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The Killers & „Imploding The Mirage“: Goodbye, Vegas-Glamour

The Killers & „Imploding The Mirage“: Goodbye, Vegas-Glamour

Was macht man als Band eigentlich, wenn der größte Erfolgshit in diesem Jahr schon seinen 16. Geburtstag feiert? Wie altert man als eine der größten Indie-Rock-Bands der Musikgeschichte mit Würde und ohne wirre Imagewandlungen? The Killers haben auf ihrem siebten Studioalbum „Imploding The Mirage“ versucht, mir diese Fragen zu beantworten.

Es gibt Musik, die klingt nach Vertrautheit, nach unzähligen Erinnerungen – ja, ein bisschen wie nach Hause kommen vielleicht. Bands, mit denen man mehr als sein halbes Leben verbracht hat. Für die man jedes belanglose Gespräch auf Parties schlagartig mitten im Satz abbricht, weil im Nebenraum mein Song läuft. „Oh mein Gott, das ist ‚Mr. Brightside‚“ rufen, als wäre es der undergroundigste Geheimtipp da draußen. Ja, das bin ich.

The Killers prägten mich musikalisch in einer Zeit, in der man noch stolz in Freundebücher schrieb, dass man am liebsten „Charts“ hört. Sie zeigten mir, wie viel Euphorie das richtige Gitarrensolo auslösen kann. Ließen mich vom schillernden Las Vegas träumen.

Ich studierte jahrelang die wachsende Diskographie mit Ehrfurcht und schwöre bis zum heutigen Tage, dass ihr Headliner-Auftritt bei Rock am Ring 2013 eines der besten Konzerte meines Lebens war. Und irgendwo auf meiner alten Festplatte findet sich mit Sicherheit auch noch der sorgfältig gepflegte Ordner mit Brandon Flowers-Fotos, die ich in meinen ersten Jahren des Internets sammelte. The Killers sind eine Band für’s Leben.

Aber wie relevant sind sie in einem Jahr wie 2020 noch? Dort, wo monströse Arenentouren und Headlinerslots beim Hurricane & Southside Festival längst keine Maßstäbe mehr sind (aber trotzdem zu kleinen Freudentränchen im Augenwinkel sorgen)? Was bleibt, wenn man die rosarote Fanbrille absetzt und das siebte Album der Band nüchterner betrachtet. Kann „Imploding The Mirage“ dann noch vollends begeistern und überzeugen?

Ja und nein. Aber erst einmal zum Positiven.

Caution“ als Leadsingle zu wählen, als feierliches wir sind wieder da auszusuchen, war mit Sicherheit die beste Entscheidung, und so bleibt der Song auch auf Albumlänge das große Highlight. Da steckt so viel The Killers-DNA drin, dass der Track sich mühelos in die Classics-Sammlung einreihen kann. „Caution“ ist ein Song für die ausverkauften Arenen und riesigen Festivalcrowds. Einer, bei dem man im Refrain voller Euphorie die Arme in die Luft werfen will.

So schnell mich die Single gecatched hat, so sehr zerbrechen wir andere den Kopf. Die Hand voll Tracks, bei denen man sich einfach nicht entscheiden kann, ob sie nun genial oder irgendwie strange sind, beschäftigen mich einige Umdrehungen. Ist „My God“ nun ein hartnäckiger Hit oder die seltsame Abfeierei einer Glaubensfigur? Liebe ich „When The Dreams Run Dry“ und „Running Towards A Place“ für die imposanten Melodien oder sind sie doch ein bisschen zu Eighties?

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Bei anderen Tracks fällt die Entscheidung leichter. „Imploding The Mirage“ ist das erste Post-Vegas-Album und was soll ich sagen: Man hört es. Allmählich entfernt es sich vom glamorous indie rock’n’roll, den die Band einst selbst besang. Weg vom schillernden Vibe der Casino-Hochburg. Viele der Tracks klingen organischer, haben einen intensiven Americana-Rock-Einschlag a lá Springsteen. Opener „My Own Souls Warning“ verheiratet die alte mit der neuen Welt noch einladend angenehm. Tracks wie „Dying Breed“ und Titeltrack „Imploding The Mirage“ schlagen dann doch zu sehr über die Stränge.

Der Titel könnte passender nicht sein. „Imploding The Mirage“ – das Implodieren der Fata Morgana. Das in sich zusammenfallen einer Scheinwelt in mitten der Wüste. Der retrospektive Blick in den Rückspiegel beim Verlassen von Las Vegas. Nachvollziehbar ist es. Aber mag ich diese Fata Morgana doch irgendwie zu sehr. Die romantisierte Vorstellung von Vegas, vom Nevada-Roadtrip, von reflektierenden Pailettenkleidern und dem Elvis-Verschnitt am Hochzeits-Drive-In. Tief im Herzen weiß ich, dass alle Menschen, die ich kenne, Vegas scheiße fanden. Und ebenso weiß ich, dass The Killers nicht ewig daran festhalten müssen. Aber ich kann mich eben sehr schlecht trennen.

Für Langzeitfans ist das neue Album eine schöne Ergänzung in der Plattensammlung, ein Longplayer mit einer Handvoll Highlights, die auf lange Sicht bleiben, aber keine Wiedergeburt des Indie-Hypes und hoffentlich kein Festnageln auf den Americana-Sound – der bei älteren Fan-Generation mit Sicherheit größeren Anklang findet. Aber jetzt muss ich los, ich glaube, nebenan läuft mein Song.

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