Ich drücke auf Play und stelle mir einige Minuten später selbst die Frage, was mir in den letzten Jahren in meinem Leben fehlte. Denn plötzlich fühlt es sich an, als wäre es wieder da. Schnell wird mir klar, dass es die eindringlichen Gitarren und die einzigartige Dynamik, die The Black Keys an den Tag bringen, sein müssen. Dan Auerbach und Patrick Carney veröffentlichen nach einem halben Jahrzehnt wieder ein Album. Der Titel „Let’s Rock“ ist dabei so simpel wie treffend.


Ein Artikel von Anna Fliege – Auerbach und Carney sind in ihrer endlos scheinenden Pause glücklicherweise nicht von der Bildfläche verschwunden. Andere Bandprojekte wie The Arcs, ein Auerbach-Soloalbum, Produktionen und die musikalische Untermalung des Netflix-Dauerbrenners „BoJack Horseman“ ließen die Musik-Genies nie aus unseren Köpfen verschwinden. Und seien wir mal ehrlich, wart ihr in den letzten Jahren auf einer guten Indie-Party, auf der man sich nicht gegenseitig die Zeilen von „Lonely Boy“ ins strahlende Gesicht gröhlte? Gut, ich auch nicht.

Aber das Verlangen nach etwas Neuem blieb und blieb und plötzlich, vor ein paar Wochen, brachen The Black Keys ihr Schweigen wieder. „Lo/Hi“ war ein Weckruf für die Musikwelt, ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass man Gitarrenmusik noch nicht abschreiben sollte. Um die hat sich in den letzten Jahren nur noch ein Bruchteil der Bandsphere so wirklich liebevoll gekümmert. Doch wir können aufatmen, denn „Let’s Rock“ ist der musikalische Messias für das Indierock-Jahr 2019.



Schon beim Opener „Shine a Little Light“ möchte ich von Sekunde 1 an euphorisch „JAAA“ rufen, weil die E-Gitarren nicht auf sich warten lassen, sondern direkt loslegen. Wenn dann Dan Auerbach nach einem vielversprechenden Instrumental-Intro zu singen beginnt, ist klar: das Warten hat sich gelohnt.

Und so zieht es sich bis zum allerletzten Takt von „Let’s Rock„. Die moderne Idee von Blues Rock, das Dreckige vom Garage Rock, das gleichzeitig so glamouröse Etwas des Glam Rocks, alles verpackt in ein US-Indierock-Gewand, macht auch das neunte Album des Duos zu einem Must Have, zu einem Klassiker, zu einem weiteren Stück Musikgeschichte. Wer macht denn heute noch so Musik in solch einer Qualität?

Jetzt, so im Nachhein betrachtet, hat den Black Keys ihre Pause gut getan. „Let’s Rock“ klingt bis zum letzten Saitenanschlag durchdacht, rund und noch detailreicher als sein Vorgänger „Turn Blue„. Nicht erzwungen, nicht halbgarr, nicht vom letzten Tonträger kopiert.

Tracks wie „Walk across the Water“ und „Under the Gun“ klingen so, wie ich mir Nashville, wo das Album aufgenommen wurde, vorstelle. Es klingt nach glänzenden, überdimensionalen Neonlicht-Schildern, nach zu vielen Zigaretten, eingelebten Lederjacken und dunklen Bars, in denen zu viel Bier und Whiskey ausgeschenkt wird. „Fire Walk with Me“ ist als Closing Song verboten sexy, aber „Tell Me Lies“ steht dem in Nichts nach. Andere Songs hingegen tragen eine Leichtigkeit mit sich, dass man sie unweigerlich auf der Roadtrip-Playlist parkt. „Go“ ist doch einfach der perfekte Song, um das Gaspedal durchzutreten und sich den Fahrtwind am offenen Fenster durch die Haare pusten zu lassen.

The Black Keys sind und bleiben in ihrer Kunst einzigartig und beweisen mit „Let’s Rock“ ohne Umstände, dass ihnen ein Platz in den vorderen Rängen der modernen Rockmusik gebührt. Kennt ihr das, wenn in Hollywood-Filmen Leute in offenen Hemden und ohne Hose auf Socken durch die Wohnung rutschen und dabei leidenschaftlich Luftgitarre spielen? Das ist genau das richtige Album dafür!



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: WMG