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The Big Moon & „Walking Like We Do“: Das erste Lieblingsalbum des Jahres

The Big Moon & „Walking Like We Do“: Das erste Lieblingsalbum des Jahres

50 potentielle Release-Freitage liegen noch vor uns, bevor wir wieder Bestenlisten schreiben. Ein junges Jahr, ein brandneues Jahrzehnt – und dennoch stellen sich The Big Moon mit ihrem zweiten Album „Walking Like We Do“ bereits jetzt als potentielle Anwärterinnen für die vorderen Plätze heraus.


Ein Artikel von Anna Fliege – Wie fühlt sich das eigentlich an, so ein zweites Album? Der Nachfolger eines so erfolgreichen Debüts, dass es 2017 prompt für den britischen Mercury Prize nominiert wurde. Ein Award, dessen Short List auch mich Jahr um Jahr beeinflusst. Von Außen betrachtet fühlt sich „Walking Like We Do“ verdammt gut an. Ein Album, nach dessem Durchspielen man erleichtert aufatmet und „das brauchte ich jetzt“ denkt.



There is always someone screwing somebody

Doch fällt es mir schwer, eine Review zum neuen Werk der Londoner Women Only-Band zu schreiben, ist doch das Verlangen so riesig, einen ganzen Artikel namens „Meine Lieblingszitate aus „Walking Like We Do““ zu verfassen. Davon gibt es nämlich allerhand. Solche, die persönlich treffen („I‚m at the party, wondering if it’s alright for me to toast her future and drink heavy for mine„) und jene, die Gesellschaftskritik lyrisch umschmeicheln („There is always someone screwing somebody, but we only see the things we want to see„).

Um das herausstechende Songwriting herum haben The Big Moon gemeinsam mit Produzent Ben Allen einen bunten Klangteppich gelegt, der sich als klare Weiterentwicklung in Retrospektive offenbart. Die Harmonien sind glanzvoll, die Klavierklänge hin und wieder so prägnant, dass man meinen könnte, jede einzelne schwarze und weiße Taste hören zu können.   Dabei verliert „Walking Like We Do“ auf ganzer Länge nie an Vielfalt oder Kreativität.



Now we just hang around like a haircut growing out

Immer für Überraschungen bereits, empfängt uns beispielsweise „A Hundred Ways To Land“ mit seinen Pauken und Trompeten und entwickelte sich nach dem ersten Chorus schon zu meinem Liebling des Albums. Die Fleetwood Mac-esque Dramatik steht der Band so gut!

Um noch einmal über die wahnsinnig guten Lyrics zu sprechen, darf in meinen Highlights „Your Light“ nicht fehlen. Die zweite Singleauskopplung verbindet so vieles: Auf den Punkt treffende Redewendungen („Now we just hang around like a haircut growing out„) – denn jeder, der sich mal seinen Pony hat rauswachsen lassen, kennt dieses Gefühl zu gut. Und wohltuende Vergleiche, die Ängste wieder relativieren („Sometimes fate just sings to a different tune„). Nicht zu vergessen auch hier die Kritik, die nicht harrsch, sondern einfach richtig klingt: „So maybe it’s an end ‚cause this don’t feel like a start but every generation probably thought they were the last„.

Ja, wenn man sich so in diesem Album verliert (und das geht wirklich schneller, als man denken mag), klingt Frontfrau Juliette Jackson wie die weise Freundin, die fundierte Ratschläge verteilen kann, weil sie selbst einmal in dieser und jener Lage war und im Gegensatz zu uns (bzw. mir) aus ihren Fehlern lernen konnte. Und dazu die unkitischig hoffnungsvollen Melodien.

The Big Moon hätten mit Sicherheit ein glatt gebügeltes, astreines Indie-Pop-Album aufnehmen können und alle wären happy gewesen. Aber gerade die Ecken und Kanten, die „Walking Like We Do“ besitzt, macht es so herausragend. „Holy Roller“ ist so ein Kandidat, der das perfekt widerspiegelt. Bei dem mein Herz höher schlägt, wenn ich daran denke, ihn live zu hören. Und warte, ist das etwa eine Flöte?

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Wer in den letzten Jahren Alben von HAIM und Maggie Rogers zu seinen Lieblingen zählte, wird mit dem neuen Album von Juliette, Celia, Soph und Fern etwas Neues für die Sammlung finden.

Hört „Walking Like We Do„, verliebt euch in The Big Moon, lasst euch von der Ästhetik dieser Band inspirieren und schaut sie euch bei einem ihrer Deutschlandkonzerte im März an!



THE BIG MOON LIVE

10.03.2020: Köln – MTC
11.03.2020: Berlin – Privatclub


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Pooneh Ghana

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