskografie und damit vielleicht sogar besser auf ein älteres 1975-Album passen würde.

15. Shiny Collarbone

Unpopular Opinion: „Shiny Collarbone“ ist mein Lieblingstrack. Knappe 3 Minuten, kein einziger Ton von Matty Healy, keine tiefgründigen Lyrics, dafür Deep House und Vocals von Cutty Ranks. Hiermit möchte ich öffentlich dafür plädieren, The 1975 im nächsten für ein DJ-Set auf dem Sleepless Floor zu buchen.

16. If You’re Too Shy (Let Me Know)

Und als wäre NICHTS gewesen, kein Deep House, kein Rap, beginnt der Instant-Hit des Jahres. „If You’re Too Shy (Let Me Know)„. Ein Song für die ganz großen Bühnen, für sommerliche Abende und Weißwein aus Plastikbechern, für die euphorische Tanzeskalation. Mit Vocals von der großen FKA Twigs und dem größten Ohrwurmpotential des Albums. Der The 1975-igste The 1975-Song der Geschichte. „MAYBE I WOUL LIKE YOU BETTER IF YOU TOOK OFF YOUR CLOOOOTHES.“



17. Playing On My Mind

Durchatmen und das Grinsen einige Momente genießen, bevor „Playing On My Mind“ zum Weinen einlädt. Wieder eine Gitarren-Ballade, wieder ist Phoebe Bridgers zu hören. Und seien wir ehrlich: So traurige Herzschmerzsongs gehören zu einem Album dieser Band dazu. Inhaltsstarke Zeilen, die sich mit den vielen offenen Fragen des Lebens eines Anfang 30-jährigen beschäftigt und den Charakter des Albums so gut wiedergibt.

18. Having No Head

Allmählich schließt sich der Kreis, langsam aber sicher kristallisiert sich das Soundmotiv als einer der roten Fäden dieses Albums heraus. „Having No Head“ ist das letzte Instrumental auf „Notes On A Conditional Form„.

19. What Should I Say

Matty Healys gepitchte Stimme über House-Beats. Ein Track, der ohne Verzerrung der Kultstimme auch hervorragend funktioniert hätte, dabei aber nicht im Geringsten so innovativ für den Sound der Band gewesen wäre. „What Should I Say“ braucht ein paar Anläufe, bis man ihn zu seinen Lieblingstracks zählt. Aber dann lässt er einen nicht mehr los.

20. Bagsy Not In Net

Streichorchester meets Beatbasteleien. The 1975 meets UK Garage. Ein weiterer Geniestreich aus der Feder von George Daniels, der wirklich dringend für DJ-Sets gebucht werden muss.

21. Don’t Worry

Ihr dachtet, die letzten zwei Tracks auf „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ wären emotional gewesen? Grab a tissue. „Don’t Worry“ wurde in Matty Healys Kindheit von seinem Vater, Tim Healy, ursprünglich einmal für Mattys Mutter Denise geschrieben. Nicht nur trägt Tim die Credits, sondern ist auch neben Matty und dem Klavier auf dem Track zu hören. Ich glaube, ich habe da was im Auge.

22. Guys

Zum Schluss ist allen Tränen freie Fahrt gewährt. Eine Liebeserklärung der Band an…sich selbst. Irgendwie das Äquivalent zum 2013er „Girls„, doch viel mehr eine Selbsthommage, die schöner nicht sein könnte. Ein positives Ende dieses Albums, zu dem man Feuerzeuge herauskramen und sich in den Armen liegen möchte. Ein Track, der auf toxic masculinity scheißt, mit den Zeilen „Right then I realised / You’re the love of my life“ zum bejahenden Kopfnicken anregt. Denn vielleicht sind The 1975 wirklich the love of my life.



THE 1975 LIVE

11. Oktober: Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle
14. Oktober: Frankfurt, Jahrhunderthalle
15. Oktober: Berlin, UFO am Velodrom
24. Oktober: München, Zenith


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music